Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1867-01-09 · Heft 2 (9.1.1867) · page 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
8 (1867)
Issue
Heft 2 (9.1.1867)
Date
1867-01-09
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2447291-2447294--04809-2460283
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

29 ausdrückliches Begehren, in eine ernste, große Oper umgestoltet werden mußte. Doch dies hinderte nicht den beispiellosen Erfolg. Ich befand mich bei Mama Beer, als die ersten Nachrichten über die erste Pariser Aufführung eintrafen. Telegraphen d. helektrische und dem Publikum zugängliche, gab es damals nicht; nicht einmal Eisenbahnen. Die Nachrichten kamen auf ganz gewöhnlichem Wege mit der Post an. wie andere Briefe. Aus der Masse der Glückwunsch-Schreiben, welche an die in Wonne schwimmende Mutter gerichtet waren, besinne ich mich deutlich auf den Brief Alexander von Humboldt's. Dieser Allerweltsmann verstand von Musik nicht das Geringste; ich meine ihm nicht Unrecht zu thun, wenn ich sage, daß er sie haßte. Gleichwohl hatte er's für Pflicht gehalten, der „hochverehrten, würdigen Mutter seines theuren Freundes" ausführlichen Bericht abzusiatten. Die Daten dazu schren er sich nun von Loge zu Loge bei allen Kennern und Freunden der Tonkunst zusammengetragen zu haben. Sein Brief glich einer höchst gewissenhaft abgefaßten Spezifikation sämmtlicher anerkennender Urtheile über sämmtliche einzelne Nummern des Werkes. Amalie Beer, die dreimal reiche Wittwe, zeigte in allen ihren sonstigen persönlichen Bedürfnissen eine seltene Maß'gleit und Anspruchslosigkeit. Neben der Liebe zu ihren Söhnen drehte sich ihr Dasein bis rn's hohe Greisenalter nur noch um einen einzigen Punkt: eine unbegrenzte Menschenliebe und Wohlthätigkeit! Was sie gethan mit unerschöpflicher Aufopf. rung, voll patriotischer Treue, in den Jahren 1813, 14, 15, das künden die Annalen jener Zeit des gewaltigen Aufschwunges. Und wenn ihre Verdienste damals nicht bezeichnet wurden durch den nur für hochherzige Frauen gestifteten Louisenorden, so fiel diese (allerdings von ihr schwer empfundene) Entbehrung ihr gewiß nicht so schwer, als es Friedrich Wilhelm IH. gefallen ist, gerade ihr gegenüber das Vorurtheil nicht überwinden zu können, eine Jüdin dürfe mit diesem Orden nicht belohnt werden. (Sein Nachfolger hat ihr übrigens späterhin diese Anerkennung aus freien Stücken gewährt.) Statt des Ordens aber, welcher früher die Brust der Jüdin nicht schmücken sollte, gab Friedrich Wilhelm III. der deutschen Frau einen andern Beweis herzlicher Achtung. Als auf seinen Befehl ron Rauch's herrlichem Marmorbilde aus dem Charlottenburger Mausoleum einige wenige Abgüsse für die Kinder der Königin Louise genommen wurden, — da empfing Amalie Beer in diesem Meisterwerke ihren Ersatz für den Louisenorden. Mögen wir noch so gern geneigt sein, zu geben, zu unterstützen: oft wird es uns denn doch zu arg und wir fertigen die Bittenden unfreundlich ab. Erwägen wir nun, welch' eine unübersehbare Masse von Ansprüchen nothwendigerweise diejenige» bedroht, die, in einer großen Stadt lebend, mit Recht für reich gehalten werden, deren Freigebigkeit sprichwörtlich geworden ist; wie die Forderungen, welche Clend, Mangel, Bedürfniß, nicht mnder Faulheit, schlaue List, unwürdiger Betrug an sie stellen, mit dem Rufe ihres Reichthums steigen: — da lernen wir begreifen, daß auch die vollste Kasse zu Zeiten nicht mehr genügt, alle zu befriedigen; daß sogar ein kolossales Vermögen schmelzen müßte vor den hitzigen Angriffen und Belagerungskünsten, welche dagegen gerichtet werden. Von den Stößen täglich eingehender, mit Certifikaten jeder möglichen und unmöglichen Gattung ausgestopfter Bittschriften, von der theilweise darin dargelegten Unverschämtheit kann sich doch nur einen Begriff machen, wer oft Zeuge davon gewesen ist. Mich überfiel nicht selten ungeduldiger Zorn, wenn ich sah, wie die arme reiche Frau gequält wurde, wie man ihr buchstäblich kaum Zeit ließ, einen Löffel Suppe zu effen. Denn das ging seinen Weg unausgesetzt und die Diener dursten nichts zurückweisen. Ein Zug, der mir jetzt eben vor's Gedächtniß tritt, mag Mama Beer bezeichnen, beffer als die breiteste Schilderung vermöchte. Wir hatten uns zu Tische gesetzt. Es war keine größere Gesellschaft zugegen, nur wenige Hausfreunde. Ich befand mich Frau Amalien zur Seite und sie erzählte mir gerade, daß es ihr heute doch ein wenig zu viel geworden mit Bettelbriefen. „Bald muß ich selbst betteln gehen," sagte sie; „ich habe mich völlig ausgesäckelt. So kann's nicht bleiben. Es wird ein Etat gemacht werden für diese Ausgaben und den überschreite ich dann nicht mehr." „Das scheint mir denn doch höchst unnütz," wendete ich ein; ...Sie können ja unmöglich Nein sagen, wenn Sie gebeten werden. Was soll der Etat?" — „Sie werden sehen, daß ich es ja kann," erwiederte sie; „ich habe mir's fest vorgenommen." In diesem Augenblicke reichte ihr ein Diener links eine Schüssel und ein zweiter legte rechts ein dickes Schreiben vor ihr auf den Tisch, dem man viele Schritte weit die mit Attesten gespickte Bittschrift ansehen konnte. — „Was ist das?" fuhr sie auf. „Wieso unterstehen Sie sich, mir heute noch ein solches Ding zu bringen? Wollen Sie vielleicht das Hundert voll machen? Fort damit 1 ich will's nicht sehen!" Der erschrockene Diener trug das Paket auf einm andern Trsch. Wir fanden den Unwillen der sonst so guten Frau ganz erklärlich, und Jeder befleißigte sich tiefen Schweigens über den Gegenstand. Die Teller waren noch nicht gewechselt, als Frau Amalie den Diener fragte (doch immer noch in verdrießlichem Tone): „Wer hat das abgegeben?" — „Ein kränklicher Mann, Madame Beer, er sah lo be-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.