Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 8 (1867)
- Issue
- Heft 13 (27.3.1867)
- Date
- 1867-03-27
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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210 Alles zu vermeiden suchen, was der Neugier und dem Neide auf die rechte Spur hätte helfen können? Aber die Sehnsucht nach den Eltern wurde von Tag zu Tage stärker; endlich entschloß sich der Pabst, durch eine harte Verordnung gegen die Mainzer Iudenschaft diese zu veranlassen; ihren Rabbincn als Bittsteller an den päbstlichen Hof zu senden. IX. Einige Wochen waren versiossen, seitdem der Pabst den obenerwähnten Entschluß gefaßt hatte, als der Rabbiner und die Vorsteher der israelitischen Gemeinde zu Mainz in das erzbischöfliche Palais beschieden wurden. „Ich habe Euchsprach der Erzbischof, „einen Befehl des heiligen Vaters zu Rom zu verkünden. Der Pabst verbietet Euch, künftt'ghin den Sabbat zu feiern, Eure Kinder zu beschneiden und das Mikwah zu benützen. Solltet Ihr jedoch Euch dieser Anordnung nicht fügen wollen, so sollen der Rabbi und zwei Vorsteher der Gemeinde nach Rom reisen und vor dem Pabste die Nothwendigkeit der erwähnten Religionsvorschriften erweisen; bis zu Eurer Rückkehr wird die Verordnung des Pabstes nicht in Kraft treten." Die Männer erschraken nicht wenig, als sie diese strenge Verordnung vernahmen; doch athmeten sie wieder freier, als sie einen Ausweg vor sich sahen. „Wir reisen nach Rom, gnädigster Herr," sprach Rabbi Schimeon. „Wir hoffen zu Gott, daß Er uns erleuchte, damit es uns gelinge, dem Pabste die Heiligkeit und Nothwendigkeit jener Gebote zu erweisen." Noch an demselben Tage rüstete sich Rabbi Schimeon mit seinen Begleitern zur Reise nach Rom. Wie schlug dem Pabste das Herz, als ihm die Deputation der Mainzer Juden, an deren Spitze der Rabbiner stand, gemeldet wurde! Er empfing sie, umgeben von all den Großen seines Hofes. Als Rabbi Schimeon in den Saal trat und dem Pabste, der die dreifache Krone trug, ins Gesicht schaute, da wäre er fast umgesunken; er erinnerte sich plötzlich des Traumes, der ihm vor mehr als einem Viertel Jahrhundert die Zukunft seines verschwundenen Sohnes gezeigt hatte. Doch Rabbi Schimeon faßte sich; er setzte dann in längerer Rede die Nothwendigkeit und Wichtigkeit der Gottesgebote auseinander, deren Ausübung das Edict des Pabstes verhindern wollte. Als er geendet hatte, befahl der Pabst seinem Secretär, einen Widerruf des erwähnten Edictes auszufertigen und an den Erzbischof von Mainz abgehen zu lassen. Dann entließ er die zwei Vorsteher; dem Rabbi aber befahl er, ihm in sein Cabinet zu folgen; wo er ihn bei kabbalistischen Geheimstudien zu Rathe ziehen wolle. Der Rabbi folgte dem Pabste. Als Beide allein waren, setzte sich Rabbi Schimeon auf des Pabstes I Geheiß, während dieser unruhig im Zimmer auf- und abging. „Lebt Eure Gattin noch, Rabbi?" fragte der Pabst. „„Sie lebt, gnädigster Herr, und wartet sehnsüchtig meiner Rückkehr."" „Wie viel Kinder habt Ihr, Schimeon?" „„Ich habe vier Söhne und zwei Töchter!"" „Wo wohnen Eure Kinder?" „„Mein ältester Sohn, Iehudah, wohnt bei mir in meinem Hause; er wird, so Gott es nicht anders beschließt, dereinst mein Nachfolger werden. Mein zweiter Sohn, Joseph, ist Rabbiner in Metz. Mei'r, mein dritter, lebt als Kaufmann in Paris, wo er die Tochter eines angesehenen Mannes geheirathet hat. Nechemjah, mein vierter, studirt noch unter meiner Leitung. Meine Töchter sind beide in Mainz verheirathet."" „Hattet Ihr sonst keine Kinder?" „„Wohl,"" antwortete seufzend der Rabbi, „„ich hatte noch einen Sohn. O, erst heute gedachte ich lebhaft seiner, da Euer Antlitz mich an sein liebes, gutes, geistvolles Gesichtchen erinnerte."" „Mein Antlitz erinnerte Euch daran?" „„Verzeiht, gnädigster Herr, wenn ich mit solcher Behauptung die schuldige Ehrerbietung verletzen sollte; aber es ist so; und dann trat mir ein Traum vor die Seele, in welchem ich meinen Sohn auf einem Throne sitzend erblickte, die dreifache Krone auf seinem Haupte, ein großes goldnes Kreuz auf der Brust, während ihm die vornehmsten Herren die Füße küßten. Gerade so, gnädigster Herr, seid Ihr mir heute erschienen."" „Und was ist aus diesem Eurem Sohne geworden?" „„Er ist als vierjähriges Kind verschwunden, spurlos verschwunden!"" „Habt Ihr keine Dermuthung, wohirrIdas Kind gekommen sein kann?" „„Man glaubt, daß seine in Wahnsinn verfallene Wärterin ihm ein Leid angethan, ihn vielleicht in den Rhein geworfen habe."" „Wie hieß das Kind?" „„Elchonon."" „Elchonon!" rief der Pabst überrascht — und plötzlich überkam es ihn wie eine Erleuchtung von Oben — „El-chonon nachaloßau benauam lehaschpar!" rief er aus. „Vater, mein Vater, ich bin Dein Elchonon, Dein lang verlorener Sohn! — O, laß mich ruhen an Deiner Vaterbrust!" und mit beiden Armen umschlang er, laut weinend, den wiedergefundenen Vater und bedeckte sein Antlitz mit Küssen. (Forts, f.) Hierzu eine Beilage. Verantwortliche Redaktion: Dr, Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hosbuchhandlung. — Darnpf-Schnellprefscndruck von I. Gottsleben in Madq.