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Der Israelit · 1867-03-06 · Heft 10 (6.3.1867) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
8 (1867)
Issue
Heft 10 (6.3.1867)
Date
1867-03-06
Page
– (sequence 8)
Language
German
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160 Elchanan erwachte und wieder zu phantasiren begann. Magaretha wollte ihn beruhigen und ihm die lindernde Arznei reichen; aber das Kind stieß sie hinweg. Die Wärterin liebkoste es, rief es mit den zärtlichsten Namen, allein das Kind ließ sich nicht beruhigen. Da trat der Rabbi herein; sogleich war das Kind still, erhob sich und rief: „El-chonon nachaloßau benauam lehaschpar!" Der Rabbi beugte sich über sein Kind und bedeckte es mit Küssen; Thränen rieselten ihm die Wangen herab; aber das Kind ward ruhiger, und als nun die Mutter kam, um ihren Wacht-Dienst wieder anzutreten, schien sich die Wuth der Krankheit gebrochen zu haben. Auch der Arzt fand am andern Tage das Kind besser, erklärte jedoch, daß er erst am neunten Tage darüber entscheiden könne, ob alle Gefahr vorüber sei. HI. Es war an einem Sonntag Morgen; aus der Liebfrauenkirche strömte die Veterschaar; nur Wenige waren in der Kirche zurückgeblieben, um zu beichten, unter ihnen Margaretha. Als sie sich vor dem Beichtstühle befand, erzählte sie dem Pater Thomas, ihrem Beichtiger, von der Krankheit ihres Pfleglings und von ihrem Schmerze darob, daß das von ihr so heißgeliebte Kind in die Hölle kommen müsie, da es doch ein Judenkind sei. . . . Als Margaretha den Beichtstuhl verließ, war sie überaus heiter. Wodurch hatte sie der Priester so zu erheitern gewußt? Noch immer schwebte Elchanan zwischen und Tod und Leben. Da kam die neunte Nacht der Krankheit heran; die Mutter wachte am Bette des Kindes; Rabbi Schimeon saß in seinem Studierzimmer und war beim aufgeschlagenen Talmud eingeschlafen. Er mußte wohl sehr angenehm träumen, denn ein seliges Lächeln umspielte seine Lippen. Als er erwachte, schloß er das aufgeschlagene Buch, eilte zu seiner Gattin und ries freudig. „ Bella, unser Kind wird nicht sterben!" Sie sah ihn fragend an; er aber setzte sich neben sie und sagte: „O höre, welch wundervoller Traum mir eben die Zukunft enhüllt hat. Uebermüdet war ich am aufgeschlagenen Talmud eingeschlummert; die Buchstaben und Worte tanzten vor meinen Augen, und die Buchstaben nahmen die Gestalt an, die ihr Name bedeutet. Da stand das Aleph als Fürst mit dem Herrscherstabe in der Hand, der ganzen Schaar gebietend, und das Beth wurde zu einem großen, schönen Hause, zu einem Palaste, wie ich solche in Italien gesehen, und das Gimmel reckte als Kamee! weithinaus seinen Hals, und das Daleth ward zur Pforte des Palastes, und ein Arm streckte sich heraus mit geballter Hand, das war das Jod, und das Peh lächelte mir zu als ein freundlicher Mund; dagegen stieg drohend das Sajin als Waffe empor, und die ganze Schaar schwirrte wild durcheinander und faßte mich dann und führte mich weit, weit hinweg in ein schönes, sonniges Land; da stellte sich das Beth auf als ein schöner Palast, durch dessen Pforte wir allesammt zogen, bis wir in einen reichgefchmückten Saal gelangten, wo aus goldenem Throne ein mit einer dreifachen Krone geschmückter Herrscher saß. Um diesen standen viele vornehme Männer, das Haupt demuthsvoll beugend, und Einer nach dem Andern küßten sie dem Herrscher den Fuß; aber die Buchstaben verneigten sich nicht. Und als ich dem Herrscher ins Angesicht schaute, da war es unser Elchanan; aber zugleich erschrak ich heftig, denn auf seiner Brust hing ein großes, goldnes Kreuz, und jammernd rief ich: „Elchanan, Elchanan!" Da sprang der Fürst von seinem Throne und schleuderte weit hinweg das goldne Kreuz, und fiel in meine ausgebreiteten Arme und bedeckte mein Gesicht mit Küsien. Dann umringten uns Beide die Buchstaben, erfaßten uns und führten uns hieher nach Mainz. Hier war auf dem Marktplatze ein großer Thron errichtet mit 72 Stufen, derart wie uns die Weisen den Thron Salomo's beschreiben. Auf jeder Stufe saßen goldene Löwen, die mit lauter Stimme brüllten, und goldne Adler, die ihre Fittige heftig aneinander schlugen. Und Elchanan nahm dis dreifache Krone von seinem Haupte und schleuderte sie weit hinweg, bis in den Rhein, wo sie mit lautem Geplätscher versank. Dann betrat er muthig die Stufen des Thrones, und die Löwen leckten ihm die Hände, und die Adler legten sich ihm zu Füßen; als er nun oben auf dem Throne angelangt war, da kamen zahllose Schaaren von Engeln vom Himmel herab, und ein Engel hatte eine aus Sonnenstrahlen gewobene Krone in seiner Hand, die drückte er unserm von Licht umfloffenem Sohne auf das Haupt, und die Engel brachen in den Jubelruf aus: „Also geschehe dem Manne, den der König der Könige ehren will!" — Da erwachte ich und schloß die Gemara und eilte zu dir. Glaube es, Liebe, unser Elchanan wird genesen. Gott hat ihn zu hohen Ehren berufen." „„Gottes Wille geschehe!"" sprach die fromme Mutter und beugte sich über ihr Kind; das aber lag im ruhigen Schlummer, sanft und gleichmäßig athmend. — Als es am Morgen erwachte, saß Rabbi Nathan, der Arzt, am Bette des kleinen Kranken; er ergriff desien Händchen und hielt es lange in der seinen. Dann sprach er feierlich; „Gelobt sei Der, welcher die Kranken heilt. Die Krisis ist vorüber, das Kind ist genesen I" (Fortsetzung folgt.) Hierzu eine Beilage. Verantwortliche Redaction: vr. Lehmann. — Verlag der Le Rouxlchen Hofbuchhandlung. — Dampf-Schnellprefsendruck von I. <8 ot erleben in Manu.

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