Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 8 (1867)
- Issue
- Heft 16-17 (17.4.1867)
- Date
- 1867-04-17
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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270 Feuilleton. Auw geizigen Schlüssel. (Eine Wiener Sage.*) In der Zeit, als die Babenberger Herzoge in Oesterreich regierten, erfuhren die Juden noch keinerlei Bedrückung. Von einem Judenviertel oder Ghetto war in jener Zeit keine Rede, denn die Juden wohnten frei in allen Stadttheilen, siedelten sich jedoch mit Vorliebe in der Nähe ihrer Synagoge, dem Kienmarkte nahe gelegen, an und waren erst später, als die blutigen Verfolgungen begannen, genöthigt, in einen besonderen, durch Mauern geschützten Stadttheil zusammen zu ziehen. Aus dieser Zeit der ersten glücklichen Zufriedenheit der jüdischen Bewohner Wien's stammt die nachfolgende Sage, welche einem Wiener Hause das Wahrzeichen gab. Es lebte zu Anfang des t3. Jahrhunderts in Wien Simeon, ein sehr reicher Jude. Das Haus auf dem Judenplatze mit der heutigen Nummer 2 (alt 404) war sein Eigenthum, viele Grundstücke, Massen von Gold, Silber und Edelsteinen nannte er ebenfalls sein eigen, aber statt daß er diesen Segen Gottes dazu verwendet hätte, seine nothleidenden Mitmenschen zu unterstützen, scharrte er immer mehr Geld und Gut zusammen und der Arme ging vor seiner Thüre unbetheilt vorüber, mochte er noch so flehentlich um ein Almosen bitten. Er war ein solcher Geizhals, daß er sich selbst nicht den Bissen Brod gönnte, den er verzehrte, und so kam es, daß sein Haus im Volksmunde verflucht war und den Beinamen „zum geizigen Schlüssel" erhielt, da dort Niemandem aufgesperrt wurde. Eine Tugend indeß besaß der Geizhals. Er war ein geschickter Mohel und so leidenschaftlich für diese seine Kunst eingenommen, daß er sie im religiösen Eifer ohne allen Eigennutz ausübte. Ob Armer oder Reicher, er stand ihm unentgeltlich zu Diensten und fuhr stundenweit zu Land oder Wasser, um das heilige Werk auszuüben. Da kam eines Tages ein schlicht gekleideter Jude zu Simeon und bat ihn, er möchte doch mit ihm reisen und bei seinem Söhnlein die religiöse Funktion verrichten. Der Mohel erklärte sich sofort dazu bereit, packte die nöthigen Instrumente zusammen und reiste mit dem Manne ab. Man fuhr in einem Wagen, worunter man sich aber nicht derartige Fuhrwerke wie heute denken darf; es waren Karren ohne Federn, beinahe gänzlich auf den Rädern liegend, gezogen von Ochsen oder einem Pferde. Einige Stunden ging es auf der Landstraße fort, dann kam ein Seitenweg, und dieser führte durch *) Aus dem „Fremdenblatt." einen großen Wald. Man fuhr lange, bis es bunkel wurde, an Abgründen vorbei, und so ging es fort bis Mitternacht. Endlich wurde der Weg glatter, es zagten sich in der Ferne erleuchtete Fenster und der Mohel, welcher bisher in stummer Herzensangst neben dem Fremden gesessen hatte, stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. „Da werden wir wohl am Ziele sein?" fragte der Mohel. „Allerdings," erwiederte der Unbekannte. „In dem Dorfe, das Ihr vor Euch seht, wohne ich." „Das nennt Ihr ein Dorf? Diese prächtigen Gebäude bilden ja eine große Stadt) Die Bewohner müssen wohl sehr reich sein." „Unermeßlich. Der erleuchtete Palast, den Ihr da vor Euch seht, ist mein Eigenthum." „Das hätte ich Euch nicht angesehen.". „Ihr meint, mein Anzug sei nicht darnach? Je nun, verrathet Ihr in Eurem Aeußern, was Ihr für Schätze besitzt?" „Ich? — Schätze? — Wo denkt Ihr hin? Ich besitze nur einen kleinen Nothpfennig für meine alten Tage." Der Fremde lachte höhnisch und laut. „Steigt ab, da sind wir bei mir zu Hause," sagte er. „Ich werde Euch beweisen, daß ich Eure Habe genau kenne und jede Minute zu derselben gelangen kann." Sie hielten eben vor einem palastähnlichen Gebäude. Aus dem Portale stürzte zahlreiche Dienerschaft, um den Gebieter und seinen Gast zu empfangen, welch letzterer von dem Hausherrn in das Gemach der Wöchnerin geleitet wurde. „Ich bringe Dir den berühmten Mohel, den Du begehrtest." sagte liebevoll der Gatte, „besprich Dich mit ihm und während dessen will ich Nachsehen, ob alles zum morgigen Feste bereit ist." Er entfernte sich hierauf und ließ den Juden in gränzenlosem Erstaunen zurück über den Luxus und die Pracht, welche aller Orten herrschten und die wahrhaft fürstlich zu nennen waren. Die Stimme der Wöchnerin weckte ihn endlich aus seinem Hinbrüten. „Seid mir herzlich willkommen, lieber Herr!" sagte sie melodischen Tones. „Ich bin sehr froh, daß Ihr eingetroffen seid, um mein Kind zu jüdischen." „Warum sollte ich nicht gekommen sein? " antwortete der Mohel, „Ich habe meine Kunst noch Niemandem abgeschlagen, würde auch zu dem ärmsten Dorfjuden gegangen sein. Aber hier ist, wie ich sehe, die Wohnung eines Fürsten." Ganz richtig. Mein Gatte ist ein gewaltiger Fürst, welcher große Reiche beherrscht und über Mllionen zu befehlen hat, denn er ist der König aller Schedim." (Wald- und Berggeister, feindselige Mächte gegen Menschen, aber doch Gott anbetend.)