Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 8 (1867)
- Issue
- Heft 22 (29.5.1867)
- Date
- 1867-05-29
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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VIII. Jahrgang. Beilage z« Nr. Leitender Artikel. Dir Vorgänge in Ungarn. (Fortsetzung.) Die Herren Vorsteher in Pesth haben es mit der Autonomie ihrer Schwestergemeinden immer sehr leicht genommen, aber so umgesprungen wie Herr LKnyi mit der ung. Judenheit ist, find sie doch nicht, solche folgenschwere Schritte haben sie doch nicht gegemacht, als directe Ankläger einer religiösen Richtung, zu der sich die weit größere Mehrheit des Landes bekennt, sind sie doch nicht aufgetreten. — Doch greifen wir nicht vor; besprechen wir das Memorandum Absatz für Absatz. — Im Eingänge wird erwähnt, daß hinsichtlich der Aufforderung vom Herrn Cultusminister „über die Wünsche der ung. Israeliten eine Erklärung abzugeben", der Vorstand glaubte, diese Aufforderung beziehe sich nicht auf die Emancipation, auf die Beziehungen der bürgerlichen Freiheit, denn das sei die Sache „des Landes und der Nation" u. s. w. „Wir werden daher nicht sprechen über die Rechte und Jnteresien unserer Glaubensgenoffen. sondern von der Gesammtglaubensge noffenschaft, deren günstige Gestaltung eine unabweisbare Bedingung für die Prosperirung unserer Gesammtgemeindeverhältniffe bildet." Man wird gestehen, daß das .erste Debüt des Pesther Vorstandes von einer diplomatischen Dunkelheit umgeben ist, die dem gewiegtesten Staatsmanne Ehre machen würde. Wir ersehen nur aus demselben, daß die Aufforderung des Herrn Cultusministers sich nicht aus das bezog, womit ihm in dem Memorandum geantwortet wurde. — Hat der Herr Cultusminister wirklich nur im Allgemeinen die Wünsche der ung Israeliten vernehmen wollen, und fühlt sich der Vorstand, wie er später auseinandersetzt, nicht berechtigt im Namen der ungar. Judenheit ihre Wünsche zu formuliren, was eben auch ganz in der Ordnung ist, so ist er ebenso wenig berechtigt im Namen der ung. Judenheit seine specielle Auffassung über die Aufforderung Ausdruck zu geben und im Sinne dieser seiner Auffaffung die Bitte „zur Organisirung einer Landesgesammtgemeinde und einer Centralvertretung" eine Versammlung einzuberufen, auszusprechen. ES muß sich Jedem sofort die Ueberzeugung ausdrängen, wie der Pesther Vorstand seine Ansichten und Wünsche mit denen des Herrn Cultusministers zu verquicken sucht, und sehen wir aus dem Ganzen nicht klar, was der Herr Cultusminister eigentlich gewünscht, was seine ursprüngliche 22 des Israelit. i Absicht gewesen und was ihm vom Pesther Vorstand unterschoben wurde, und hat es den Anschein, als ob! Herr Länyi, gestützt auf die bekannte edle Gesinnung i des Herrn Cultusministers, die Aufforderung selbst pro-! vozirt. und mit der scheinbar unschuldigsten Miene von! der Welt erklärt sich der Herr Vorsteher inkompetent I im Namen der Ungar. Judenheit das Wort zu führen, j unterschiebt aber zugleich der Aufforderung einen Sinn,! den sie nicht hatte und gelangt am Ende zur Kundgebung einer ganz bestimmten Meinungsanderung. Die Anspielung auf eine allgemein gehaltene Aufforderung von Seite deh. Cultusminifteriums genügt eben, die eigenen Ab- und Ansichten mit dem Nimbus hochosfi-! ciellen Glanzes zu umgebenj „Die Verhältniffe, unter welchen die isr. Religionsj gemeinden bestehen, oder richtiger größtentheils nur j vegetiren, sind so drückend,.daß nur der Ge- > meinsinn und das rege Interesse für die Institutionen > der Glaubensgenoffenschaft, die unsere Glaubensgenos-! fen stets in so ausgezeichnetem Maße bekundet haben,! es allein erklärlich machen, daß unsere Religionsge- 1 meinden noch nicht gänzlich untergegangen sind." — Der Vorwurf, mit welchem der Herr Vorsteher gleichsam wie mit der Thüre ins Haus fällt, daß die isr. Gemeinden nur „vegetiren", ist ganz gewiß, Angesichts! so vieler schönen Institutionen, deren sich viele Gemeinj den erfreuen und denen Herr Länyi im Nachsatz mit! so beredten Worten über den „ausgezeichneten Geineinde-! sinn, der unsere Glaubensgenoffen erfülle, Ausdruck! gibt, ganz ungerechtfertigt und steht mit sich selbst im j vollsten Widerspruch. — Da ferner im Laufe der j Auseinandersetzung alle die Klagen und Vorwürfe ge-! gen die Mitglieder und Häupter der Gemeinden selbst i erhoben werden, so begreifen wir nicht, wie dergestalt! die Gemeinden bei seltenem Gemeinsinn vegetiren kön-! nen. Jedenfalls hat der Vorstand der ersten Gemeinde! des Landes sich wenig Mühe gegeben, die Genoffenschaft, der er angehört, in ein günstiges Licht zu stellen.— Daß die Gemeinden vegetiren und wir es nur ihrem ausgezeichneten Gemeinsinn zu danken haben, daß sie überhaupt noch bestehen, schreibt der Bersaffer des Memorandums dem bisherigen System zu, worunter er gewiß das politische Verwaltungs-System meint,! da er die genaue Kenntniß desselben bei dem Herrn j Cultusminister voraussetzt. — Wir haben durchaus! keine Ursache das nun abgethane System in Schutz zu nehmen, überhaupt gehört es in die Tagesordnung, alles Verschulden dem überwundenen System zuzuschreiben. Ein Stein der Verdammniß mehr oder weniger wird ihm auch nicht viel schaden. Das Memorandum klagt hieraus, daß eS