Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 8 (1867)
- Issue
- Heft 19 (8.5.1867)
- Date
- 1867-05-08
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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310 die vielen Programme und Einladungen zu Gesichte bekömmt, die jetzt am Schluffe des Semesters von allen Anstalten versendet werden. Es sind aber einestheils diese Schulen nur Religionsschulen, die leider einen geringen Theil an der Bildung der Jugend haben, anderestheils aber stehen diese Anstalten im Dienste der Parteien und können daher wenig Nutzen verbreiten; während der Streit der Meinungen und Parteien doch gerade aus der Schule verbannt sein sollte. Zu den besten Hoffnungen berechtigt die Religionsschule der orthodoxen Bruder-Gemeinde unter Leitung des Dr. Samuelsohn und des Herrn Rabb. vr. Michaelis, die vergangenen Sonntag ihre Prüfungen abhielt. Auch die Religionsschule der Synagogengemeinde veröffentlicht ein Programm, dem wir die jedenfalls erfreuliche Thatsache entnehmen, daß die Zahl der Eltern, die ihren Kmdern Religionsunterricht ertheilen lassen, von Tag zu Tag zunimmt. Die Anstalt zählt 252 Zöglinge. Sehen wir jedoch uns nach der innern Organisation dieser Schule um, so gewahren wir, daß sie durchaus nicht den Anforderungen, die wir an sie zu stellen berechtigt sind, entspricht. Der Unterricht in Religionsgeschichte und Pflichtenlehre ist obligatorisch und wird 4mal in der Woche ertheilt, der Unterricht im Hebräischen ist nicht obligat und nimmt nur 3 Stunden in der Woche in Anspruch. Daher kömmt es denn auch, daß in der Entlaffunge klaffe, die etwa 40 Zöglinge zählt, nur S am Unterrichte im Hebräischen Theil nehmen. In der Industrieschule für arme israel. Mädchen, die schon 66 Jahre besteht, fand Montag den 8. d. M. die Prüfung statt. Auch diese Anstalt steht leider unter dem Einfluffe der verschiedenen Parteien. Ist das z. B. jüdischer Unterricht, wenn der Lehrer seinen Schülerinnen folgende Sätze als Mustervorschriften in die Feder diktirt: „Kirchengehen säume nicht" u. s. w.; dann: „Des Menschen Wrlle ist sein Himmelreich". Sind das nicht die tüchtigsten Vorarbeiten für die Mission, die hier eine eigene Zeitschrift: Dibre schalom weemes!! herausgibt? Sonst waren die Kenntniffe der Schülerinnen befriedigend, die Handarbeiten musterhaft. Ich habe dem geschätzten Leser nun in mehreren Aufsätzen ein Bild der jüdischen Zustände Breslau's in wahrheitsgetreuer Darstellung vorgefttbrt. Das Resumä all' dieser Zeit-Erscheinungen läßt sich folgendermaßen zusammenfaffen: Wenn auf der einen Seite das Hebräische gänzlich aus den Schulen verdrängt wird, wenn zahlreiche Uebertrttte zum Christenthume Vorkommen und die Reform durch Paukenklang*) und *) Ad voccm Paukenklang gestatte ich mir auf einen in meiner letzten Corre pondenz sich eingeschlichenen sinnstörenden Druckfehler aufmerksam zu machen. Es soll nämlich Z. 3 statt Corps de datier Sängerchor des hiesigen Theaters Trommelschall die der Religion entfremdeten Gemüther wieder zurückzuführen sucht, nun so ist diesetwas Alltäguches. — Wenn aber von der Kanzel der orthodoxen Gemeinde herab Aussprüche, wie folgender, gethan werden: „Die Reform ist der Strom der Welt, wir können ihn nicht hemmen;" wenn vom Rabb.-Kollegium so wenig zur Beobachtung des Ceremomalgesetzes gethan wird, daß bezüglich des Koicherfleiseyes gar keine Controlle stattfindet und auf verschiedenen Hauptstraßen Breslau's Kaufläden zu sehen sind, wo im Maule eines Schweinskopfes ein Zettel mit der Aufschrift: -ieo prangt, so sind lües Uebelstände, die öffentlich und rückhaltlos getadelt zu werden verdienen. Karpeles. Celle, 17. April. Das landschaftliche Collegium der Lüneburgischen Landschaft hat in seiner gestrigen Versammlung die Principienfrage, ob die Mitte, der Landschaft bei Verleihung von Stipendien und Freitischen auch zu Gunsten eines bedürftigen Juden verwandt werden dürfen, im bejahenden Sinne entschieden. (Ggw.) Oesterreichischer Kaiserstaat. Loschitz (Mähren). Wenn die Emancipation der Juden der schönste Gradmffer für den Fortschritt eines Landes ist, so wmmt Oesterreich in der Völkerreihe einen bedeutenden Rang ein und könnte wenigstens in dieser Beziehung manchem „Staate der Intelligenz" zum Muster dienen. Die österreichische Regierung hat nicht nur dem Juden erlaubt, ein freier Bürger zu sein, sie hat auch die Kerkerpforten geöffnet und den israel. Sträflingen d'e Tröstungen der Religion gespendet. Einen deutlichen Beweis" hiefür liefert die zwei Stunden von uns entfernte k. k. Straf- und Befferungsanstalt zu Mürau. Daselbst befinden sich an 50 israel. Sträflinge, und zwar meist galizische und ungarische Juden, die alle, mit geringen Ausnahmen, auch in ihrem Unglücke, und vielleicht gerade da, noch einen tüchtigen Fond von Religiosität bewahren. Diesen Unglücklichen ertheilt nun unser von der Regierung eigens dazu angeftellter Gemeinde-Rabbiner, Herr Dr. Elias Karpeles, bereits se't 12 Jahren den Religionsunterricht und es wurde schon zu wiederholten Malen von den hohen und höchsten Behörden der StrafanMI ihre Zufriedenheit über das religiöse und sittliche Verhalten der israel. Sträflinge als ein Ergebniß dieses Religionsunterrichtes ausgesprochen. Am vergangenen P^ßachfeste wurden auch die israel. Sträflinge rituell geipeift. Die Kosten der heißen. Uebrigens bleibt sich dies ziemlich gleich. /B’SSira v'ie» p bs.