Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 8 (1867)
- Issue
- Heft 14 (3.4.1867)
- Date
- 1867-04-03
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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225 Function für das Seelenheil der armen israelitischen Frau zu empfangen hat. (A. I.) Amerika. Boston. In Amerika sind die Begriffe von vollständiger Emancipation aller Staatsbürger doch viel klarer als sie selbst von tiefen Denkern Europa's bis jetzt aufgefaßt worden sind. Hier kam dieser Tage ein Fall vor, daß ein Jude wegen Verletzung der Sonntagsgesetze vor Gericht gezogen wurde. Der Luprevae Oourl entschied jedoch, daß derjenige Jude, der seinen Sabbat beobachtet, nicht verpflichtet ist, sich um die Sonntagsgesetze zu kümmern. So berichtet der „Jsraelite". — Was würde die Berliner „Kreuzzeitung" zu diesem Bescheide sagen? Feuilleton. Rabvi Elchanan. (Fortsetzung.) X. Die beiden Gemeindevorsteher von Mainz reisten allein in die Heimath zurück. Rabbi Schimeon blieb noch in Rom, auf besondern Wunsch des Pabstes, den er in den kabbalistischen Studien unterweisen sollte. Täglich kam der Vater mit dem wiedergefundenen Sohne zusammen; da gab es ein gegenseitiges Austauschen der Erlebnisse; ein Vierteljahrhundert der Trennung mußte nachgeholt werden. Aber auch an ernstestem Gesprächsstoff fehlte es nicht. Was in dem Sohne gohr und kämpfte, das klärte sich durch die weise Belehrung des Vaters; denn nicht umsonst nannte man Rabbi Schimeon „den Großen"; mit dem tiefsten und ausgebreitetsten Wissen paarte sich in ihm die glühendste Begeisterung für den heiligen Glauben der Väter, das reichste und innigste Gemüth — das Alles spricht noch heute zu uns an den heiligsten Tagen des Jahrs aus seinen Hymnen, die Israel noch heute mit Andacht betet — das Alles sprach damals in der Rede lebendigem Quell mit verdoppelter Macht zu seinem empfänglichen Sohne, der ihm auf halbem Wege entgegen kam. „Du hast Recht, Vater," so schloß jede Unterredung, »doch was soll ich thun?" Dann schwieg der Vater. Schon war Rabbi Schimeon vierzehn Tage in Rom, da erzählte er seinem Sohne ausführlich jenen Traum, dessen erste Hälfte bereits so wunderbar in Erfüllung gegangen. „„Du hast mich oft gefragt,"" fuhr Rabbi Schimeon zu reden fort, „„was Du ihnen sollest, und ich habe geschwiegen auf diese Frage. Jetzt aber ist die Zeit zum Reden gekommen; so höre: Folgendes sollst Du thun, Du sollst jenes Traumgesicht erfüllen, vollständig erfüllen. Du sollst von Dir werfen diesen Glanz und diese Krone — Gott gibt Dir eine andere, herrlichere Krone!"" „Mein Vater," rief Elchanan erschrocken aus, „was verlangst Du von mir? Ich soll den Erfolg so vieler Mühen und Anstrengungen freiwillig vernichten, soll hinabsteigen von dem schönsten Throne der Welt, um fortan in Niedrigkeit zu leben! Vater, bedenkst Du die Größe des Opfers?" — „ „Wohl bedenke ich sie. „Adam bijekor bal jalin," der Mensch wird die im Erdenleben errungene Würde nicht mit hinabnehmen in die Nacht des Grabes; einmal mußt Du doch herabsteigen von diesem Throne, einmal doch verzichten auf irdischen Glanz und Schimmer. O, mein Sohn, thue das freiwillig und rette Dein unsterbliches Theil. Siehe, wenn Du mit Liebe und Hingebung der Religion anhingest, zu der Du gewaltsam hingeführt bist worden, wenn Du ein gläubiger Christ wärest, so würde ich mich zwar bemühen. Dich wiederzugewinnen für den Glauben der Väter; aber wenn mir das nicht gelänge, so würde ich, wenn auch im tiefsten Schmerze, von Dir lassen. Allein Du bist kein gläubiger Christ, Dein Verweilen in dieser hohen Stellung ist Lüge und Trug, Du warst bereits im Herzen und im Glauben wieder Jude, noch ehe ich vor Dich hintrat. Nicht wird Deine Seele, nicht wird Dein Herz, nicht wird Dein Kopf schmerzlich berührt, wenn Du Dich losreißen willst von den gewohnten Formen. Nur der äußere Flitter, die Krone, der Glanz, der Ruhm, die Lust am Herrschen halten Dich fest in Deiner widernatürlichen Stellung. Und für diese willst Du hingeben nicht allein Deine unsterbliche Seele, sondern auch Dein irdisches Leben, das Dir in der Qual immerwährender innerer Kämpfe doch keinen echten Genuß mehr gewähren, keine wahrhafte Freude mehr bieten kann? Glaube mir, mein Sohn, das Opfer, das ich verlange, ist in Wahrheit nur gering. Ich biete Dir mehr, als ich fordere, ich biete Dir die Liebe von Eltern und Geschwistern, die Du noch nicht hast kennen lernen; ich biete Dir die Liebe von Gattin und Kindern, die Du hier nicht kennen lernen würdest; ich biete Dir das Studium der Gotteslehre und die Erfüllung der von Gott an Israel gegebenen Gebote, von deren Seligkeit Du keine Ahnung hast; ich biete Dir diese Welt in ihrem wahren Werthe und die künftige Seligkeit, die Gott bestimmt hat seinen Frommen!"" — Rabbi Schimeon schwieg, und auch Elchanan durchmaß schweigend das Zimmer; auf seinem edlen schönen Antlitze malten sich die furchtbarsten Kämpfe. Plötzlich leuchtete es auf in seinem Antlitze, er blieb vor seinem Vater stehen und sprach: „Ich weiß einen Ausweg, Vater, der auch Dich befriedigen wird. Siehe, unser Volk ist geknechtet und verachtet; fanatische Priester wiegeln an vielen Orten den Pöbel gegen unsere Stammesgenossen aus. Wie