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Der Israelit · 1867-01-23 · Heft 4 (23.1.1867) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
8 (1867)
Issue
Heft 4 (23.1.1867)
Date
1867-01-23
Page
– (sequence 2)
Language
German
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54 Unfrieden zu säen. Das ist'S auch, was unsere Weisen sagen, on ’:sd m»6 tto*,. „eS ist erkrubt, (an der Wahrheit) zu ändern, «m des MedenS willen". Es gibt aber noch viel ernstere und gewichtigere Verhältnisse, in denen die Eruirung der reinen Wahrheit geradezu unmöglich ist. Es liegt einmal in den irdischen Verhältnissen, daß Fälle existiren, in denen die Wahrheit völlig unmöglich ist. Solche Fälle bietet jede Wissenschaft, die in das praktische Leben eingreift. Die reine Mathematik zum Beispiel wird als angewandte Mathematik sofort von ihrer Wahrheit verlieren, wie es ja unmöglich ist, das Maß der Hypothenuse eines rechtminkeligen Dreiecks, dessen Katheten je einen Zoll messen, in Zahlen auszudrücken. 2_ Mit y/ 2 (Quadratwurzel aus 2) kann ich nicht messen; annähernd beträgt das Maß der Hypothenuse l2/s Zoll, aber nicht genau, denn das genaue Maß anzugeben ist unmöglich. — Ebenso ist es häufig unmöglich, durch die Sprache den Gedanken genau auszudrücken; wir muffen uns da mit der annähernden Wiedergabe begnügen. — In der Rechtslehre kann das reine Recht nicht immer angewandt werden; das Urtheil des Richters wird in vielen Fällen nur ein annähernd richtiges sein können; ja, die Entscheidung nach Majoritäten (ruo.ib D'3-, nn*0 ist an und für sich schon ein Widerspruch gegen die absolute Wahrheit, denn gemäß dieser könnte gar keine Meinungsverschiedenheit stattftnden. Dem Erörterten zufolge gäbe es also eine doppelte Wahrheit, die reine oder absolute Wahrheit und die den Verhältniffen entsprechende oder conventionelle Wahrheit. — Ist aber dieser Grundsatz nicht ein höchst gefährlicher? Gäbe es da für uns Menschen überhaupt noch eine Wahrheit, die ewig undunveränderlich wäre? Würden da nicht unsere höchsten Güter in Frage gestellt? Würde sich nicht aus solchen Grundsätzen die Berechtigung herleiten lassen, das Gottesgesetz die geoffenbarte Wahrheit, den Verhältniffen gemäß zu ändern und umzugestalten? Könnte dann nicht jedes Geschlecht das als conventionelle Wahrheit (die doch die allein praktisch giltige und anwendbare wäre) ausgeben, was ihm b.quem und angenehm erschiene? Würden da nicht alle Grundsätze wankend, alle Lehren der Religion dehnbar und wandelbar werden? Rein und abermals nein! wir dürfen trotz des Obengesagten behaupten, daß es nur eine Wahrheit gibt, und das ist es, was uns die Weisen durch jene Erzählung von dem Streite der Engel lehren wollten. Kehren wir jetzt zu jener Erzählung zurück: Liebe und Wohlthun erklären sich für die Schöpfung des Menschen, Friede und Wahrheit gegen dieselbe. Warum der Friede? Weil der Mensch zänkisch sein wlrd. — Woher stammen aber Streit und Zank? Nur aus dem Mangel an Wahrheit. Wo die Wahrheit, die reine Wahrheit waltete, da würde jeder Anlaß zu Streitigkeiten, Processen k. fehlen. — Was thut da der Heilige, Gelobt sei Er? Er wirft die Wahrheit zur Erde, nicht etwa als Strafe, als Entgelt für den Widerspruch gegen die Schöpfung des Menschen — nicht doch, Gott paßt vielmehr die reine, absolute Wahrheit den irdische« Verhältnissen an, wie es ja heißt: die Wahrheit wird aus der Erde hervorwachsen, das heißt, die reine, absolute Wahrheit selbst soll sich den irdischen Verhältnissen fügen und ihnen gemäß werden — aber nicht nach der Willkür menschlichen Ermessens, sondern nach den Anordnungen Gottes selbst. Wir haben hiemit die Fragen, die wir in Bezug aus den besprochenen Midrasch stellten, gelöst. Nicht eine Strafe war's für den Engel der Wahrheit, sondern eine nothwendige Umwandlung, durch die der Friede erst ermöglicht wurde auf Erden; es fällt damit der Emwand des Engels des Friedens von selbst, und damit auch die Frage, warum der Engel des Friedens nicht das Schicksal des Engels der Wahrheit hat theilen müssen. (Schluß folgt.) Meber die Interpellation des Directors D. Pokorny von vr. J. Hildesheimer. Auf die in Nr. 52 v. I. abgedruckte Kundgebung des in der Ueberschrift bezeichneten Herrn erfolgt noch folgende: Herr Redacteur! Meine Bemerkun.aen über die Weigerung der israel. Schüler, an Samstagen zu schreiben und zu zeichnen, welchen Sie in anerkennenswerther Weise die Spalten Ihrer Unterrichtszertung öffneten, fanden in einer folgenden Nummer Ihres Blaties von einem „Freunde der Wahrheit" aus israel. Kreisen volle Billigung. Das hiebei erwähnte Factum zeigt jedoch, welche Bedeutung die von mir angeregte Frage auch in anderer Beziehung hat. Abgesehen von dem Umstande, ob der Fall sich wirklich an einer hiesigen Lehranstalt ereignet hat, — was nicht hieher gehört — ist es keineswegs so paradox, als es den Anschein hat, wenn katholische Lehrer auf die Beachtung ritueller Gebräuche israelitischer Schüler dringen. Denn ist die Verweigerung des Schreibens an gewissen Tagen wirklich ein Religions- Gebot, so erscheinen Schüler, welche den liberaleren Anschauungen ihrer Eltern gemäß, dennoch an solchen Tagen schreiben, den übrigen gegenüber, die sich strenge an das Gebot halten, als irreligiös, und es ist wohl keine Frage, daß die Schule der Irreligiosität, wo immer sie sich öffentlich zeigt, zu steuern hat. Zu den

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