Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1867-02-13 · Heft 7 (13.2.1867) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
8 (1867)
Issue
Heft 7 (13.2.1867)
Date
1867-02-13
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2447291-2447299--04894-2460373
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

107 Hostie wieder von sich gebe. Der Correspondent spricht sein Behagen darüber aus, daß das Mittel verfehlt gewesen, da die Hostie bereits consumirt war. — Wir können jedoch mit Bestimmtheit die Versicherung geben, daß kein verständiger Israelit zu einem solchen Mittel greift; kein jüdisches Gesetz schreibt vor, verbotene Speisen durch Brech- oder andere Mittel aus dem Körper zu entfernen. Diese Hoftiengeschichte erinnert uns stark an jene unglückseligen Mährchen des Mittelalters, welche Tausende unserer Glaubensgenoffen das Leben gekostet haben. Gott sei Dank, daß in unserer Zeit derartige Geschichten nicht mehr verfangen, und daß die Herrschaft des Gesetzes in civilisirten Ländern soweit vorgeschritten, daß es schwer wird, den alten Fanatismus wieder heraufzubeschwören. — Was soll dieses Mährchen von der beabsichtigten Entfernung der Hostie durch ein Brechmittel, was soll diese Erfindung, daß das Kind in Folge dessen „Blut" vomirt habe? Taucht ihr wieder auf, ihr Schrecken des 14. und 15. Jahrhunderts? Haben der Wahn und der Aberglaube und die Raubsucht nicht schon genug Opfer verschlungen? Während der Correspondent des „Mainzer Journal" dieses Mährchen mit: „es scheint zu sein," „das Kind soll" rc. einleitet, gibt er es dann sofort als Gewißheit, indem er sortsährt: „das Mittel war aber durchaus verfehlt;" nun kömmt die Redaction des „ Mainzer Journal" und spricht von dem „gewaltsamen Einschütten des Brechmittels zur Entfernung der Hostie" als von einer unzweifelhaften Thatsache. Was ftir eine Schreckensgeschichte wird erst in der „Wiener Kirchenzeitung" und gar in Tyroler Blättern daraus werden! Bedenkt denn das „Mainzer Journal" nicht, welche Verantwortung es mit solchem Gebühren übernimmt? An eine fluchwürdige Absichtlichkeit wollen wir zur Ehre unserer Stadt und zur Ehre unseres Jahrhunderts nicht glauben. — Völlig unbegreiflich ist es uns, wie das „Mainzer Journal" es wagen kann, bei derartigem Gebühren von Toleranz und Humanität zu sprechen und diese dem Straßener Pfarrer zu vindiciren. Wäre der Straßener Pfarrer tolerant oder gar human gewesen, so hätte er die Angehörigen des Kindes von dessen beabsichtigtem Schritte benachrichtigen müssen; das wäre tolerant gewesen. Wollte aber der Herr Pfarrer human sein, so hätte er dem Kinde auseinandersetzen müssen, daß auch das Judenthmfl seinen Bekennern die ewige Seligkeit bietet. Kotmte-oder durfte das der Herr Pfarrer nicht, so konnte und durfte er auch nicht „human" sein. Während unserer fast dreizehnjährigen Amtsthätigkeit hier in Mainz haben wir eine große Anzahl Christen, Katholiken und Protestanten, zurückgewiesen, die sich behuf beabsichtigten Uebertrittes zum Judenthume an uns wandten; wir haben ihnen gesagt, daß sie als gute, brave Menschen auch in ihrem Glauben selig werden könnten nach dem Ausspruche des Talmuds: „die Frommen aller Nationen haben Antheil an der zukünftigen Welt". Dagegen haben auch wir ein schönes Beispiel von Toleranz erfahren, indem vor jetzt zwei Jahren der protestantische Garnisonspfarrer einen Juden , der sich taufen lassen wollte, zu uns schickte, damit derselbe sich vorher mit uns bespreche; es ist uns dann auch in der That gelungen, den 28jährigen jungen Mann dem Judenthume und seiner Familie zu erhalten. Toleranz und Humanität gehen nicht auf die Seelenjagd aus, bekehren keine unmündigen Kinder zum Herzeleid trauernder Eltern — aber Toleranz und Humanität werden immer mehr Raum auf Erden erobern, werden immer mehr Länder und Völker für sich gewinnen, trotz des Straßener Pfarrers und trotz des — „Mainzer Journals"! — Bulletin der Alliance Israelite Universelle. In der vorigen Nummer haben wir unseren geehrten Lesern die ausgezeichnete Rede, die Herr Äd. Crömicux in der Generalversammlung dieses Vereines am 29. Nov. v. I. gehalten hat, mitgetheilt. Heute lassen wir den Bericht des Secretärs, Herrn N. Leven, folgen: Meine Herren! Sie wohnen diesen Abend der sechsten Generalversammlung der „Alliance Jsraslite Universelle" bei. Obgleich auf den Monat Juni festgesetzt, wurde sie wegen Abwesenheit unseres Präsidenten verschoben. Derselbe war zur Vertheidigung unserer Glaubensgenossen in Bukarest. Wir mußten dessen Rückkunft abwarten. Weil auch die Herbstzeit für unsere periodischen Versammlungen geeigneter ist, so haben wir beschlossen, daß dieselben in Zukunft im Monat November stattfinden sollen. Nach achtzehn Monaten, die seit der letzten Generalversammlung verflossen sind, haben wir die Genugthuung, Ihnen von der Entwickelung unserer Gesellschaft Mittheilung machen zu können. Während dieser Zeit ist dieselbe bedeutend größer geworden. Sie werden sehen, wie wir diese Krastentwickelung zum Nutzen und Vortheil unserer Glaubensgenossen benutzt haben, und dennoch, wenn wir unsere Kräfte mit der Größe des Werkes, welches zu vollenden wir uns zur Ausgabe gestellt haben, messen und vergleichen, so machen sie noch den Eindruck der Unzulänglichkeit auf uns. Wir wollen alle unsere Glaubensgenossen frei sehen; aber noch ist in Israel die Zahl der Unterdrückten groß und alle Arten von Gewaltthätigkeiten werden gegen dasselbe gebraucht. Während in gewissen Ländern, die civilisirt sein wollen, unsere Glaubens-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.