Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 8 (1867)
- Issue
- Heft 4 (23.1.1867)
- Date
- 1867-01-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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VIII. Jahrgang. JM 4L Der Israelit. Ein Kentrat - Grgan für das orthodoxe Iudenthmn. Herausgegeöen von ör. Lehmann in Mainz. Mittwoch, den 2 3. Januar 5627 (186 7). Diese Zeitung erscheint wöchentlich einmal, Mittwochs, in mindestens 2 Bogen. Preis des Jahrgangs 3 Thlr. pr. C. oder fl. 5. 15 kr. rh. Man abonnirt ganzjährig, halbjährig oder vierteljährig. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. Inserate IV2 Sgr. die Petitzeile oder deren Raum. Oesterreichische Banknoten laut Cours. Directe Francozusendung unter Streikband pro Jahrgang 4 Thlr. pr. C. oder 6 fl. österr. an die Expedition franco einzusenden. Inhalt: Leitender Artikel: Wahrheit. — Ueber die Interpellation des Directors D- Pokorny. — Zeitungsnachrichten und Eorrefpondenzeu. Deutschland: Berlin. Berlin. — Oesterr. Kaiserst.: Wien. Nickolsburg. Frankreich: Paris. Paris. — Rußland: Schadow. — Türkei: Konstantinopel. — Palästina: Jerusalem. — Abyssinien: Gondar. — Feuilleton: Die Rettung. Inhalt der Beilager Zeitungsnachrichten und Eorrefpoudruzeu: Deutschland: München. München. Pflaumloch. Rakel. — Schweiz: St. Gallen. — Holland: Amsterdam. — Oesterr. Kaiserst.: Wien. S. a. Ujhely. Prag. Aus dem nördlichen Böhmen. Lemberg. — Italien: Florenz. — Prankreich: Paris. — England: London. — Schweden u. Norwegen: Stockholm. — Türkei: Konstantinopel. — Palästina: Jerusalem. — Surinam: Paramaribo. — Feuilleton: Hiram, der König von Tyrus. Leitende Artikel. Wahrheit. ui. Mainz, den 15. Januar. Wir haben einmal gelesen, daß ein junger Mann, durch eine Predigt über das hohe und unschätzbare Gut der „Wahrheit" begeistert, den Entschluß faßte, von nun an nur die Wahrheit, die nackte und ungeschminkte Wahrheit zu sagen. An demselben Tage wurde er von feinem Onkel enterbt, weil er es nicht mit der Wahrheit für vereinbar hielt, zu sagen, er würde über den Tod des reichen, kinderlosen Onkels untröstlich sein, weil er vielmehr ans Befragen erklärte, daß dieser Sterbefall ihm zwar einerseits schmerzlich sein, daß ihm aber die reiche Erbschaft andererseits ein Gefühl der Befriedigung einflößen würde — an demselben Tage mußte er mit seiner verlobten Braut brechen, weil er dieser im Laufe des Gesprächs miltheilte, daß die Schmeicheleien, die er ihr früher gesagt, übertrieben und daß seine Liebe zu ihr nicht gerade eine grenzenlose sei — ferner wurde er von seinem Principale fortgejagt, weil er den Kunden, die gewohnt waren, angeblich um den Einkaufspreis zu kaufen, erklärte, daß man sie in dieser Beziehung hintergangen habe — ja, endlich wollte man ihn als einen Wahnsinnigen in's Irrenhaus bringen, als er sorlfuhr, den Leuten die „Wahrheit" zu sagen. Diese Erzählung entbehrt durchaus nicht der Begründung. Die Gesellschaft, in der wir leben, hat ein Anrecht darauf, daß Einer den Andern erträgt, daß die Menschen gegenseitig mit ihren Fehlern Nachsicht haben; es gibt außerdem gewisse conventionelle Formen, die nicht im Wortsinne zu nehmen sind. Wer kennt nicht die uralte Anekdote von jenem Gesandten aus Indien, dem sein Gastfreund in London sein Haus zur Verfügung stellt und der sich in Folge dessen berechtigt glaubt, bauliche Veränderungen darin vornehmen zu lassen, kostbare Spiegel einzupacken, um sie nach Indien zu befördern und dergleichen mehr? Wer möchte wohl Jemanden der Unwahrheit zeihen, wenn derselbe einem Besucher Freude über den Besuch bezeigt, während ihm dieser in der That unangenehm oder störend ist? Dürste man wohl denjenigen der Lüge beschuldigen, der seiner eigenen Ansicht entgegen einen Schwerkranken über dessen Zustand zu beruhigen sucht? So gibt es noch Tausende von Fällen, in denen es unklug, unhöflich, ja unsittlich wäre, die Wahrheit zu sagen und dadurch zu verletzen, zu schaden oder gar