Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 8 (1867)
- Issue
- Heft 6 (6.2.1867)
- Date
- 1867-02-06
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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94 liche Lage kommen, sich selbst oder seinen Nebenmenschcn aus die einfachsten Fragen (hierzu wird in diesem Buche die harmlos aufgeworfene und mit unglaublicher, cynischer Jämmerlichkeit beanworteter Hauptfrage, die man sich am Ende nicht zu b ea ntw orten getraut, sondern sich o o m O b e r k o u s i st o r i a lrath und Probsten eine darüber einholt, die „naive" Frage, nämlich: Warum wir nicht mit Sack und Pack in das Lager der Majorität übergehen, gerechnet) zu antworten. Es ist für ein denkendes Wesen nichts Demüthigenderes als dieser ewige Zustand der Unmündigkeit, ewig, statt vernünftige Gründe über seine Verfahren zu geben, sich auf Autoritäten des Gesetzes berufen zu müssen. Besonders wenn es Gegenstände der unbedeutendsten Gattung (!!!) betrifft,';. B. den Genuß gewisser Speisen...." Hier haben wir die Quelle dieses gewaltmm gemachten Widerspruches zwischen Lehre und Leben, Glauben und Erleuchtung. Freilich wenn, wie in jener Periode der gemein epikurärsche Eudämonismus als summum bonum hingestellt wird, wenn man die Stirn hat, über die Frage des Uebertrittes zum Christenthume eine (stngirte) Anzahl von Aufgeklärten (vielmehr abgeklärte) einem Probst und Oberkonsiftorialrath sagen zu lassen (S. 64): „nein, ehrwürdiger Mann, wir bekennen unbefangen, daß, wenn es ohne Beeinträchtigung unserer Vernunft, ohne Verletzung des moral. Gefühles (also nur dieses?) geschehen könnte, wir keine Rücksicht scheuen und uns öffentlich der Gesellschaft einverleiben würden, die stets die Pforte ihres Tempels offen hielt (sehr gnädig!) und mit ebenso offenen Armen und menschenfreundlichem Herzen immer bereit ist, uns aufzunehmen (ja leider immer, und bekanntlich mehr als aufzunehmen, zu umstricken); wenn man die Stirn hat, dergleichen Verrückheiten zu sagen und vor Sehnsucht berstet, dieses Even der „Freiheit" zu erstürmen, dann freilich gibt es Kluft über Kluft, Kluft der Austern rc., Kluft der Liebschaften rc., Kluft der Caisinos, in denen noch keine Aufklärung herrscht, Kluft über Kluft. Seit diesem „Aufkläricht" datirt diele Kluft zwischen Glauben und Wissen, welche, weil im Judenthume ohne reelle Basis, bis dahin Niemanden beunruhigte. (Forts, f.) Zeitungsnachrichten und Correspottdenzen. Deutschland. Berlin, Ende Januar. Eine erhebende und würdige Feier beging der hiesige Talmud-Verein am 16. v. M. Dieser Verein hat zu seinem Zwecke, die Kenntniß des Talmuds insbesondere und wahre Religiosität im Allgemeinen zu fördern und zu verbreiten. Schon früh soll der Jugend in einer vierklassigen Schule die Vertrautheit mit dem Judenthume und dessen Anforderungen zugänglich gemacht werden. Außerdem aber wird an den Wochentagen allabendlich ein Stück aus dem Talmud vorgetragen, dessen Abschluß nach dreizehnjähriger Arbeit eben gefeiert werden sollte. Um 4 Uhr Nachmittags versammelten sich die Gäste, deren sich etwa 250 eingefunden hatten, nach gesprochenem Minchah - Gebete, im Speisesaale. Nachdem sie sämmtlich ihre Plätze eingenommen hatten, gingen die Flügelthüren auf, und unter Begrüßung schmetternder Fanfaren wurde die Feierlichkeit durch den Festzug eröffnet. Derselbe bestand aus vier Zöglingen der Talmud Unterrichtsanstalt, von denen zwei den ersten und letzten Theil des Talmuds, die zwei anderen dagegen Lichter in den Händen trugen, gefolgt vom Vorstand und Fest - Comete. Der Synagogenchor stimmte bei diesem feierlichen Einzuge die Worte aus dem Abendgebete an: um« d'DDwdi D’pn msm mm Tpm rrtto lsoipai i:npN 'n p py moS Herr Dr. S. Apolant hielt mit gewohnter Gediegenheit die Festrede über die Bedeutung des Tages. Die Lectoren im Beth-Hamidrasch, die Herren Wolfsohn und Lewinsobn, machten nun unter den üblichen Formeln das Syjum und den erneuten Anfang des Talmuds, welchem Act ein Chorgesang no Pon beschloß. In gehobener Stimmung fetzte man sich zur Tafel. Herr A. Al. Bleichrode hatte mehrere hebräische Gesänge für dieses Fest gedichtet, die Herr Dr. Apolant in's Deutsche übersetzt und der König!. Musikvirector L. Lowandowsky in Musik gesetzt hat, und auf den Königsgesang in's Hebräische übertragen^ Nach Necitation des letzter« brachte der Vorsitzende des Fest Comitv's, Herr William Schönlank, den ersten Toast Seiner Majestät dem Könige. Der Concertmeister Rehfeldt trug eine von ihm componirte Fantasie auf der Violine vor, worauf ein hebräischer Sologesang folgte, und Herr Dr. David Cassel auf den Verein einen Toast ausbrachte. Anknüpfend an den Brunnen, den das gesammte Israel unter Gesang in der Wüste gegraben (4 M. 21, 16 —18), führte der Redner aus, wie Hohe und Niedrige sich an dieser Arbeit beiheiligt hätten. So ist auch der Talmud nicht von einem Einzelnen geschaffen, sondern von dem ganzen Volke verfaßt, *) dessen beften Kräfte fast ein Jahrtausend an ihm gearbeitet; er ist somit ein Nationalwerk im eminentesten Sinne des Wortes. Die Sage von der wunderbaren Beschaffenheit des Brunnens, der Israel auf Höhen und in Tiefen begleitete, wurde gleichfalls aus den Talmud angewendet; auch *) Anm. der Red.: Wir müssen hiegegen Verwahrung einlegen; der Talmud ist überhaupt nicht „versaht"; seine westlichsten Bestandtheile sind von Gott offenbart.