Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 8 (1867)
- Issue
- Heft 21 (22.5.1867)
- Date
- 1867-05-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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344 erst in unserer Zeit der ernste Wunsch manifestirt, sie aufzusuchen und eine Verbindung mit ihr anzuknüpsen. Schon vor vielen Jahrhunderten waren unbestimmte Nachrichten von unabhängigen jüdischen Stämmen in den Gebirgen Abeffyniens nach Europa gekommen. Man erzählte sich von der großen Menge Juden, die entfernt, in unzugänglichen Regionen, von ihren eignen Fürsten nach ihrer eigenthümlichen Constitution regiert werden. Jedoch wurden diese Erzählungen gewöhnlich nicht geglaubt und sehr oft von christlichen Gelehrten bespöttelt. Es war mit den freien Juden in Abefsynien wie mit dem jüdischen Königreiche der Chazaren. Nach der Veröffentlichung von Bruce's „Reisen in Abefsynien", gegen das Ende des 18. Jahrhunderts, konnte die Existenz der Falascha's nicht mehr bezweifelt werden, da er ihrer nicht nur erwähnte, sondern auch von ihrer Unabhängigkeit und ihrer eignen Königin, deren Namen Judith gewesen sein soll, gesprochen hat. Die Falascha's wurden nun in vielen Reisewerken beschrieben. Die Aufsuchung derselben wurde auch von einigen jüdischen Gelehrten unternommen. Unter diesen war der hochbegabte PH. Luzzatto, Sohn des verstorbenen Luzzato, Proseffors an der Rabbinerschule zu Padua, der hervorragendste. Die Mysterien, in welche diese Völker eingehüllt waren, hatten einen besonderen Reiz für diese wißbegierigen Geister. Da aber in der neuern Zeit kein jüdischer Reisender sie besuchte, so sind die Nachrichten über dieselben aus Werken von solchen Reisenden entnommen, die wegen ihrer Abkunft, ihrer Studien und ihrer Absicht, um welche sie in diese fernen Regionen gedrungen, wenig dazu geeignet sind, in die Geschichte dieses unbekannten Volkes Licht zu bringen. Daß sie fremder Abkunft sind, beweiset schon ihr Name „Falascha's" (in der äthiopischen Sprache eine Bezeichnung für Fremde), identisch mit dem in der Bibel so oft vorkommenden Namen „Philister". Mit dieser Bezeichnung wurden sie ohne Zweifel deßhalb benannt, weil sie von einem andern Lande eingewandert sind. Aber woher sie gekommen und wann sie sich in Abefsynien niedergelaffen haben, das sind Fragen, die bis heute noch keine befriedigende Antwort erhalten haben. Sind sie ein Ueberrest des jüdischen Königreichs, welches in Arabien errichtet war und das, wie im Koran zu lesen ist, ungefähr 70Jahr vordem Tode Mahomeds von den Königen Äthiopiens vernichtet wurde; oder find sie Abkömmlinge jüdischer Flüchtlinge, welche, nachdem das Banner des Halbmondes siegreich gewesen, von der arabischen Halbinsel entflohen sind; oder sind sie die Nachkommen einer jüdischen Kolonie aus Alexandrien, die sich schon in ganz früher Zeit von dem väterlichen Stamme in Unter-Egypten lossagten und die immer weiter nach Süden verdrängt wurden, bis sie endlich in ihrem jetzigen Aufenthalt eine Ruhestätte gefunden haben? Das wissen wir, daß die Trennung von dem Hauptkörper Israels und ihre gänzliche Ausschließung in einer ganz frühen Periode stattgefunden haben muß, so daß diese Kolonie nur noch geringe Gemeinschaft hat mit unfern jüdischen Institutionen. Wenn wir den Mittheilungen einiger Reisenden Glauben schenken dürfen, so wäre anzunehmen, daß sich die Falascha's in ihrer religiösen Praxis mehr den Karai'ten nähern, und wenn es wahr ist, daß, wie Herr D’Abbadie und einige protestantische Missionäre erzählen, unter ihnen eine Art Mönchswesen existirt, so muffen ihre Voreltern in ihrer neuen Heimalh einen strengen Geist eingeführt haben. Wenn auch behauptet wird, daß sie in beklagenswürdiger Unwissenheit und in niedrigem Aberglauben versunken seien, so ist jetzt auch ermittelt, daß sie die nützlichste Bevölkerung des Landes, die Arbeiterklaffe, ausmachen und durch ihre erhabenen Sitten ihren auf einer niedrigen Stufe stehenden Herren überlegen sind. Sie wohnen der Beschreibung nach in eigenen Dörfern; man schätzt ihre Zahl auf eine Million. Die eigenthümlichen Nachrichten von diesem Volke erregten eine Zeitlang die Neugierde der Spekulanten; mehrere eifrige Gelehrten wollten das Problem dadurch lösen, daß sie in das Land eindnngen wollten. Ein junger Arzt, der Sohn des ehemaligen Rabbiners zu Prenzlau in der Uckermark in Preußen, Herr Dr. Aschs, der einige Jahre in der Fremdenlegion in Algier gedient hatte, wollte vor ungefähr 25 Jahren diese entfernten Brüder besuchen, um sie aus ihrer Lethargie zu wecken. Er erreichte die Ufer Abeffyniens; aber da er aller Mittel entblößt und ohne Schutz war, sah er die Unmöglichkeit ein, in das Innere zu kommen. Nach Europa zurückgekehrt, wo er bei seinen einflußreichen Glaubensgenoffen für sein Unternehmen Unterstützung zu erlangen hoffte, fand er sich auch hier getäuscht. Einige Jahre nachher hatte sich in London ein kleines Comits gebildet, dessen Leib und Seele der verstorbene Gerson Kursheedt war. Es wurde beschlossen, einen Glaubensboten dorthin zu schicken. Ein junger Gelehrter fand sich auch dazu bereit, den Versuch zu machen; im letzten Augenblick nahm er jedoch sein Versprechen zurück, und da sonst Niemand sich dazu entschließen wollte, wurde das Projekt aufgegeben. Wieder einige Jahre später bot der jüdische Reisende Benjamin seine Dienste an, aber der plötzliche Tod dieses Mannes verhinderte auch diesesmal die Ausführung. Der letzte Versuch wurde vor zwei oder drei Jahren von dem eifrigen und frommen Rabbiner Dr. Hildesheimer in Eisenstadt gemacht. Er veröffentlichte in mehreren jüdischen Zeitungen einen