Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 8 (1867)
- Issue
- Heft 12 (20.3.1867)
- Date
- 1867-03-20
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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192 er die Gelegenheit mehr, denselben über seine Herkunft zu befragen. „Ihr habt mich," sagte er, „als kleines siebenjähriges Kind nach Rom gebracht! Ihr müßt doch misten, ehrwürdiger Vater, von wem Ihr mich empfangen habt." „„Gnädigster Herr,"" antwortete der Prior, „„ein Mönch aus Mainz, Namens Thomas, hat Euch zu uns gebracht. Er that sehr geheimnißvoll, und wir fragten nicht lange. Gar häufig werden uns Kinder zugesührt, deren Herkunft wir nie erfahren; wir erziehen dieselben zu Geistlichen und forschen nicht weiter nach. Ich denke mir, daß Ihr der Sohn eines hohen Herrn seid, der Eure Geburt geheim halten wollte."" Das Gesicht des Cardinals verfinsterte sich; ihm war der Gedanke, daß seine Geburt eine illegitime sein sollte, unerträglich. „Ich werde nach Mainz gehen," dachte er, „und die Wahrheit erforschen." Allein noch an demselben Tage erhielt er Depeschen vom Pabfie, in denen seine schleunige Rückkehr nach Rom verlangt wurde. VII. Unterdeß hatte der Kaiser einen Erfolg nach dem andern errungen; siegreich hatte er Oberitalien durchzogen, hatte Rom erobert und würde seinen Feind Gregor gefangen genommen haben; allein der Normannenherzog Robert Euiscard befreite den in der Engelsburg belagerten Pabst und führte ihn mit sich nach Salerno. Felix hatte treu ausgehalten bei seinem Freunde und ehemaligem Gönner; er verließ ihn auch im Unglück nicht und folgte ihm in die Verbannung. Aber Gregors Kraft war durch die rasch hereinbrechenden Leiden gebrochen; eine zerstörende Krankheit bemächtigte sich seiner; er starb mit den Worten; „Ich liebte die Gerechtigkeit und haßte das Böse; darum sterbe ich in der Verbannung." — Vor seinem Tode hatte er seine Anhänger um sich versammelt und seinen getreuen Felix zu seinem Nachfolger empfohlen. Nach dem Tode Gregors kehrten die Cardinäle nach Rom zurück und vollzogen den letzten Willen des verstorbenen Pabstes. Unter den Namen Victor III. bestieg der Sohn des Mainzer Rabbi den päbstlichen Stuhl. Wie glücklich würden sich Tausende und aber Tausende an der Stelle des kaum dreißigjährigen Pabstes geschätzt haben! Es war der höchste Gipfel der Macht, des Ansehens und der Ehre, den der Neuerwählte erstiegen hatte. Des Pabstes Fuß küßten die mächstigen Fürsten; er herrschte über Kaiser und Könige!; ein großer Theil der bewohnten Erde lag ihm demü-! thig zu Füßen. Allein der junge Pabst war nicht! glücklich; ihm fehlte der Glaube an das, was er selbst verkündete und lehrte. Die heilige Scheu, die ehrerbietige Hingebung für das, was ihn als heilig gelehrt worden, war längst von ihm gewichen; er war zu tief eingeweiht in das weltliche Getriebe, in das Vorherrschen der menschlichen Leidenschaften am päbstlichen Hofe r-«maliger Zeit, als daß ihn dasjenige hätte blenden können, was der großen Menge imponirte. Ueberdies hatte Pabst Victor sich tiefen Studien ergeben; er hatte die Bibel in der Ursprache gelesen, was in jener Zeit nur wenige christliche Gelehrte von sich rühmen konnten. Zur hebräischen Bibel flüchtete er in den Stunden der größten Aufregung, der entsetzlichsten Gewiffenspein; hier suchte er Trost und Frieden. Pabst Victor glaubte nicht an die Mysterien der christlichen Kirche; ernstes Nachdenken hatte ihn zu der Ueberzeugung geführt, daß das Wesentlichste des Christenthums den heiligen Büchern der Hebräer entnommen sei; sein durch und durch philosophisch gebildeter Geist konnte nicht lasten von dem Glauben an den einig-einzigen Gott, wie ihn die Mosaische Religion lehrt. — Belauschen wir den Pabst in seinem Gemache, wo er einsam vor der hebräischen Bibel sitzt. „Schwang Jisrael," liest er leise, „Haschem Elodenu, Haschem echad! Höre Israel, der Ewige, unser Gott, der Ewige ist einzig." — „Wie mich das anheimelt gleich einer Kunde aus vergangenen Tagen! Fast machte ich dieses Gefühl der Erinnerung zuschreikir, möchte glauben, daß ich nach Plato's Lehre als noch Ungeborener, als noch mit dem Körper unbehasteter Geist in des Himmels Höhen die „Ideen" schaute, daß die obengelesene Formel mir aus der Seelen Tiefen emporsteigt. O, wer diese Räthsel zu lösen vermöchte! Allein, was plage ich mich mit dem Forschen nach Uebersinnlichem; habe ich doch das Geheimniß der eigenen Geburt noch nicht zu enthüllen vermocht. Ich werde nach Mainz schreiben und mich nach jenem Pater Thomas erkundigen." — Der Pabst verfiel in tiefes Sinnen, aus dem ihn erst das Erscheinen eines Dieners aufrüttelte. „„Heiliger Vater,"" sprach dieser, „ein deutscher Mönch wünscht Euch in wichtiger Angelegenheit zu sprechen, und zwar allein zu sprechen." „Aus welcher Stadt, aus welchem Kloster, und wie ist sein Name?" „„Er sagt, er heiße Thomas und sei aus Mainz, ein Pater aus St. Jakob."" „Pater Thomas aus Mainz!" rief erstaunt der Pabst. „ Führe ihn eilends herein und sorge dafür, daß wir ungestört bleiben." (Fortsetzung folgt.) Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaction: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. — Dampf-Schnellpressendruck von I. Gottsleben in Mainz.