Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 8 (1867)
- Issue
- Heft 14 (3.4.1867)
- Date
- 1867-04-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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220 sich zuspitzen: „So gering halt' ich euer Christenthum, daß ich die Güter, die daraus hervorgegangen, nickt Häher achte als Lust Licht und Brod, Güter die bekanntlich aller Menschen Eigenthum sind ohne Rücksicht auf ihren Glauben!" Wir sind der Zuversicht, daß unter den christlichen Männern deutscher Nation noch so viel Anerkenntmß der Ehre ist, die dem Herrn Jesu Christo gebührt, daß sie Anmuthungen wie die jener 418 und Gleichgesinnter mit Nachdruck zurückweiien werden. Hat man sich auch über den Widerspruch weggesetzt, der darin liegt, daß Söhne einer fremden Nation in deutschen Angelegenheiten mit rathen und thaten, — ja einer fremden Nation, denn so lange Jemand Jude bleibt, wird er, ob auch in Deutschland geboren, eben so wenig ein Deutscher, als ein Türke oder Ungar, der zufällig in einer deutschen Stadt geboren wäre, dadurch ein Deutscher würde: — so achten wir doch, es sei unmöglich, daß christliche Männer, Glieder der heiligen Kirche, seien sie Katholiken oder Protestanten, die letzte Schranke sollten fallen lassen, die noch daran erinnert, daß die Juden nicht eher Bürgerrecht im christlichen Haushalte empfangen können, als bis sie die Sünde Jahrtausende langer Verläugnung der Ehre und Majestät des Königs Jesus Christus im Bade der heiligen Taufe abgewaschen. Die Ehre Gottes, unseres Heilandes, das Recht seiner Christenheit und die wahre Liebe gegen die Juden fordert das!" — Wenden wir uns zuerst gegen die Behauptung der Kreuzzeitung, daß der Vollbesitz der bürgerlichen und politischen Rechte „mit geschichtlichem Rechte" vor Zeiten als Privilegium der Christen angesehen wurde. Wir können diesen Satz mit einer einzigen Modification unterschreiben, indem wir nämlich statt mit „geschichtlichem Rechte" die Worte „mit geschichtlichem Unrecht" setzen. Mit welchem Rechte hat man unsern Voreltern alle jene schmachvollen Bedrückungs- und Ausnahmsgesetze aufgelegt? mit welchem Rechte hat man sie zu Knechten erniederigt, in Ghetti's gepfercht, mißhandelt und gemordet? mit welchem Rechte hat man sie von jedwedem Erwerb ausgeschlossen und ihnen Grundbesitz verweigert? mit welchem Rechte hat man sie einem Plünderungs- und Raubsystem unterworfen? Das ist das „geschichtliche Recht" der Kreuzzeitung: die Bauern Leibeigene, die Bürger von den Rittern gebrandschatzt, die Raubnester auf den Bergen der sichere Schlupfwinkel für tausend kleine absolute Herren — und die Juden die Paria's Aller, von den Rittern beraubt und mit Füßen getreten, von den Bürgern geknechtet und mißhandelt, von den Bauern beraubt und verhöhnt! Das ist das „geschichtliche Recht" und das sind „die Kleinodien," welche die Väter, die Kreuz(zeitungs)ritter, gesammelt hatten und die der thörichte Sohn der Gegenwart zum Fenster hinauswirft! Nun, so ganz thöricht ist die Gegenwart doch nicht; sie begreift, daß wahres staatliches Heil nicht auf „Privilegien" beruht, sondern auf der Gleichberechtigung aller Bürger an und in dem Staate. Die Kreuzzeitung hat uns aber so lieb! „Gerade, weil sie uns liebt, hält sie unsere staatsbürgerliche Gleichstellung für ein uns zugefügtes Unrecht!" Wie zärtlich, wie mütterlich besorgt die liebe Kreuzzeitung für uns ist! Sie meint, „gerade der gläubige Jude müsse die Emancipation als ein Geschenk der Anhänger des „ verhaßten Nazareners " zurückweisen. So viele Worte, so viel Unsinn, so viele Verdreh Hungen, so viele Lügen! Vor Allem ist die Emancipation uns kein „Geschenk," sie ist unser Recht, das wir fordern können und nicht zu „erbetteln" brauchen. Der Staat, in dem wir und für den wir leben, dessen Pflichten wir wie jeder Andere erfüllen, für den das Blut unserer Söhne und Brüder fließt, der darf uns unsere Rechte nicht vorenthalten, ohne daß er gegen Gott sündigt und sich selbst das Zeugniß sittlicher und geistiger Armuth ausstellt. Was nun den Ausruck „verhaßter Nazarener" betrifft, so ist das eine Schmach, ja eine Schandthat, ganz ohne Grund die Wuth der Fanatiker gegen uns heraufbeschwören zu wollen! Wie will die Kreuzzeitung uns einen Haß Nachweisen, der in der That nicht existirt? Was etwa dem Christen Muhamed, daS ist uns der Stifter der christlichen Religion. Hassen etwa vernünftige Christen den Urheber des Islam? und warum soll der gläubige Jude den Stifter des Christenthums hassen? Das könnte vielleicht dann geglaubt werden, wenn die Vertreter der Kreuzzeitung seine wahrhaften Jünger wären; aber auch dann dürften wir nicht Haß mit Haß erwiedern. Gar sonderbar ist der Ausspruch der Kreuzzeitung, daß der gläubige Jude in der Ertheilung der Emancipation ein Zeugniß der Mißachtung seines Glaubens sehen soll. Wir haben lange darüber nachgedacht, ohne den Sinn dieses dunklen Orakelspruches ergründen zu können. Ziehen wir einmal unsere Geschichte zu Rathe: als Haman die Juden bedrückte, herrschte Trauer und Klage; als aber König Ahasver die Emancipation verkündete, „da ward den Juden Licht, Wonne, Freude und Würde." (Esther C. 8 V. 16.) Und so war es immer in Israel, und anders kann es ja auch nicht sein. Die staatliche und bürgerliche Gleichstellung drückt Achtung vor Juden und Judenthum aus, während Bedrückung und Beraubung Beleidigungen sind gegen unsere heilige Religion und gegen uns. Nicht die edlen Männer, die für unsere Gleichstellung streben, mißachten uns, sondern die Kreuzzeitungsritter, die uns solchen Wahnsinn imputiren wollen; aber sie mißachten nicht allein uns, sondern alle ihre Leser, denen sie Blödsinn für hohe Weisheit verkaufen. Solchen Blödsinn enthalten die folgenden Sätze; denn wie z. B. das Recht, in Wismar und Rostock wohnen zu dürfen, aus dem Christenthum hervorgegangen ist, begreife, wer kann! — Ebensowenig liegt darin Vernunft, daß die Kreuzzeitung uns als eine „fremde Nation" bezeichnet. Viele unserer Voreltern lebten in Deutschland lange bevor