Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 8 (1867)
- Issue
- Heft 4 (23.1.1867)
- Date
- 1867-01-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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55 großen Nachtheilen, welche eine Verweigerung des Schreibens der israel. Schüler für den öffentlichen Unterricht überhaupt hat, gesellt sich daher der noch viel bedauerlichere Umstand, daß durch eine solche Pflichten- Collision, wie die, welcher gegenwärtig die israelitische Schuljugend ausgesetzt ist, die Moral und die erziehende Kraft der Schule leiden. Deßhalb kann auch nicht mit halben Maßregeln geholfen werden. Die hier maßgebende Aulorität — — nach meiner Ansicht der israel. Cultusvorstand — hat eine definitive Entscheidung zu treffen. Mit dem bloßen Jgnoriren oder dem Ueberlaffen dieser Angelegenheit als einer Gewiffenssache an das freie Ermeffen der Eltern würde der gegenwärtige unleidliche Zustand, unter welchem die bildende und erziehende Seite der öffentlichen Schulen Wiens gleich leidet, in Permanenz erklärt. Ganz anders würde die Sache sich verhalten, wenn von Seite des israel. Cultus Vorstandes eine giltige Erklärung vorläge, daß die israel. Schüler, solange nicht für sie eigene confessionelle Schulen errichtet sind, an die strenge Beobachtung ritueller Gebräuche, die in Collision mit den allgemeinen Schülerpflichten stehen, nicht ausnahmslos gebunden sind. Die israel. Schüler könnten dann mit voller Beruhigung ihren Pflichten Nachkommen, die öffentlichen Schulen Wiens wären von einem gewaltigen Hemmschuh befreit und hätten ohne Beeinträchtigung über die ganze Schulzeit zu verfügen. Fänden aber trotz der Erklärung des Cultusvorstandes einige Eltern es nicht mit ihrem Gewissen vereinbar, ihre Söhne an Samstagen schreiben zu lassen, so stünde es ihnen nach wie vor frei, für die Erziehung und Bildung ihrer Kinder anderweitig Sorge zu tragen. Hochachtungsvoll Dr. A. Pokorny, Direct or des Leopoldftädter Real-Gymnasiums. Schon gleich nach dem Erscheinen des ersten dieser eigenthümlichen Schriftstücke verspürte der Unterzeichnete große Lust, dem Herrn Direktor seinerseits mit einer Antwort aufzuwarten; ich wollte jedoch der ersten, namhaft gemachten Adresse, dem W. Israelitischen Cultusvorstande, nicht vorgreifen. Da aber von dieser Seite nichts geschieht, derselbe also sich wahrscheinlich zu der bei Gelegenheit einer Versammlung von Vorstandsmitgliedern geäußerten Ansicht bekennt, daß man nicht jedem Zeitungsartikel Rede stehen solle, worin, soweit es sich um den Vorstand einer so bedeutenden Gemeinde wie die Wiener handelt, auch etwas Wahres liegt; da mir ferner unbekannt ist, ob Private es in andern Organen gethan, ich aber so viel weiß, daß man heute nichts todtschweigen darf, daß, wenn nicht dem Publikum bestimmte Urtheile wenigstens „zur Ansicht" vorgelegt werden, dieses plan- und tendenzlos räsonnirt, und sich am Ende gar oft nach der vermeintlich „ liberalen" Seite entscheidet, welche bekanntlich, wo es sich um einen ra» ^ti handelt, besonders verhangnißvoll für das jüdische Leben ist; so erachte ich es durchaus nicht unter meiner „Würde", einem „Zeitungsartikel" Rede zu stehen, und lege allen Unparteiischen die folgende Erwiderung vor: Suchen wir jedoch zunächst die eigentliche Tendenz der Expektorationen des H. Direktors auf; leider wissen wir darüber eben so wenig Aufklärung zu geben, als irgend ein Anderer auf Erden; einen Einzigen ausgenommen, nämlich — den H. Dr. selbst, der das Taillerand'sche Urtheil über Zweck der Sprache auf den der Druckschriften erweitert zu haben scheint. Quem ad finem? fragten sich Alle, die es interesfirte. Als Quintessenz der ganzen Expektoration wird gegen Ende gesagt „Ausgabe der israelitischen Cultusgemeinde wäre es, die Jugend vor einer so bedauerlichen Collision ihrer Schüler- und Religionspflicht zu bewahren; sowie es gewiß' in ihrem Interesse liegen muß, nicht nur die Beachtung ritueller Gebräuche, sondern auch die Bildung der israelitischen Jugend zu fördern." Nun man muß dem H. Direktor das Zeugniß geben, daß diese Worte an diplomatischer Unklarheit Nichts zu wünschen übrig lassen. Jedenfalls aber hätte der H. Director, selbst wenn derselbe nicht, wie man sagt, von Geburt Jude, wissen sollen, daß die Adresse seines offenen Briests ganz verfehlt ist; es müßte denn derselbe sich auch an den Wiener Gemeinderath statt an das fürsterzbischäfliche Palais wenden wollen, wenn ihm etwa die vielen Normatage der katholischen Kirche ein Hinderniß für die entsprechende Durchbildung der Wiener Jugend sei rc. Jndeß wollen wir um solche bloße Formalitäten nicht streiten; uns drückt nur die Richtigstellung der Sache die Feder in die Hand. Summa Summarum 'der ganzen Beschwerde ist: Der correkteste Liberalismus des Schulbirektorates wird durch die in letzterer Zeit „leider" gestiegene mehr als den sechsten Theil betragende, und nicht nur in Bezug auf Zeichnen und Schreiben, sondern auch der Musik, des Turnens rc. und nicht nur für Samstag, sondern auch für die Abendstunden des Freitags rigorose Einhaltung der sabbatlichen Observanzen auf eine zu harte Probe gestellt, und erheischt dies, zumal dadurch nichtisraelitische Schüler beeinträchtigt werden, Abhilfe, d. h. „religiösen Liberalismus" (alias Reform) Seitens der Juden. Wir haben hierauf folgende Antwort: Es erfüllt jeden glaubenstreuen Israeliten mit unsäglicher Freude, daß „sich seit einigen Jahren die Fälle mehren", daß jüdische Schüler sich weigern, zu sein, und zwar nicht nur durch Schreiben und Zeichnen, sondern auch durch Musik, Turnen rc., und zwar nicht nur am amp N2L-, sondern auch in den späten Abendstunden des Freitags, und daß diese Weigerungen, „wäh-