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Der Israelit · 1867-05-29 · Heft 22 (29.5.1867) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
8 (1867)
Issue
Heft 22 (29.5.1867)
Date
1867-05-29
Page
– (sequence 6)
Language
German
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364 mit schweren Sklavenfefseln niedergedrückt hatte, auch diesem Schutz und Heimathrecht zu verleihen, wenn er solche von uns verlangt, denn Brüder sind Alle, die Gott in seinem Ebenbilde erschaffen hat. Darum sollst du, Israelit, nicht gedenken des Leids, das dein Bruder dir zugefügt, trage ihm kein Groll nach in deiner Brust. Lasse die Liebe auslöschen jede Schuld von der Tafel deines Herzens. Lasse die Liebe dich erinnern, daß kein solcher Mensch auf der Erde lebt, der frei ist von allen moralischen Schwächen und Gebrechen; wende dein Auge nicht ab von seinem Elend, eile ihm zu Hilfe in seiner Noth, tröste ihn im Unglück und betrauere ihn, wenn er fällt. Diese letzte Lehre wurde uns in dem heutigen Wochenabschnitte der Thora verlesen. „Nadab und Abihu, die Söhne Aarons, brachten bei dem Weihfeste der Stiftshütte fremdes Feuer vor den Ewigen, das er nicht geboten hatte, da fuhr eine Flamme hervor von dem Ewigen und verzehrte sie und sie starben beide, und Moses sprach zu den zwei Söhnen Aarons: „Eure Brüder, das ganze Haus Israel, sollen diesen unglücklichen Brand beweinen, den der Ewige hat angezündet. „Nadab und Abihu sind gefallen in ihrem eigenen Verschulden, denn sie haben fremdes Feuer gebracht, das Gott nicht geboten hatte. Ganz Israel, das eine Haushaltung und eine Familie im Großen bildet und darum Brüder sind, sollen als liebende Brüder die Gefallenen beweinen. „O, möge diese Lehre stets vor unserer Seele schweben, mögen diese Worte stets in unfern Ohren tönen und in unseren Herzen wiederhallen. „Der ganze Mensch, meine Freunde, ist ein heiliger Tempel, denn in ihm wohnt Gott, und das Herz ist sein Altar, aus dem das Feuer der Liebe ununterbrochen sortbrennen soll. Aber, wie oft geschieht es, daß auf diesen Altäre Gottes fremdes, m heiliges Feuer gebracht wird, und da wo nur das Feuer der Liebe brennen soll, wird das unselige Feuer, das dem Ewigen ein Gräuel ist, angezündet, das Feuer des Hasses und des Neides, der Habsucht und der Zwietracht oder gar das verbotene Feuer der Wollust, der Begierden und der niedrigsten thierischcn Leidenschaften, und wie damals, ist es heute noch gar oft der Fall, daß dieses verbotene Feuer zu einer wilden Flamme herauwächst, die dann den verzehrt, der sie anaezündet, und der Unglückliche hat seinen Fall mit eigener Hand bereitet. O, dann sprechet nicht, wie gar Viele zu sprechen pflegen: kein Erbarmen mit ihm, denn nur er allein trägt die Schuld seines Unglückes; es ist ihm geschehen, wie er es verdient. Er hat Unheil gesäet und muß Unheil ernten." Nein, nicht so spricht die Liebe; die Liebe spricht: „Ihr seid alle seine Brüder, das ganze Haus Israel soll den unglücklichen Brand beweinen." Beweinen, bedauern und beklagen sollen wir den gefallenen Bruder, in brüderlicher Liebe ihm zu Hilfe eilen, wenn Hilfe möglich ist und ihm unter die Arme greifen und ihn wieder aufrichten. „Und wann könnten wir diese Lehre besser anwenden, als in diesem Augenblick, wo die Noth unserer gefallenen Brüder im Süden um Hilfe ruft? Es ist wahr, sie haben das Feuer der Zwietracht selbst angezündet, und die wilden Flammen haben ihre schönen Städte und reizenden Dörfer in Aschhaufen verwandelt, und gefallen sind sie in ihrem eigenen Verschulden; tief gefallen vom Ueberfluß zum Mangel, vom Reichthum zur Armuth und von Armuth zum Bettelstand, und dazu haben noch die zwei Gefährten des Unglücks, Ueberschwemmung und Mißwachs ihren Theil zur Ergänzung des Elends beigetragen. Wie? sollen wir nun theilnahmlos dieses Unglück ansehen? Soll ein alter Groll uns die Ohren verstopfen, um das Nothgeschrei des unaussprechlichen Elends nicht zu hören? O, ihr Männer, die ihr selbst Väter seid, die ihr das Gefühl der väterlichen Liebe kennt, gedenket auch der Tausende von Vätern, die kein Stückchen Brod haben, um den nagenden Hunger ihrer nach Brod weinenden Kinder zu stillen und kein Gewand, ihren nackten Leib gegen Kälte und Hitze zu schützen. Und um wie vielfach größer erscheinen dem Manne diese Jammergestalten, wenn er die Thränen in des zarten Weibes Augen sieht und kann nicht helfen. „O, ihr glücklichen Mütter, die ihr die Noth nur dem Namen nach kennt, denket euch, um das Elend in seiner wahren Gestalt euch anschaulich zu machen, Tausende von Hunger gebleichte Mütter, die ihren schwachen Sprößlingen ihr Blut zu trinken geben, weil es ihnen an Nahrung gebricht, weil sie selbst nichts haben, um ihren schmachtenden Leib zu erquicken. „Wie? Sollen wir ihnen des alten Grolles gedenken und mit tigerartiger Hartherzigkeit ihnen zurufen: „Da: bet und schmachtet mit euren Weibern, mit euren Säuglingen, mit euren Jungen und Alten, mit euren schwachen Greisen und hilflosen Kranken, ihr habet es nicht besser verdient?" Nein, das kann kein Jude, das kann kein treuer Sohn Abrahams, das kann kein Mensch, der Gottes Ebenbild an sich trägt, das kann kein würdiger Sohn dieses gesegneten Landes. Aber lasset nach dem Worte der Schrift ganz Israel den Brand, den Gott angezündet hat, beweinen. Lasset uns, von den seligsten Gefühlen der Bruderliebe begeistert, eilen, abzuhelfen der Noth, abzuwehren das Elend, ein Jeder, wie seine Mittel und Kräfte ihm erlauben. „Ich hoffe, meine Brüder, daß Keiner in unserer Mitte hier so arm ist, um nicht sein Schärflem zu diesem heiligen Zwecke beitragen zu können. „O, bringet ein Jeder euren heiligen Shekel hin zur „Hebrew Relief Affociation," diese wird ihn dank-

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