Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 8 (1867)
- Issue
- Heft 19 (8.5.1867)
- Date
- 1867-05-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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302 Pflichten" eine didactische Thätigkeit, die zum bessern Berständniß des Judenthums und zur Klärung der Ansichten über dasselbe nicht wenig beitrug; beiderlei Tätigkeiten setzte er später in seinem „ Jeschurun" fort. Dieser hervorragende Mann ist aber nicht ein von der Welt sich abschließender Stubengelehrter, er stand und steht immerwährend in der Mrtte des thätigen, kämpfenden und ringenden Lebens, und schwer wäre es zu entscheiden, was wichtiger und erfolgreicher war und ist, seineschriststellerische oder seine practische Thätigkeit, von der Oldenburg und Emden, Nicolsburg und Frankfurt a. M. gar viel zu erzählen wissen. Dieser Mann nun hat es unternommen, das heilige Schriftwort zu übersetzen und zu commentiren; sein großer Denkergeist, seine gründliche Kenntniß des hebräischen Schrifttums, sein tiefes Eindringen in den Geist und Character der hebräischen Sprache, seine überaus reiche Lebenserfahrung befähigen ihn dazu wie wenig Andere; sehen wir, wie der Herr Verfasser seine Aufgabe gelöst hat. Wir sind berechtigt, unsere Erwartungen hoch zu spannen — sind sie befriedigt worden? Darüber wollen wir den Verfasser selbst reden hören; derselbe sagt im Vorwort: „Den biblischen Text aus sich selber zu erklären; diese Erklärung aus dem Wortausdruck in allen seinen Nüancen zu schöpfen; die Bedeutung der Worte aus dem in dem überlieferten Schriftthum vorliegenden Sprachschätze zu ergründen; an der Hand dieser linguistischen Forschungen und den halachischen und agadischen Ueberlieferungen derselben nationalen Vergangenheit, aus deren Händen uns der biblische Text überkommen, die Wahrheiten zu schöpfen und darzustellen, aus welchen sich die jüdische Welt- und Lebensanschauung erbaut, und die für alle Zeiten die Normen des jüdischen Lebens bilden: das war das angestrebte Ziel. Und wenn dieses Ziel nicht ganz verfehlt, wenn damit anch nur ein kleiner Beitrag zu der Erkenntniß geliefert worden sein möge, welch' ein durchaus einheitlicher Geist die Schrift des göttlichen Wortes durchwehe, und wie dieser Geist nicht ein Geist antiquirter Vergangenheit, wie vielmehr sein die lebendigste Gegenwart und die Zukunfthoffnung alles Strebens der Menschheit sei, so hat der Verfasser nicht vergebens sich versucht." Die Schrifterklärung des Herrn Nabb. H. beruht auf dem Princip der Lautverwandschaft. Um dem Leser davon eine klare Anschauung zu geben, lassen wir die Erklärung des Wortes rnizrcna hier folgen: Cap. 1. V. 1. ena rptwna. Die Lautverwandtschaft mit und wm, wovon das Eine eine Ortsbewegung und das Andere eine innere Bewegung bedeutet, lehrt, daß wir two als den Sitz der Bewegung, als dasjenige Organ zu begreifen haben, von welchem alle äußere und innere Bewegung den Ausgang nimmt. Daher heißt rrroo der Anfang einer Bewegung, der zeitliche Anfang, nie der räumliche. Der räumliche Anfang heißt wie das Ende nap; es sind eben die beiden Endpunkte einer Ausdehnung, die, je nachdem man seinen Standpunkt nimmt, Anfang oder Ende sein können, 'ui rrtwoa heißt somit: im Anfang alles Werdens war es Gott, der schuf: oder mit den beiden nachfolgenden Objekten zusammengefaßt: uranfänglich schuf Gott den Himmel und die Erde. Jedenfalls spricht rvawia das Faktum aus, daß dem Schaffen Gottes Nichts vorangegangen, daß der Himmel und die Erde nur aus dem Schaffen Gottes hervorgegangen. Es ist damit die Schöpfung aus Nichts, j'ND v\ constatirt, eine Wahrheit, die den Grundstein des Bewußtseins bildet, welches die Lehre Gottes uns aufbauen will. Das Gegentheil, die Urewigkeit des Weltstoffes, dis den Schöpfer nur als den gestaltenden Bildner zuläßt und die ebenso den Grundstein des heidnischen Bewußtseins bis auf den heutigen Tag bildet, ist nicht nur eine metaphysische Lüge, die den cosmogonischen Vorstellungen der Menschen die Wahrheit, d. h. die Übereinstimmung mit der Wirklichkeit geraubt; sie ist die noch weit verderblichere, alle Sittlichkeit untergrabende Leugnung aller Freiheit in Gott und im Menschen. War dem Weltbildner der Stoff gegeben, so konnte er aus dem gegebenen Stoff nicht die absolut oute, sondern nur die relativ beste Welt gestalten. Alles physische und sittliche Nebel liegt unabwendbar in der Mangelhaftigkeit des Stoffes. Gott selbst kann die Welt weder vom physischen noch vom sittlichen Nebel erlösen. Der Mensch kann eben so wenig Herr seines Lebens werden, wie Gott nicht Herr des Weltstoffes. Die Freiheit ist aus der Welt geschwunden, eine blinde, trostlose Nothwendigkeit gebietet über die Welt sammt ihrem Gott und dkm Menschen. Diese trostlose Nacht des Gottes-, Welt- und Menschenbewußtseins verscheucht sofort das erste Wort der Gotteslehre, von dem es in Wahrheit heißt: -,'N' ^nan nnD. "I'v'tn *na n'fftoa,, hiermit steht und fällt alles Folgende. Alles, Stoff und Form alles Seienden ist aus dem freien, allmächtigen Schöpferwillen hervorgegangen. Frei steht und waltet noch heute der Schöpfer über Stoff und Form aller Wesen, über die Kräfte, die im Stoffe wirken, über die Gesetze, nach welchen sie wirken, und über die Formen, die sie gestalten; denn sein freier, allmächtiger Wille hat ja den Stoff geschaffen, ihm diese Kräfte einverleibt, diesen die Gesetze gesetzt, nach welchen sie die Formen gestalten. Und wie Er frei über seine Welt gebietet, so konnte Er auch dem Menschen, dem Er einen Funken seines freien Wesens eingehaucht, mit diesem Funken die Freiheit über seine kleme Welt, die Freiheit über den Leib und deffen Kräfte verleihen