Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1867-02-06 · Heft 6 (6.2.1867) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
8 (1867)
Issue
Heft 6 (6.2.1867)
Date
1867-02-06
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2446951-2447291-2447298--04871-2460349
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

87 maßen doch nur für sie ist, das Geräthe.der Reinheit, von dem die heilige Schrift spricht. Arbeit, Ehre sind stets unsere Devise, und die Juden mögen fortschreiten auf dem Wege, der ihnen vorgezeichnet ist. Der Moment wird bald kommen, wo religiöse Vorurtheile (verzeihen Sie mir diese Worte) nur nock in der Erinnerung leben werden, wo in dieser französischen Nation Alle Franzosen sein werden in den Augen Aller! Wie hat sich doch Alles geändert für uns, meine Herren, in so kurzer Zeit! als ich noch ein Kind war, — es sind wohl schon einige Jahre; ich bin zwar fast einund sieben zig Jahre alt — aber was sind diese Jahre in der Ewigkeit dieser Welt? — als ich noch ein Kind war also, konnte ich nicht die Straßen meiner Vaterstadt betreten, ohne Beleidigungen ertragen zu müssen. Wie manchen Kampf muhte ich mit meinen Fäusten ausfechten! Nun gut! wenige Jahre nachher machte ich meine Studien zu Paris, und als ich 1817 nach Nimes kam, erhielt ich eine Stelle am Gerichtshof und war für Niemanden Jude. Bald sah ich Juden hohe Ehrenstetten erschwingen, und meine Freude war groß. Ja ich sage cs Ihnen, meine Herren, ich bin stolz auf die Juden; und man muß mir dieses Gefühl der Eitelkeit verzeihen; denn als ich noch ein Kind war, galten sie gar nichts, und mit dem Zunehmen meines Alters sah ich sie voll Eifers, voll Muths thätig, gute Bürger, nützliche Menschen; ich habe gesehen, wie sie sich in allen Carrieren hohe Stellungen zu verschaffen wußten, ich habe gehört, wie ihre Namen unter den schönsten Namen klingen, auf die unser Land stolz ist. Muth, meine Freunde, verdoppelt den Eifer: wenn man so schnell, so vortrefflich sich die Gegenwart zu erobern wußte, wie schön mag da erst die Zukunft werden! Meine Herren! die „Alliance israelite universelle“ spielt eine bedeutende Rolle in dieser Mission des Fortschrittes. Sie hat sich zwei Missionen auferlegt, welche sie mit der unbegrenztesten Ergebenheit und den glücklichsten Resultaten zu erfüllen weiß: die Beschützung der Juden gegen die Verfolgung oder die Ungerechtigkeit, die Regeneration der Juden durch Unterricht. Ihr wohlthuender Einfluß ist von diesem Augenblicke an zu einer wahren Macht geworden. Urtheilen Sie von Thatsachen: Zu Salonich beklagten sich die Juden, daß man von ihnen Frohndienste verlange, von welchen die Muselmänner und die Christen befreit waren. Die „Alliance" wendete sich an die Pforte. Sofort verlangt Ali Pascha, Minister der auswärtigen Angelegenheiten durch telegraphische Depeschen von dem Gouverneur Aufklärung hierüber, und uns wird vollständige Befriedigung. Zu Minsk werden zehn Juden der Brandstiftung angeklagt. Eine telegraphische Depesche benachrichtigt uns, daß einer von ihnen, der zum Tode verurtheilt wurde, füsilirt werden sollte, und daß den Uebrigen ein gleiches Schicksal bevorstehe. Juden Brandstifter! Das ist unmöglich! Ihr Präsident wendet sich mit einer Bittschrift an den russischen Kaiser, welche er Herrn Budberg, seinem Gesandten zu Paris, übergibt. Der Eifer des Herrn Budberg für die Aufnahme und die Beförderung unserer Bitte an den Czar verdient unsere öffentliche Anerkennung. Man macht sich kaum einen Begriff von seinem wohlwollenden Entgegenkommen, feiner hohen Stellung so würdig. Die Antwort blieb nicht aus. Die Todesstrafe, die gegen den einen verhängt war, wurde in zwanzigjährige Kerkerstrase verwandelt, achr von den übrigen Neun wurden sofort in Freiheit gesetzt; der neunte wurde zu einer Gefängnißstrafe, gleich der Dauer seiner Untersuchungshaft, verurlheilt, welche jedoch schon von dem Beginne seiner Perhaftung an gerechnet wurde, so daß er an demselben Tage das Gefängniß verließ, an welchem er verurtheilt wurde. Bon wo aus uns auch immer Klagen zukommen, so ist unsere Hilfe stets zur Hand. Der Bericht unseres Secretairs bat uns mit anderen Details bekannt gemacht. Die Regeneration der Juden, nun, in unserer Nähe haben wir uns nicht darum zu kümmern: die Ferne ist es, wohin wir in dieser Beziehung unsere Blicke richten, der Orient ist es, wohin wir UNS wenden; wir treten unter eine Bevölkerung, die uoch so weit von der wirklichen Civilisation entfernt ist, wo die Juden noch unter den niedcrdrückendsten Borurtheilen leben; wir kommen, die Börse in der Hand, um an die Errichtung von Schulen zu schreiten, die bis jetzt dort noch ganz unbekannt waren; Mogador, Tetuan, Tanger, Constantinopel, Salonich, Damaskus, Bagdad, unsere Alliance ist überall und beginnt die Kinder derartig heranzubilden, daß sie im reiferen Alter den Anforderungen der Intelligenz zu entsprechen wissen. Ich weiß nicht, welche angeborne Lebhaftigkeit, welche Geistesschnelle die Jugend des Orients beseelt, daß sie solche Fortschritte macht, welche unser Erstaunen erregen. Knaben- und Mädchenschulen entstehen und entwickeln sich. Die Mädchenschulen beschäftigen uns sehr viel. Die Mädchen werden Frauen, die Frauen werden Mütter. Die Mütter sind es, durch welche den Kinderherzen die ersten Principien, die ersten Ideen übertragen und eingeprägt werden, welche oft die Entscheidung für das ganze Leben bestimmen. Ich gestehe es Ihnen unter uns, meine Herren, daß ich stets für die Frauen das größste und liebevollste Wohlwollen gehabt habe. Ich habe zur rechten Zeit begriffen, daß von ihnen das Schicksal unserer Kinder, d. h. das Glück unseres Lebens, abhänge, und ich konnte nie begreifen, daß man ihnen eine untergeordnete Stellung eingeräumt hatte. Nie konnte ich mir diese in der jüdischen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.