Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 8 (1867)
- Issue
- Heft 9 (27.2.1867)
- Date
- 1867-02-27
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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144 ström? Bist Du noch nicht auf seinem stolzen Rücken gefahren, hast du noch nicht hinabgeschaut in die blaßgrüne Fluth? O, komm und schaue diesen Strom und die gesegneten Fluren, durch die er fließt, die schönen, altersgrauen, und doch so jugendfrischen. Städte, an denen vorüber er seine Fluthen wälzt, das silberne Straßburg, das eiserne Köln; und die Perle seiner Städte: Mainz, das goldene Mainz! Komm zu mir heute; ich will Dir aus der grauen Vorzeit eine Geschichte erzählen, die in Mainz beginnt und endet, eine Geschichte, die sicherlich wahr ist, wenn wir sie historisch auch nicht begründen können, eine Geschichte, die sich seit acht Jahrhunderten fortgepflanzt hat von Mund zu Mund. Mainz ist nicht allein eine schöne, es ist auch eine uralte Stadt, deren Anfang in eine Zeit fällt, da das deutsche Volk noch gar nicht in Städten wohnte; hier, wo der Main in den Rhein ausläuft, «o die Gebirge eine äußerst fruchtbare Ebene einschließen, wo in nächster Nähe der köstlichste Wein gedeiht, hier war es, wo die Römer feste Niederlaflungen gründeten, wo Julius Cäsar eine feste Brücke über den Rhein schlug, wo Drusus ein befestigtes Lager errichtete. Auch die aus Palästina vertriebenen Söhne Juda's siedelten sich hier schon frühzeitig an, und eine große, zahlreiche jüdische Gemeinde erblühte, und sie pflegte das köstlichste Gut, das Israel mitgenommen in die Verbannung, die heilige Gotteslehre. Kurz vor dem Beginne unserer Geschichte hatte hier Rabbi Meschullam gelehrt, den man den Großen nannte, und Rabbi Gerschom, „das Licht" der über den Erdboden zerstreuten Juden, Rabbi Gerschom, dessen Einfluß ein so mächtiger war, daß er die Polygamie (Vielweiberei) bei den abendländischen Juden zu verbieten vermochte. Ein würdiger Nachfolger saß auf dem Rabbinensitze dieser großen Männer: Rabbi Schimeon, den man später den Großen nannte. Noch hatte er sich diesen Namen nicht erworben,' noch waren die erhabenen Gesänge, mit denen er Gott verherrlichte, nicht in die Gebetordnung der Festtage ausgenommen, noch ssand Rabbi Schimeon im jugendlichen Alter, aber schon hatte ihn sein ausgebreitetes Wissen und sein tiefer Forschergeist zum Haupte der angesehensten Gemeinde des damaligen Europa erhoben. Rabbi Schimeon sitzt sinnend in seinem Studirzimmer; erst eben haben seine zahlreichen Schüler ihn verlassen; noch liegen die großen Folianten des babylonischen Talmuds neben ihm; aber nicht diesem gilt sein Sinnen; der Rabbi befindet sich in einem f ustande heiliger Begeisterung; sein Auge glänzt, seine ippen bewegen sich. Jetzt schreibt die Hand nieder, was das Herz empfunden, das Haupt gedacht, die Lippen geflüstert haben. Es ist jener wundervoll erhabene Weihegesang, die Einleitung zu den Gebeten für den zweiten Tag des Neujahrsfestes, die der Rabbi soeben niedergeschrieben hat; in ihm wird Gott als König verherrlicht, als König, der da aller Geschehenisse gedenkt und vor dem der Schofar ertönt. Leicht und doch erhaben fließt die Sprache als der tiefen Gedanken würdiges Kleid; Reim schließt sich an Reim ungezwungen an, während die einzelnen Strophen in alphabetischer Ordnung einander folgen; dabei ist der Name des Verfassers künstlich hineinverschlungen. Eben hat er das herrliche Gedicht vollendet, er durchlieft es noch einmal mit zufriedenem Lächeln; da öffnet sich die Thüre, und ein wunderschönes, vierjähriges Knäblein tritt herein, geht leisen Schrittes auf den Rabbi zu und blickt auf die offendaliegende Pergamentrolle. „„Vater, lieber Vater!"" ruft jubelnd das Kind, „„du hast ja meinen Namen geschrieben!"" „El-chonon nachaloßau benauam lehaschpar," liest darauf der Kleine mit für sein Aller bewunderungswürdiger Fertigkeit. Rabbi Schimeon hebt den blondlockigen Knaben auf sein Knie und küßt ihm die rosigen Wangen. „Ja, mein Elchanan," sagt er darauf, „ich habe auch deinen Namen in mein Gedicht verflochten. Dein Name wird mit dem meinen genannt werden, wenn Israel in heißer Andacht am Neujahrsfeste zu seinem Gotte betet. Kannst Du die Worte, die du so fertig gelesen, auch übersetzen?" „„Nicht alle, mein Vater."" „„Gott hat begnadigt sein Erbtheil mit Lieblichkeit."" „„So weit weiß ich's; aber „„lehaschpar"" — das Wort kenne ich nicht."" „Es heißt: „schön zu machen". Gott hat sein Erbtheil, sein Volk, uns Juden begnadigt, uns unser Loos lieblich und schön zu gestalten. Er hat uns erwählt aus allen Völkern, auf daß wir Ihm angehören. O, mein Kind, wann immer du deinen Namen nennen hörst, so erinnere dich dieser Worte." Und der Knabe nahm das Pergament aus feines Vaters Hand und wiederholte vielmal die Worte: „El-chonon nachaloßau benauam lehaschpar!" und der Vater sah ihm zu mit freudigem, hoffnungsreichen Lächeln, mit gerechtem Stolze. „Vater," sagt endlich Elchanan, „ich weiß sie jetzt auswendig, die fünf Worte, ich werde sie nie vergessen; aber auch die Erklärung habe ich mir gemerkt!"— Gerührt schließt der glückliche Vater sein reichbegabtes Kind in die Arme. — (Fortsetzung folgt.) Hierzu eine Beilage. Aeramwortliche Aedaction: vr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hof-vchhandlung. — Tampf-Schnellpreffendrua von I. GottSleüen in Main«.