Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 8 (1867)
- Issue
- Heft 6 (6.2.1867)
- Date
- 1867-02-06
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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92 Feuilleton. Die Rettung. (Fortsetzung.) III. Als Victor das Unglück seines Vaters erfahren hatte, beeilte er sich einen Boten an seine Mutter zu schicken, damit diese mit ihren jüngern Kindern noch M.... eile, um beim Kurfürsten einen Fußfall zu thun. Man wollte dieses Mittel nicht unversucht lassen , wiewohl man sich nicht viel Erfolg davon versprach; es war nicht die Art des Kurfürsten, ein einmal bestätigtes Todeeurtheil zurückzunehmen. Durch Leah erfubr auch Rabbi Mordechai von dem Unglücke des ehemaligen Feindes; von Mitleid bewegt, begleitete er die unglückliche Gattin, um in M .... vielleicht durch seinen Freund und Studiengenossen, den dortigen Rabbiner Rabbi David, für den Gefangenen wirken zu können. Allein alle Versuche blieben fruchtlos. Wir haben bereits oben erwähnt, daß am Kurfürstlichen Hofe Feste gefeiert wurden; es geschah dies zu Ehren der Prinzessin Wilhelmine, welche eben jetzt nach M.... gekommen war, um dort ihren bleibenden Aufenthalt zu nehmen. Sehr Wenige wußten, warum diese schöne, junge und geistreiche Fürstin den glänzenden Hof ihres Bruders verlassen hotte, um in der Residenz des Kurfürsten zu wohnen; sehr Wenige wußten, warum diese vielumworbene Prinzessin die glänzendsten Partien onsgeschlagen hatte. Am Kurfürstlichen Hofe freute mon sich sehr mit der liebenswürdigen, geistvollen Dame und gab ihrer Ankunft zu Ehren die glänzendsten Feste. An einem wundervollen Sommerabende fand auf dem Flusse ein Fackeltanz statt. Hunderte von Nachen waren mit buntfarbigen Laternen bedeckt und mit Blumenguirlanden verziert; in einem größern Rachen stand m phanthastischer Tracht ein Zauberer, den Zauberstab schwingend. Nach seinen Andeutungen ruderten die Ruderer, mit ihren Nachen Schlangenwindungen ziehend, während in denselben Fackelträger Tänze aufführten. Auf dem Balcone seines Schlosses saß der alte Kurfürst, mit sichtlichem Behagen dem Treiben zuschauend. Zu seiner Rechten saß Prinzessin Wilhelmine, zu seiner Linken Graf St., des Kurfürsten erster Minister, der eigentliche Beherrscher des Kurstaates. Die Ufer des Flusses bedeckten Tausende von Menschen, die das ebenso schöne wie seltene Schauspiel genießen wollten. An der entgegengesetzten Seite der Stadt liegt eine Anhöhe; dort wanderte ein einsamer Spaziergänger umher; es war Victor, den das Geschick seines Vaters nicht ruhen li* ß. Ringsumher herrschte Todtenstille; die sonst belebten Spaziergänge waren leer, denn Alles, was gehen konnte, war dem Stromufer zugeeilt. Unter freiem Himmel warf sich Victor auf die Erde nieder und betete zum Allerbarmer um die Befreiung seines Vaters. Ermüdet ließ er sich endlich aus einer *Bank nieder; bald kam noch ein Mann des Weges, der Victor eine Zeit lang mißtrauisch betrachtete, dann aber neben ihm Platz nahm. „Warum weilt ihr hier einsam," redete er Victor an, „während Alles dem Fackeltanze zueilt?" „„Ich könnte dieselbe Frage an euch richten; allein ich habe keinen Grund, meinen Kummer zu verschweigen. Ich kann die allgemeine Lust nicht theilen, da meines Vaters Leben bedroht ist."" „Da geht es euch fast wie mir; auch ich habe Kummer; allein mein Kummer ist ganz anderer Art. Kennt ihr mich?" „„Ich erinnere mich nicht, euch gesehen zu haben."" „Und doch seid ihr mir nicht unbekannt; ihr seid ein Bediensteter bei dem reichen Herz Mainkahn." „„Der bin ich. Und wer seid ihr, mein Herr?"" „Ich heiße Lapierre und bin Geheimsecretär des Grafen St. . Wie heißt ihr?" „„ Victor I"" „Ihr könntet mir Helsen, Victor!" „„Ich, gnädiger Herr?"" „Ja, ihr! Ich habe gespielt und habe eine Ehrenschuld von lausend Gulden; diese Summe könntet ihr mir verschaffen." Wie ein Blitz fuhr ein Gedanke durch Victors Kopf. Er ergriff des Geheimsecretärs Hand und flüsterte ihm zu: „„Die tausend Gulden sind euer an dem Tage, da der Jude, welcher im Holzthurm sitzt, frei wird!"" „Ihr scherzet Victor. Kann ich einen zum Tode Verurtheilten freischaffend" „„Ja, ihr könnt's durch euren Herrn, der das ganze Land regiert!"" „Auch der Graf kann das nicht. Verurtheille begnadigen kann nur der Kurfürst, und der zieht kein unterschriebenes Todesurtheil zurück." „„Auch nicht, wenn der Verurtheilte unschuldig ist?"" „Könnt ihr das beweisen?" „„Leider kann ich das nicht."" „Wieso wißt ihr, daß der Eingekerkerte unschuldig ist?" „„Es ist mein Vater!"" „Euer Vater? Armer junger Mann, ich will euch wohl. Verschafft mir die tausend Gulden und ich gebe euch einen guten Rath, der sicherlich die Befreiung eures Vaters zur Folge hat." „„Kommt mit mir zu meinem Principal; ich hoffe, daß ihm die Befreiung meines Vaters tausend Gulden, die wir ihm übrigens ersetzen werden, werth ist."" (Forts, folgt). Hierzu drei Beilagen. Verantwortliche Redaction: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'fchen Hofbuchhandlung. — Dampf»Schnellprefsendruck von I. Gottsleben in Main,.