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Der Israelit · 1867-05-29 · Heft 22 (29.5.1867) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
8 (1867)
Issue
Heft 22 (29.5.1867)
Date
1867-05-29
Page
– (sequence 5)
Language
German
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363 dienstes diese Angelegenheit in Angriff genommen. Hr. vr. I l l l o w y, der gelehrte und geistvolle Prediger der genannten Gemeinde, hat bei der Gelegenheit eine Rede über Bruderliebe gehalten, die wir, dem Wunsche der Gemeinde gemäß, gern vollständig publiciren würden, wenn die Ueberfüllung unseres Raumes dies nicht unmöglich machte. Wir müssen uns daher auf die Mittheilung des nachfolgenden Auszugs beschränken, der auch von Bekennern anderer Confessionen mit Interesse gelesen werden wird: „Sowie der Jude sich durch alle Zeiten durch seine Beharrlichkeit im Glauben als treuer Sohn Abrahams bewiesen hat, und trotz der Stürme der Zeiten und der Schläge der Schicksale, die ihn gar oft zu vernichten droheten, noch immer zum Erstaunen aller Völker als lebendiges Wunder daüehet, — und obgleich ein Greis unter den Nationen — seine Kraft noch immer der eines jugendlichen Helden gleich ist — ebenso hat er sich auch durch sein Leben voll Liebe, durch seine Liebesgesühle und seine Liebeswerke zu allen Zeiten bewährt, — der Jude läßt von der Noth sich nicht suchen, weil er sie, ehe sie noch ganz da ist, schon aufsucht, da, wo sie gewöhnlich einzukehren pflegt, und findet er einen leidenden Bruder, verlangt er nicht erst sein Glaubensbekenntniß von ihm zu erfahren, verlangt nicht zu wissen, welchem Lande, welchem Volke, welcher Kirche der Unglückliche angehört; kurz und einfach sind die Fragen, die er an ihn richtet: „Was kann ich für Dich thun, mein Bruder, was quält Deine Seele, was drückt Dein Herz, was beugt Dein Gemüth so tief? Sage an, mein Bruder, was kann ich für Dich thun, womit kann ich Deinen Schmerz lindern?" Diese Barmherzigkeit ist ein Erbtheil aus dem Hause Abrahams, und das Streben, Andern wohl zu thun, ist dem Juden die wichtigste Aufgabe seines Lebens; darum vereinigt der Jude überall, wo er auch lebt, seine Kräfte mit denen seiner Brüder, um die Werke der Liebe in größerem Maßstabe, als vereinzelte Kräfte es vermögen, ausüben zu können. „G. Gl Es ist nicyt der Jude, den ich heute zum Gegenstand meines Vortrages mache, sondern die jüdische Bruderliebe ist es, von der ich in dieser heiligen Andachtsstunde zu Euch sprechen will. „Bruderliebe ist eine heilsame Wunderkraft, von Gottes Kräften, ein reines göttliches Feuer, das Gott selbst in unseren Herzen angezündet hat. „Wahre Bruderliebe verläugnet sich selbst, und stehet als ein wohlthätiger helfender Engel der gedrückten Menschheit zur Seite, und dehnt sich weiter aus, als der schwache Sinn des Menschen zu fassen vermag. „An des kalten Bruders Lager wachet sie Tag und Nacht, scheuet sich nicht, die kalten Schweißtropfen mit sanfter Hand von seiner Stirn zu wischen, belauscht jeden Athemzug und zählt wie ein getreuer Arzt sorgfältig einen jeden seiner Pulsschläge. „Und vermag sie es trotz aller Mühe nicht, den leidenden Bruder der Gewalt des Todes zu entreißen, weil Gott ihn heimruft, so verläßt sie ihn auch im letzten Kampfe nicht, sie tröstet ihn und ermahnet ihn, sich mit dem Leben auszusöhnen, heißet ihn dem Rufe Gottes freudig folgen, und weiset ihn zu Gott hinauf, dem sie seinen Geist empfiehlt. „Entflohen ist schon die Seele, entschwunden der Geist, hinaufgestiegen ist er zu Gott, der ihn gegeben, und noch verläßt sie auch seine Ueberreste nicht, an seiner Bahre ist sie noch für ihn thätig, sie bettet ihm sein letztes kühles Bett, und befeuchtet seinen Grabeshügel mit den aufrichtigsten Thränen der heißesten Bruderliebe. „Und sind da die Liebesdienste schon zu Ende? Nein, tröstend begleitet sie die betrübte Wittwe von des Gatten Grab nach ihrer stillen Hütte zurück und bleibt wie einst die Cherubim vor dem Garten Eden wachend vor ihrer Thüre stehen, um die Verlassene zu schützen vor Noth und Mangel und vor dem Angriff einer frechen Hand. „Israelit! Es gibt keine Nation auf Erden, wo die Bruderliebe so segensreich wirkt, als in deiner Mitte. Aber wer hat diesen wohltätigen und heilbringenden Engel der Liebe, um dich zu beglücken, vor dir hergeschickt? Wer lehrte dich die Seligkeit der Liebe begreifen und, deinem Gott gleich, lieben und helfen? Wer anders als die auf Horeb geoffenbarte reinste Religion. Heil dir! „Israelit! du hast eine Religion, die nur rein Menschliches von dir verlangt, die nur die Pflicht der Tugend und der Liebe dir auferlegt, deinen Nebenmenschen wie dich selbst zu lieben dir gebietet, die so wenig von den Geheimnissen nach dem Tode, aber so viel vom Leben, von Liebe und Menschlichkeit spricht. „Israelit! deine Religion ist es, die die Emancipation des Geistes zuerst auf der Erde proklamirt hat, und in jenen finstern Zeiten der Vergangenheit, als noch Aberglaube, Vorurtheil und Fanatismus das Scepter führten, und herrschsüchtige Priester und despotische Monarchen den Menschen gefangen hielten und nur Diejenigen neben sich duldeten, die sich ihrem eisernen Joche sklavisch willig unterwarfen — da war's Israels heilige Religion, die zuerst das himmlische Wort der Liebe, der Duldung und Gleichberechtigung aller Menschen ausgesprochen und darum keinen angeecbten Adel anerkannt und keinen Menschen höher als den andern stellt, weil er in einer fürstlichen Wiege eingelullt wurde; dem Ausländer wie dem Eingebornen gleichen Schutz und gleiche Heimathrechte gewähret und keine Volksklaffe, sie möge welchen Glauben immer bekennen, zu kränken, zu unterdrücken oder die natürlichen Rechte ihr zu entziehen erlaubt, aber vielmehr gebietet, selbst den Tyrannen, der uns in Egypten den Geist gebeugt und unfern Leib

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