Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 8 (1867)
- Issue
- Heft 16-17 (17.4.1867)
- Date
- 1867-04-17
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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271 Entsetzt fuhr der Mohel zurück. „Aengstigt Euch nicht," sagte die Fürstin, „jedoch nehmet einen guten Rath vor mir an. Hütet Euch ja in diesem Hanfe etwas zu genießen, nicht einmal einen Schluck Wasser. Ebenso wenig dürft Ihr Euch einfallen lassen, das mindeste von Gold oder Goldeswerth anzunehmen, was Euch mein ffftann bieten würde, sonst seid Ihr ihm mit Leib und Seele verfallen!" Als später der Hausherr eintrat und Simeon einlud, das Weiznachtmahl einzunehmen, dankte dieser dafür, erklärte sich für zu ermüdet und des Schlafes bedürftig und ließ sich in das für ihn bestimmte Gemach führen. Aber kein Schlaf berührte seine Augen. Am andern Morgen verrichtete er sein geheiligtes Geschäft, saß wohl am Tische während des Mahles, berührte jedoch keinen Bissen, vorgebend, er hätte des Nachts einen bösen Traum gehabt und in Folge dessen gelobt, zu fasten. Auch müsse er dringender Geschäfte wegen sogleich zurückkehren. „Ich will Euch keineswegs aufhalten," sagte der Hausvater, „jedoch müßt ihr vorher die Belohnung für Eure Mühewaltung annehmen." Mit diesen Worten reichte er ihm einen Beutel voll Goldstücke. „Ich nehme nichts," erwiederte der Mohel, „weder vom Armen, noch vom Reichen. Die Erfüllung von Gottes Gebote lasse ich mir niemals bezahlen." „Nun gut; aber bevor Ihr abreiset, müßt Ihr meine Schatzkammer besuchen. Wenn Euch daraus Etwas gefällt, sollt Ihr es mitnehmen dürfen." „Ich trage nach keinem Gegenstände daraus Begehren, aber neugierig wäre ich doch, dieselbe zu sehen." „Nun, so kommt mit mir." — Der Hausherr führte seinen Gast in ein großes Gewölbe, wo Silberplatten in der Dicke und Größe von Quadersteinen aufgeschichtet waren. In einem zweiten. Gewölbe waren Goldbarren in zahlloser Menge aufgehäuft. „Ihr seid kalt an dem Silber vorübergegangen," sagte der Hausherr, „nun ja, ich weiß, Ihr habt dessen genug, vielleicht gefallen Euch aber mehrere dieser Goldblöcke." Obgleich dem Mohel das Herz vor Freude hüpfte, bezähmte er doch seine Begierde und verweigerte das Geschenk. Als nun das dritte Gewölbe geöffnet wurde, worin alle erdenklichen Edelsteine der Welt, Diamanten, Rubinen, Smaragde, in der Größe von Kieselsteinen, Perlen vom reinsten Wasser, wie Eier so groß, in Hunderten von Fässern lagen, da war es für Simeon eine harte Prob?. „Von hier werdet Ihr wohl keine Waare schmähen," sagte der Geisterfürst. „Greift zu, was Ihr begehrt, ist Euer. Ich lade die Tonnen auf den Wagen." „Ich nehme nichts von all' Euren Schätzen," erwiederte der Mohel, „ich nehme durchaus nichts." „Nun, so kommt mit mir in das schönste und kostbarste Gemach, das ich besitze. Dort wird Euch sicher etwas Zusagen." Und nun traten sie in ein Gewölbe, das viele, viele Gänge hatte, in denen man keinerlei Schmuck, Metall oder Stein gewahrte, denn es war darinnen nichts zu sehen, als — eiserne Schlüssel der verschiedensten Formen und Größen. „Das ist sonderbar!" rief der Mohel. „Wie kannst Du dieses Gemach mit dem werthlosen Eisenplunder Dein Kostbarstes nennen?" „Mit vollstem Rechte. Hier siehst Du die Schlüssel zu den Geldkisten sämmtlicher Geizigen. Die Thoren glauben, ihre zusammengescharrten Schätze gehörten ihnen! — Sie sind mein. Für mich sammeln und knausern sie, sie hüten nur meine Schätze, zu denen ich so gut Zutritt habe, wie sie selber. Aus diesem Grunde dürfen sie nicht einmal für ihr eigen Weib und Kind ein Geldstücken wegnehmen; sie müssen es aufsparen für mich allein, müssen die Hungrigen von ihrer Thürs abweissn, damit mir ja hin Bröcklein ihres Mammons entgehe. Begreifst Du nun, daß ich der alleinige Herr ihrer Reichthümer bin!?" Tiefbewegt schaute ihm Simeon in dasehrwürdige Antlitz. „Und sind meine Schlüssel wohl auch darunter?" „Unzweifelhaft, und ich werde sie Dir sogleich zeigen." Bebend ergriff der Mohel den ihm dargereichten Schlüsselbund. Richtig — zu wohl erkannte er die theuren Kleinodien, die er nie von sich gelassen, wie einen Augapfel bewahrt und mit den süßesten Liebkosungen überhäuft hatte. „Oh, mächtiger Fürst." rief er endlich, „ich habe bis nun von Dir nichts angenommen. Jetzt bitte ich Dich um Eines — gib mir meine Schlüssel zurück und schenke sie mir für immer!" Mit mildem Lächeln sah der Fürst auf ihn herab. „Nun gut, behalte sie. Ich sehe, daß Dein Herz noch nicht gar so verstockt ist. Du hast Dich plötzlich losgerissen von meiner Vormundschaft und scheinst Dein Geld allein verwalten zu können. Ich will hoffen, daß Du Dein Vermögen besser benutzen wirst, als bis jetzt, darum nimm die Schlüssel mit und kehre nach Hause zurück." Wie sonst küßte der Mohel tausendmal die Schlüssel, aber diesmal fielen die Thronen eines menschenfreundlichen Herzens auf das kalte Eisen. Der Hausherr begleitete seinen Gast bis zum Wagen und als ihn Simeon bestiegen hatte, war die ganze Stadt wie im Nebel verschwunden. Einige Tage darauf gerreth ganz Wien in nicht geringes Erstaunen, als der reiche Simeon aller Or-