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Der Israelit · 1867-04-10 · Heft 15 (10.4.1867) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
8 (1867)
Issue
Heft 15 (10.4.1867)
Date
1867-04-10
Page
– (sequence 8)
Language
German
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246 die Augen schloß, sah er wieder die drei Greise und hörte sie den Lobgesang anstimmen. In der darauf folgenden Woche fastete Rabbi Schimeon Tag für Tag und betete zu Gott, daß Cr ihm die Bedeutung des Traumes enthüllen möge. Als wieder die Sabbatnacht hcrankam, zeigten sich ihm abermals jene drei Greise; und zu ihm trat der Eine von ihnen und sprach: „Ich bin Abraham, Euer Vater, der ich mich habe werfen lasten in den glühenden Kalkofen zur Verherrlichung des göttlichen Namens." Und der Andere sprach: „Ich bin Iizchak, Euer Vater, der ich mich freiwillig dem Opfertode unterziehen wollte zur Verherrlichung des göttlichen Namens." „Ich bin Jakob," sprach der Dritte, „Euer Vater, der ich viel gelitten und meine Kinder erzogen habe zur Verherrlichung des göttlichen Namens." „Gehe hin, Schimeon, Rabbi von Mainz," sprachen dann alle Drei, „und ermahne unsere Kinder, auf daß sie den göttlichen Namen verherrlichen. Ueber Alles werde erhoben, geheiligt, gerühmt, gepriesen der Name des Königs aller Könige, des Heiligen, gelobt sei Er!" Am andern Morgen ließ der Rabbi die ganze Gemeinde, über 800 Personen, in die Synagoge bescheiden. Nach der Vorlesung des Thoraabschnittes stieg er die Stufen, die zur heiligen Lade führten, hinan und erzählte den andächtig Hörenden das Traumgesicht der vorigen Sabbats und das der verflossenen Nacht. „Meine Kinder," sprach er dann, „Ihr, meine treue Heerde, die ich geweidet habe nunmehr vierzig Jahre, o, höret meine Stimme. Es ziehen heran die Wahnbethörten und werden uns zwingen wollen, zu verläugnen unfern Gott. Sie werden uns tödten, wenn wir treu ausharren bei Ihm. Thuen wir den Feinden den Willen, so können wir dieses vergängliche Leben vielleicht um einige Jahre noch erhalten, aber wir sind dann preisgcgeben der ewigen Verdammniß. Heiligen wir aber den Namen Gottes auf Erden, werfen wir hin das Leben, das nicht mehr Seinem Dienste geweiht sein soll, dann erwartet uns das ewige Heil und des künftigen Lebens Wonnen, die kein Auge geschaut hat, denn Gott allein. Was werdet Ihr thun, meine Kinder, was werdet Ihr thun?" In der Synagoge erhob sich ein lautes Weinen; zwei Beispiele waren gegeben; in Rouen hatte man den Tod, in Trier, wenn auch nur zum Schein, die Taufe vorgezogen. Welchem Beispiele sollte die Gemeinde zu Mainz, die ihrerseits dann für ganz Deutschland maßgebend sein würde, Folge leisten? Noch schwankten die Gemüther, da näherte sich Rabbi Elchanan seinem Vater und bat um die Erlaubniß, zu der Gemeinde sprechen zu dürfen. Und Elchanan erzählte in geflügelter Rede seine Schicksale; er schilderte die Pracht und die Herrlichkeit, der er entsagt hatte, um der heiligen Religion der Väter angehören zu können; er schilderte aber auch die Qualen, die er inmitten jener Pracht und jener Herrlichkeit erlitten. „Wenn es mich," fuhr er fort, „der ich vom Judenthume wenig wußte, nicht ruhen ließ im fremden Glauben trotz Hoheit und Glanz, wie werdet Ihr leben und glücklich sein können in einem aufgedrungenen Glauben, den Euer Nachdenken verwirft und gegen den Euer Herz sich auflehnt? O, meine Brüder, lieber augenblicklichen Tod denn tausendfache Qual; lieber den Tod in Reinheit und Heiligkeit und das ewige Leben, denn ein Leben in Sünde und den ewigen Tod! Lastet uns schwören allesammt mit heiligem Schwure, treu zu bleiben dem Gotte unserer Väter!" Da erhob Alles die Hände gen Himmel und leistete den Schwur. Darauf stieg Rabbi Schimeon wieder die Stufen, die zur heiligen Lade führten, hinan und rief: „Habt Ihr unfern Schwur vernommen, Ihr, unsere heiligen Väter, Abraham, Iizchak und Jakob? Ich habe meine Heerde benachrichtigt, und sie ist bereit, über sich ergehen zu lasten, was Gott verhängt hat. Du aber. Allmächtiger, höre das Gebet Deines treuen Dieners, der nie etwas Anderes erstrebt hat, als Deinen heiligen Geboten nachzuleben. Du hast gesprochen durch Deinen Propheten Jeschajah: „„Und vor dem Unglück wird hinweggerafft der Gerechte!"" Ist der Sinn des Prophetenwortes, daß der Fromme als Sühnopfer diene, so nimm mich an als ein solches Sühnopfer und schone dieser da; ist es aber fest und unabänderlich bei Dir beschlossen, das Unglück Hereinbrechen zulasten, so nimm mich hinweg, ehe es herannaht, und laß mich nicht schauen den Tod meiner Heerde, die ich vierzig Jahre geweidet habe. Die Aufgabe meines Lebens ist vollbracht; diese. heilige Gemeinde hat geschworen, Deinen Namen zu verherrlichen auf Erden; mich aber laß es nicht schauen — o, nimm mich zu Dir, mein Gott, Du, mein Hort, mein Erlöser!" Und als er so gesprochen hatte, schloß er die Augen und sank um. Die Zunächststehenden sprangen herbei — Rabbi Schimeon, der Große, war nicht mehr; Gott hatte sein Gebet erhört, Gott hatte ihn zu sich genommen. Da erhob sich ein furchtbares Klagegeschrei in der Synagoge, und der Fußboden derselben wurde naß von den strömenden Thränen wie von einem Regenguste. (Schluß folgt.) Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaction: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. — Dampf-Schnellprefsendruck von I. Gottslebe« in Mainz.

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