Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 8 (1867)
- Issue
- Heft 8 (20.2.1867)
- Date
- 1867-02-20
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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122 stitutionen; alles UeLrige ergänzt sich schon von selbst. Ein schöner und practischer Gedanke war es , das Haus der Andacht und die Pflanzstätte des religiösen Wissens in so enge Verbindung zu bringen. Die Schule mußte die Jugend so heranbilden, daß sie dereinst, wenn sie dem Kindesalter entwachsen, würdig und fähig sei, der Synagoge, der Gemeinde Israels als nützliche Mitglieder anzugehören. Früher war dieses Geschäft der religiösen Erziehung, wenn anders nicht besondere Verhältniffe obwalteten, bei weitem nicht so schwer, wie es leider in unserer Zeit der Fall ist. Den wenigsten Eltern dürfte es heutzutage vergönnt sein, ihre Söhne fortwährend so lange beaufsichtigen zu können, bis sich der Character, die Sinnesrichtung derselben zu jener Vollkommenheit erstarkt hat, daß eine Umgestaltung desielben nach der verderblichen Richtung nicht leicht mehr befürchtet zu werden braucht. Besonders ist es der Handelsstand, dem doch wohl der größte Theil unserer Glaubensgenosien angehört, dem diese Gefahren am meisten drohen. Früh, häufig zu früh, kommen dann die Söhne als Lehrlinge in die Fremde und sind sich oft selbst überlassen, ausgesetzt dem verderblichen Einfluß ihrer näheren oder weiteren Umgebung. Wer hak sie nicht schon gehört, diese Entschuldigungen schwacher Eltern, die. weil sie kein an den Feiertagen geschlosienes Geschäft so leicht ausfindig machen konnten, leichtsinnig genug waren, ihre Elternpflicht und die Religion ihrer Kinder auf's Spiel zu setzen und ihre Kinder zur Entweihung der Sabbat- und Festtage zu zwingen! Andere glauben Wunder was sie gethan haben, wenn sie ihren Sohn in einem solchen Hause unterbrachten, wo das Geschäft zwar die Ruhetage nicht feiert, jedoch der betreffende Sohn an diesen Tagen frei ist. O, wenn sie es nur wüßten, diese Verblendeten, wie da die der Schule kaum entwachsenen Jünglinge dem Gespülte und dem bösen Beispiel ihrer Collegen und nur gar zu oft selbst ihrer Principale ausgesetzt sind. Ja, die Herren Principal« huldigen nicht immer in der Praxis jenem Toleranzcultus, zu dessen Theorie sie sich doch so eifrig bekennen. Wir sprechen nicht nach unserem Ermessen allein, wir könnten Beispiele genug anführen, ja selbst die Namen nennen, wenn dieses etwas zur Sache thun würde. Wir haben z. B. einen Fall vor Augen, bei welchem der Chef des Geschäftes sein Ehrenwort verpfändete, den betreffenden Lehrling an Sabbat- und Festtagen von der Geschäftsthätigkeit zu entbinden. Zuerst fing der „Ehrenmann" damit an, dem Jungen Freitag Nachmittags derartige Commissionen aufzutragen, zu deren Erledigung ein Theil des Sabbats mithalten mußte; später mußte der arme Junge Freitag Abend, nachdem schon Stunden lang der Sabbat angefangen hatte, zur Post gehen, bis er nach und nach — obschon durchaus fromm erzogen, aber noch nicht characterfest genug, se; rien Principal an das „Ehrenwort" zu erinnern —-Kmmer lockerer in der Beovachtung des Sabbats wurde. 'Doch wozu noch länger über diese Mißstände und ihr§ fölßex genug, daß sie vorhanden sind. Schlimmer; Sber noch wäre es, wenn wir dieses so ruhig mitans^brn könnten, und nichts thäten, als den Kopf darübe?°zu schütteln. Noch gibt es Mittel, diesen Uebeln zu steuern, und so lange es diese gibt, wäre es feiger Verrath an der guten Sache, wenn wir dieselben unversucht i ließen. Wir haben unlängst in diesen Blättern gelesen, daß in Paris durch den ernsten Willen des Herrn Consistorialrabbinen Isidor und einiger frommer, thatkräftiger Geschäftsleute der Verein rost' now in's Leben gerufen wurde, ein Unternehmen, das keinen andern Zweck hat, als gerade den oben berührten Uebelständen vorzubeugen, und welches gewiß jeder Gesinnungsgenosse mit Freuden begrüßt hat. Kaum war diese Nachricht einigermaßen durch die jüdischen! Zeitschriften verbreitet, als auch schon das „Jewish j Chronicle" eine Anregung zur Stiftung eines öhnli- > chen Vereins, aber für das ganze britische Reich, ent-! hielt. Wir wiffen zwar, daß in England das relij giöse Leben noch in einer weit größeren Blüthe l steht, als dieses bei uns der Fall ist, jedoch zweifeln j wir nicht einen Augenblick, daß, wenn sich das Be-! dürfniß fühlbar macht, ein solcher Verein in Britanien! ganz im Stillen entstehen werde, denn der thatkräftige Oberrabbiner Englands, Herr Dr. Adler, spricht lieber von Thatsachen als von Projecten. j So sind also gerade die frommen Israeliten Deutschlands diejenigen, die in dieser Beziehung noch am weitesten zurück wären. Von der Notwendigkeit eines solchen Vereines, von dessen Zweckmäßigkeit zu sprechen, dmfte wohl überflüssig sein. Es blieb uns also nur noch die Ausführbarkeit übrig und unsere heutige Aufgabe wäre gelöst. Doch, fragen wir, wa- J rum sollte denn ein solcher Verein etwa nicht zu grünj den, und wenn dieses geschehen, warum nicht lebens-! fähig sein? Etwa weil schon einmal die Versuche dazu in Hamburg und Frankfurt a. M. scheiteren? Mit Nichten. Damals war es eineinzige Stadt ohne diesbezügliche Verbindung mit anderen Handelsplätzen, heute reden wir von ganz Deutschland, verbunden wie noch nie früher durch eine, in den weitesten Krisen verbreitete Wochenschrift. Ja, der „Israelit" ist es, den wir als mächtigen Hebel zur Förderung dieses guten Werkes betrachten; auch könnte der Verein durch Verbindung mit denjenigen Vereinen des Auslandes einen internationalen Character annehmen, was jungen Geschäftsleuten von großem Nutzen sein dürfte. Und wenn auch abgesehen von dem keineswegs zu bestreitenden Grunde, daß damals es nur eine einzelne Stadt war, der keine weitverbreitete Wochenschrift als Organ