Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 8 (1867)
- Issue
- Heft 2 (9.1.1867)
- Date
- 1867-01-09
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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LS «tarn Talmudjüngers, den er auf der Reife getroffen, in das Belh Hamidrasch deweitderühmten, ausgezeichneten Kottonitzer Magiv, denn damals gab es für die israel. Jünglinge Polens nur eine Beschäftigung, nämlich bas Lernen der Thora. Hier studirte er mehrere Jahre eifrig Talmud. Da wollte ein reicher Mann aus Koldonitz seine Tochter dem besten Schüler der Jeschiba zur Frau geben, und als solcher ward Lipmann Frank vom Rabbi bezeichnet Die Verlobung wurde gefeiert und man freute sich sehr mit dem schönen, gelehrten Bräutigam. Nur eines trübte die Freude; es war nämlich der Name seines Vaters und fernes Geburtsortes nicht aus ihm herauszubringen; doch söhnte man sich auch endlich mrt dieser unheimlichen Verschwiegenheit aus und belästigte ihn nicht weiter damit. Der Tag der Hochzeit rückte näher heran. Da war es an emem Freitag, als seine Braut ihm das Mittagsmahl in das Lehrhaus brachte und beständig über ihn hin lächelte, so daß er darüber verlegen wurde. Als er aber Abends in's Haus seiner Schwiegereltern kam, empfing ihn das Lächeln und Lachen aller Anwesenden, und so ging es den ganzen Sabbat über, ohne daß ihm Jemand die Ursache entdeckte. Das war aber unserm Lpmann Frank nicht mehr zum Aushalten und im vollsten Zornausbruch forderte er eine Erklärung hierüber. Sein Schwiegervater gab ihm dieselbe mit Folgendem: „Nup wisicn wir deine Abstammung. So heißt dein Geburtsort, so dein Vater rc. In Königsberg zeigte ich bei Tafel die für dich gekaufte Goldwaare, erzählte von dem sonderbaren Verschweigen deiner Herkunft und durch verschiedene Fragen eines Fremden, der zur M» sie dort war, stellte es sich untrüglich heraus, daß es dein Vater war. Unsere beiderseitige, unbeschreibliche Freude wirst du dir denken können". Ging diese Freude jetzt auch auf den Sohn über? Im Gegentheil; eiskalte Tropfen traten auf des Jünglings Strrne. Mit derselben Resignation, wie vom elterlichen, ging er auch vom schwiegerelterlichen Hause weg, gejagt von der Angst, seines Vaters Angesicht wieder zu sehen. Wieder ging cs von Ort zu Ort, von Lehrhaus zu LehrhauS, bis er endlich von einer russischen Soldalencommission, die nächtlicherweise den Ort, wo er übernachtete, überfiel, mit noch vielen andern conscribirt und in die Uniform gesteckt wurde. Er machte mehrere Feldzüge und Schlachten gegen Frankreich mit und kam endlich als Kriegsgefangener nach Frankreich, wo er durch List und Mithilfe einiger Glaubensgenossen in's Badische entkam, viele Jahre als Lehrer und Cantor funktionirte und endlich sich in Gerstheim mederließ, wo er sich, bereits im 40 Lebensjahre stehend, verheirathete. Während er eine Stelle im Elsaß bekleidete, fiel auf ihn einmal in Folge wunderbarer Ereignisse der Verdacht, er sei ein Zauberer, was ihm viele Unannehmlichkeiten verursachte, bis die Sache sich aufklärte. — Das Glück begünstigte ihn während seines ganzen ereignißreichen Lebens nur sehr selten, besonders waren ihm die letzten Jahre sehr kummerbeladen. Rach dem Tode seiner Frau vor ungefähr 40 Jahren ging er zu seinem Schwiegersöhne m Kost und Logis und wurde von seiner Tochter sehr gut verpflegt. Vor ungefähr 5 Jahren aber wurde sie durch eine Gliederkrankheit fast zur Urthätigkeit verdammt; einige Jahre daraus starb der Schwiegersohn, und dmch die Erwrrb-Verhältnisse gezwungen, mußte sie mit ihren Söhnen nach Joinviüe übersiedeln, wohin ihr Bruder mit seiner Familie vorher schon gezogen war. Auch der 106jährrge Greis wanderte dorthin, aber die israel. Religion wurde dort unter solchen Formen und Reformen ausgeübt, daß sein religiöses Herz darüber brach; er riß sich von seinen Kindern, welche die Einzigen dort waren, die noch dem alten Gesetze Treue bewahrten, los und irrte einige Wochen umher, unschlüssig, wo er seinen letzten Seufzer aushauchen sollte. Besonders jetzt und auch oft schon früher bereuete er bitter den jugendlichen Fehler und neigte geduldig der wohlverdienten Strafe (wie er es nannte) den Rücken dar. Abermals kehrte er nach Gerstheim zurück und lebte dort bis einige Wochen vor seinem Tode, wo er seine Familie wieder besuchte und 14 Tage nach einer Operation sanft verschied. Er versah an den hohen Festtagen, ohne schwach zu werden, bis zum letzten Jahre Vorsängerfunktionen, selbst bei den am längsten dauernden Gebetsabtherlungen. Eben so ungebrochen wie sein Körper war auch sein Geist. Immer frohen MutheS erfreute er sich eines vortreff.tchen Gedächtmss.s, dabei aß er kaum so viel wie ein Kind von 2 Jahren, ebenso mäßig war er im Genuß geistiger Getränke. — So hat er in einem Lande und zu einer Zeit diese Welt betreten, wo das Thoralernen und die Ausübung der israel. Gesetze auf der höchsten Stufe standen, zu einer Zeit, wo der unbegreiflich und unvergleichlich große jNun 'i in Wilna sein ganzes Zeitalter an das Thorastudium zu f sseln wußte; und ist aus dieser Wett geschieden in einer Stadt und zu einer Zeit, wo Thora und Gesetze — doch, wozu es noch aussprechen? «Y'a'Wru H. Rothschild, Lehrer. Berlin. Nach einer officiellen Statistik der Bevölkerung Berlins zählt dieselbe 630,000 Seelen^ von denen 19,000 Israeliten, 25,000 Katholiken. Dir Zahl der ungesetzlichen Geburten betragt bei den Protestanten 1 : 6, bei den Katholiken, 1 : 19 und 1: 35 bei den Juden. Man sieht wohl ein, daß diese Zahlen sehr beredt sind. (U. I.) Oesterreichischer Kaiserstaat. Wien, den 1. Jan. Mit dem gestrigen Tage legte der zum israelitischen Feldprediger während der