Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 8 (1867)
- Issue
- Heft 16-17 (17.4.1867)
- Date
- 1867-04-17
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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264 Ehemalige« Königreich Hannover. Mein Vater, ein wohlhabender Kaufmann, war ein Mann, wie man sich die Patriarchen vorzustellen pflegt. Er hatte eine tüchtige, jüdische Bildung genoffen, war im Talmud «nd in der Bibel wie in der ganzen jüdischen Literatur bewandert, hatte sich noch in späteren Lebensjahren durch Fleiß und Beharrlichkeit viele profane Kennt- »iffe erworben, genoß wegen seiner strengen Rechtlichkeit und seiner seltenen Herzensgüte die Achtung aller seiner Mitbürger und zeichnete sich besonders durch eine seine Verhältnisse fast übersteigende Mildthätigkeit aus; namentlich war feine Gastfreundlichkeit sprüchwörtlich geworden. Kein Tag verging, an welchem nicht eine Anzahl Armer an unserm Tische speiste. Meine geliebte Mutter waltete stillbescheiden neben ihm; auch ihr war Wohlthun ein wahres Herzensbedürfniß, und nur selten wurde ihr die Zahl der Gäste zu groß, wann nämlich die Vorbereitungen nicht gehörig getroffen waren und die Vorräthe nicht ausreichten. Es war an einem schönen Sommernachmittage und zwar an einem Freitage, als ich meine Spiele abbrach — wir hatten Freitag Nachmittags keine Schule — um mich zum Besuche der Synagoge sabbatlich anzuziehen. Als ich aus dem Garten ins Haus trat, hörte ich Vater und Mutter, lebhaft, wenn auch liebevoll streiten. „Aber, lieber Benjamin," rief meine Mutter, „woher soll ich jetzt noch, da man schon bald in die Synagoge geht, für 6 Personen zu effen hernehmen? Haben wir doch schon zwei Gäste, und wie kanü ich zwölf Menschen sättigen, wenn ich nur für sechs gekocht habe?" — „„Liebes Kind, das ist Deine Sorge. O, ich weiß, Deine Vorräthe sind unerschöpflich! Eine so kluge Hausfrau wie Du weiß sich immer zu helfen. Uebrigens können Deine Einreden nichts mehr nützen; ich habe die Leute einmal eingeladen. Sieh zu, wie Du auskömmst!" „Das ist leicht gesagt! Ja, wenn es noch Arme wären, die sonst hungern müßten, allein...." „„Gerade, «eil es keine arme Leute sind, so ist die Wohlthat, die wir ihnen erweisen, noch größer. Bedenke, in acht Tagen befinden sich diese Menschen auf hoher See. Mögen sie die Erinnerung an einen freudig verbrachten Sabbat mit hinübernehmen in das ferne Land."" Meiner Mutter blieb wohl nichts übrig als nachzugeben. Noch zwei Stunden rvar's bis zum Sabbat, die mußten benutzt werden, wozu auch meine Hilfe in Anspruch genommen wurde; ich mußte noch einige Einkäufe besorgen und behielt am Ende kaum noch soviel Zeit, um meine einfache Toilette sabbatlich herzurichten. In der kleinen Synagoge meiner Vaterstadt bemerkte ich zwei fremde Männer und einen Knaben; die mußten der fremden Familie angehören, die mein Vater eingeladen hatte. Nach der Synagoge durfte ich meinen Vater und die Fremden in den Gasthof begleiten. Der fremde Knabe, Samuel hieß er, war etwas jünger als ich; die zwei fremden Männer waren sein Vater und sein Bruder; seine Mutter und eine ältere und eine jüngere Schwester befanden sich noch im Gasthof; wir gingen, um sie in unser HauS abzuholen. Samuel und ich, wir waren bald befreundet; er erzählte mir, daß fein Heimathsftädtchen an der oberen Weser und zwar an der preußischen Grenze liege. Durch die Zollsperre, die der preußische Zollverein nach Außen hin aufgerichtet hatte, war seines Vaters Geschäft ruinirt worden. Dieser, ein energischer Mann, hatte sich rasch entschlossen, sein Vermögen zu Gelbe zu machen und mit seiner ganzen Familie nach Amerika auszuwandern. Damals gab es in diesem Theile Deutschlands noch keine Dampfboote, geschweige denn Eisenbahnen. Daher hatte Herr Nathansohn, so hieß Samuels Vater, ein Schiff gemiethet, das ihn und die Seinen summt ihrer sämmllichen Habe nach Bremerhaven führen sollte. In meiner Vaterstadt hatten sie angelegt, um da den Sabbat zu feiern. So waren sie denn Freitag Nachmittags in die Stadt gekommen, waren zufällig meinem Vater begegnet, den sie fragten, wo man für Geld jüdische Kost haben könne. Es war aber Niemand in der kleinen Gemeinde, der für Geld zu effen gab. Das hatte ihnen mein Vater gesagt; da waren der Frau die Thränen in die Augen getreten, nicht etwa um des Effens, sondern um des gestörten Sabbats willen. Was darauf mein Vater gethan, wiffen wir bereits. Für mich wurde dieser Sabbat ein wahrer Freudentag. Mein neuer Freund Samuel und seine kleine Schwester Friederike, wir unterhielten uns so ausgezeichnet, daß uns am Sonntag Morgen der Abschied förmlich schwer wurde. Auch die Erwachsenen nahmen herzlich Abschied von einander. „Nie werde ich Ihnen diesen Liebesdienst vergessen," sagte Samuels Vater zu dem meinigen, bevor er sein Schiff bestieg. „Sie hören von mir, wenn ich erst drüben bin." Wenige Tage nachher erhielten wir einen Brief aus Bremerhaven mit denselben Versprechungen. Allein Jahre vergingen, ohne daß wir von unfern neuen Freunden Etwas vernahmen; gewichtige Ereignisse traten ein, gewichtig für die Welt und folgenschwer für die Einzelnen — wir Alle vergaßen Herrn Nathansohn und die Seinen gar bald. (Forts, folgt.) Hierzu drei Beilagen. Verantwortliche Redaction: vr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbachhandlung. — Dampf - Schnellpreffendruck von I. BottSleben in Mainz.