Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 8 (1867)
- Issue
- Heft 15 (10.4.1867)
- Date
- 1867-04-10
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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245 wiedergefundenen Sohne berichtet hat, verzehrt sich diese in Sehnsucht. In jedem fremden Wanderer meint sie ihren Sohn zu sehen, bis endlich der Tag gekommen ist, da er am treuen Mutterherzen ruht, der Langverlorene , doch nie ganz Vergessene. — Elchanan widmet sich eifrig dem Studium des Talmuds; unter seines Vaters vorzüglicher Leitung lernt der talentvolle Mann mit großer Leichtigkeit, und bald wird ihm das Chaberdiplom ertheilt — er, dem alle Ehren und Würden der Welt, da er noch ein Jüngling in den Schooß gefallen waren, der bisher des Lebens Herrlichkeiten mühelos erreicht hatte, hatte nunmehr als Mann ringen müssen nach dem Chabertitel, der sonst fünfzehnjährigen Talmudschülern zu Theil wird. In der Gemeinde hatte Elchanan's Wiedererscheinen großes Aufsehen erregt; man erzählte sich vielerlei; doch das Rechte erfuhr man lange nicht, denn Rabbi Schimeon hatte die Seinen zum tiefsten Stillschweigen verpflichtet. Da zog Meschullam von Regensburg nach Mainz; er kam zum Rabbi, als Elchanan gerade bei feinem Vater war. Als Meschullam sich dem Rabbi vorstellte, ward Elchanan aufmerksam; ja, es war derselbe Mann, dessen Tochter Cardinal Felix befreit hatte. Aber auch Meschullam wurde aufmerksam. „„Herr,"" sprach er zu Elchanan, „„wenn ich nicht wüßte, daß es unmöglich wäre, ich würde Euch für einen vornehmen Herrn halten, dem ich sehr zu Dank verpflichtet bin."" „Und was macht Rahel, Eure Tochter?" fragte Elchanan. „„Wie, Herr, wäre es möglich, daß . . . „Das ist mein Sohn Elchanan," fiel ihm Rabbi Schimeon in die Rede, und schnitt damit jede weitere Frage ab. Allein Meschullam's Neugier war aufs Höchste gespannt; er erkundigte sich in der Gemeinde nach Elchanan's Vergangenheit und vernahm viel Abenteuerliches; wiewohl ihm Niemand genaue Auskunft zu geben vermochte, drängte sich ihm doch immer mehr die Ueberzeugung auf, daß Elchanan der Befreier seiner Tochter gewesen. Meschullam war ein sehr würdiger, allgemein geachteter Mann, und seine einzige Tochter Rahel war zu einem ebenso schönen wie tugendhaften Mädchen herangewachsen. An dem Tage, an welchem Elchanan, oder wie wir ihn von jetzt an nennen werden, Rabbi Elchanan Meschullams Schwiegersohn wurde, vernahm dieser die Erzählung von seines Eidams wunderbaren Schicksalen. Meschullam war zu stolz auf diesen Schwiegersohn, als daß er gegen seine Freunde nicht ein oder das andere Wort hätte _ fallen lasten. So wurden denn Rabbi Elchrmans Schicksale allmählich bekannt. Allein es fand sich kein Verräther in der großen Gemeinde; aber wenn auch Jemand das Gehörte hatte verrathen wollen, wo hätte er Glauben gestruden? Rabbi Elchanan lebte einzig seinen Studien und seiner Familie. Bald umgab ihn ein Kreis lieblicher Kinder, und wenn er sich ihrer freute, mußte er lächeln, da er sich erinnerte, welch ein eifriger Apostel des Cölibats er dereinst gewesen. Binnen weniger Jahre war Rabbi Elchanan ein bedeutender Talmudist; allein am Meisten that er sich als Dichter hervor; einige seiner erhabenen Poesien sind uns noch heute erhalten. Sie geben Kunde, wie glücklich sich ihr Verfasser in der Religion Israels fühlte und welch ein begeisterter Bekenner derselben er geworden. Nichts Fremdes war von den Jugend Andrücken in seiner Seele zurückgeblieben. Aber nicht nur das dem Herzen entquillende Wort sollte das bethätigen, sondern auch die That und zwar die höchste That, deren ein Mensch fähig ist. XU. Schwere Gewitterwolken zogen am Himmel herauf; das Abendland rüstete sich zum Kriege gegen das Morgenland; zwischen Christenthum und Islam bereitete sich ein furchtbarer Zusammenstoß vor. Tausende ließen sich das Kreuz anhesten. um gen Osten zu ziehen und das heilige Land zu erobern. Der bis zum Wahnsinn gesteigerte Gtaubenseifer der Kreuzfahrer wandte sich zunächst gegen die Juden. Ohne viele Mühe, ohne weite Reisen und Kriegsdrangsale konnte man diese Wehrlosen hinschlachten und berauben; Befriedigung der niedrigsten Leidenschaften war ohne Gefahr unter dem Deckmantel der Religion zu erlangen.... Zuchtloses, ruchloses Gesindel schaarte sich zusammen und durchzog das Land unter der Anführung elender, nichts würdiger Ritter. die nichts wollten als ihrer Mordgier und Habsucht Genüge thun. Dunkle Gerüchte von den Gräuelthaten der Kreuzfahrer gegen die Inden waren nach Mainz gedrungen; man hatte gehört, daß die Glaubensgenossen in Rouen waren getödtet worden, und daß die Juden von Trier in ihrer Todesangst die Taufe über sich hatten ergehen lasten. Mit Angst und Zagen sah man der Zukunft entgegen. In einer Sabbatnacht warf sich Rabbi Schimeon unruhig auf seinem Lager hin und her; ihn ängstigte ein Traum. Drei alte Männer, denen der weiße Bart aus die Brust herniederwallte, sah er durch die Straßen von Mainz ziehen; sie sangen das Lied, das während des Herausnehmens der Thora aus der heiligen Lade gesungen wird: „lieber Alles werde erhoben, geheiligt, gerühmt, gepriesen der Name des Königs aller Könige, des Heiligen, gelobt sei Er!" Dann erwachte Rabbi Schimeon und sann der Deutung des Traumes nach; sobald er jedoch wieder