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Der Israelit · 1867-02-13 · Heft 7 (13.2.1867) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
8 (1867)
Issue
Heft 7 (13.2.1867)
Date
1867-02-13
Page
– (sequence 2)
Language
German
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106 streiten — man könnte Gründe dafür und dagegen anführen, und so hätten wir eigentlich wenig mehr hinzuzufügen, wenn uns nicht die ganze Art und Weise der Darstellung des „Mainzer Journal" zu ernsten Betrachtungen Anlaß gäbe. Wir lasten hier die Darstellung des Hergangs, wie das Mainzer Journal" ihn gibt, folgen: „Henriette Levy, jüdischer Religion, Tochter der Wittwe Levy von Straßen, hatte die dortige Gemeinde-Mädchenschule, welche von einer Schwester aus der Congregation „der christlilichen Lehre" geleitet wird, besucht. Sie ist nicht 14, sondern 15 Jahre und mehrere Monate alt, talentvoll und von liebenswürdigem, aber entschiedenem Charakter. Schon vor fünf Jahren, als ihre Mitschülerinnen zur ersten heiligen Communion gingen, erklärte sie denselben, sie wollte, bevor sie stürbe, auch dieser Gnade theilhaftig werden. Ihre christliche Ueberzeugung schöpfte sie theils aus dem Unterrichte, dem sie mit den übrigen Schulkindern beiwohnte, theils aus eigenem Studium des Katechismus, und sie raune in ihrem Entschlüsse bestärkt durch den Eindruck, welchen die Juden durch die fahrlässige Ausübung ihrer Religion auf sie machten. Sie las auch bisweilen im Leben der Heiligen von Ott. Bon Tag zu Tag in der Kenntnih des heiligen Glaubens voranschreitend und von der Gnade erleuchtet, stand bereits seit zwei Jahren bei ihr der Entschluß fest, zur christlichen Religion überzutreten. Der Herr Pfarrer, dem sie ihr heißes Verlangen geoffcnbart, glaubte jedoch ihrem Wunsche noch nicht entsprechen zu dürfen. Er hieß sie den vorhabenden Schritt recht zu überlegen, pruste sorgfäliig ihren Wandel und weit entfernt, ihr den christlichen Glauben ausdrängen zu wollen, machte er sie aufmerksam auf die ernsten Folgen, welche die Ausführung ihres Vorhabens nach sich stehen könnte. Zwei Jahre anhaltender und sorgfältiger Prüfung sollten aber noch vorüoergehen, bevor ihr das erwünschte Glück zu Theil werden sollte. Es ist wirklich im hohen Grade rührend zu lesen nnd man glaubt sich in die ersten Zeiten des Christcntyuins verseht, wenn man in dem Schreiben, das die junge Katechumcr-a kurze Zeit vor ihrer Aufnahme in die katholische Kirche an den Herrn Pfarrer von Straßen gerichtet, die dringendste Bitte vernimmt, ihr doch um ihres Seelenheiles willen die heilige Taufe spenden zu wollen. Das arme Kind ahnte damals schon das schwere Gewitter namenloser Verfolgung, welches über seinem Haupte sich entladen sollte. Es sah voraus die großen Schwierigkeiten, die seinem Bekenntniste bevorstanden; allein nichts schreckte es ab, der heiligen Kirche angehörig zu werden „Ich werde Alles, schreibt sie, bis aufs Aeußerste dulden; und tödten sie mich, das wäre nur das größte Glück, welches mir wiederfahren könnte." Zuerst nun müsten wir unserm tiefen Schmerze Ausdruck geben, daß es jüdische Eitern gibt, weiche ihre Kinder am nichtjüdischen Religionsunterrichte Iheilnehmen lasten. Diese Fälle sind leider nicht vereinzelt; sie kommen häufiger vor als man es für möglich halten könnte. Heißt das nicht die Kinder zum Abfalle erziehen? Wann werden die Augen dieser Blinden sich öffnen? Die zweite traurige Lehre, die in diesem Vorgänge sich uns bietet, ist die, daß die Eltern durch die Fahrlässigkeit, mit der so viele ihre Religion üben, die Kinder ganz und gar dem heiligen Glauben Israels entfremden müssen. Die Geschichte ereignete sich in der Nähe von Luxemburg, wo der bekannte Samuel Hirsch Jahrzehnte lang als Rabbiner fungirte — ein Rabbiner, der den einzigen Juden Luxemburgs, welcher sein Geschäft am Sabbat geschloffen hält, darob zu Rede stellen ließ! Sollte man es für möglich halten! — und doch ist uns diese Thatsache von glaubwürdiger Seite berichtet worden! Wem fällt hei dem in Rede stehenden Ereignisse nicht das alte jüdische Sprichwort ein: Wo der Raw ist, da .... sich die Kehilla! Das „Mainzer Journal" mag auS dem Vorstehenden erkennen, daß wir uns den'Mängeln in unserer Mitte durchaus nicht verschließen; zugleich müsten wir ihm jedoch bemerken, daß uns seine Darstellung des Herganges mit Entsetzen erfüllt hat. *) Wie muß man jenes Kind in Straßen fanatisirt haben, daß es die vom „Mainzer Journal" citirten Worte schreiben konnte: „Ich werde Alles bis auf's Aeußerste dulden; und tödten sie mich, das wäre nur das größte Glück, welches mir widerfahren könnte!" Wer sind diese „sie", von denen das Kind den Märtyrertod zu empfangen wünscht? die eigene Mutter, die, wie das „Manzer Journal" selbst berichtet, ihr Kind zärtlich liebt, und seine leiblichen Brüder, die es ernähren und es stets mit brüderlicher Zuneigung behandeln! Nicht in die ersten Zeiten des Christenthums — in die grauenhafteste Barbarei des Mittelalters fühlen wir uns bei dieser Darstellung zurückversetzt. Ist das die Religion der Liebe, die derartig Haß und Zwietracht säet zwischen Mutter und Kind, zwischen Bruder und Schwester? Das 10jährige Kind wird bereits für die Taufe gewonnen — mit 15 Jahren ist es so wert, daß es seine .'theuersten Angehörigen für seine bittersten Feinde hält, daß es es als das größte Glück betrachtet, wenn jene an ihm zu Kindes- und Schwestermördern werden! Welch eine Begriffsverwirrung! Und diesem vom Fanatismus bis zum Wahnsinn bethörten Kinde will man eine selbstständige, religiöse Ueberzeugung zutrauen, und will noch über Verletzung der Gewissensfreiheit klagen, weil man der Mutter gestattet, die „junge Christin" eines Bessern belehren zu dürfen!!! Was das „Mainzer Journal" noch weiter über Mißhandlung des Kindes Seitens der Mutter und der andern Juden berichtet, fühlen wir uns nicht veranlaßt, als etwas Anderes als Klatschereien zu betrachten, die der Correspondent des „Mainzer Journal" vom Hörensagen ausgenommen hat. Wie absurd diese Behauptungen sind, möge uns diejenige beweisen, daß die Juden von Straßen der kleinen Henriette ein Brechmittel (!!!) eingegeben hätten, damit sie die *) Es kann uns Niemand beschuldigen, daß wir das so verbreitete Vorurtheil gegen das M. I. theüen; erst unlängst haben wir der Partei gegenüber, welche das M. I. vertritt, unsere Vorurtheilslosigkeit bewiesen, indem wir die Rede eines hochgestellten katholischen Geisllichen über Toleranz und Gewissensfreiheit Wiedergaben. Wir empfehlen die erwähnte Rede dem M. I. zur Lectüre.

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