Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 8 (1867)
- Issue
- Heft 1 (2.1.1867)
- Date
- 1867-01-02
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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8i in der Welt die absonderlichsten Vorurtheile gegen die Söhne Juda's, und man glaubte noch ziemlich allgemein, wohl daran zu thun, daß man ihnen die edelsten Menschenrechte versagte. An einem rauhen Decemberabende des Jahres 1781 saß der Freiherr von Buchensee in seinem gemüthlich und wohnlich eingerichteten Gesellschaftszimmer mit seinem Freunde, dem Grafen von Laubach, beim Schachbrette. Draußen wüthcte ein entsetzlicher Schneesturm; desto behaglicher fühlte man sich in dem wohldurchheizten Raume; in der Nähe der Herren saßen die Damen deö Hauses, mit feinen Stickereien beschäftigt; jedoch weder das Spiel noch die Arbeit verhinderten es, daß eine lebhafte Conversation geführt wurde. Der Freiherr war ein eifriger Anhänger der neuen, von Frankreich kommenden Ideen; früher im Staatsdienst stehend, hatte er längere Zeit in Paris gelebt und dort die großen, tonangebenden Geister des Jahrhunderts persönlich kennen gelernt. Der Graf von Laubach hingegen war noch ganz in den Vorurtheilen der Vergangenheit befangen. Nichtsdestoweniger verband die beiden Herren die innigste Freundschaft, denn Beide waren Männer von echt edelmännischer Gesinnung und durchaus ehrenwerthem Charakter; die Verschiedenheit der Ansichten hinderte sie nicht, die größte Hochachtung für einander zu empfinden. Wie gewöhnlich entspann sich auch heute Abend eine lebhafte Controverse. Diesmal war es Lessings „Nathan, der Weise," welcher den Anlaß dazu gegeben hatte. Die Damen hatten erst kürzlich dies unsterbliche Dichterwerk gelesen. Der Graf zog heftig gegen den noch nicht lange verstorbenen Dichter zu Felde; der Hauptpastor Götze in Hamburg, der bekannte Gegner Lessings, war ein persönlicher Freund des Grafen; es war daber natürlich, daß dieser für Götze Partei nahm; er behauptete, dieselben verwerflicken Ideen, die Lessing in den „Fragmenten" veröffentlicht habe, durchzögen auch dessen Nathan. Namentlich konnte es der Graf dem Dichter nickt verzeihen, daß dieser einen Juden zum Helden seines Stückes gemacht habe. Die Antipathie gegen Lesstng fand bald in den Anden ihren Ableiter, denen der Graf alle edlen Eigenschaften absprack, die er als vom Geiste der uiedrigsten Habsucht beseelt schilderte, denen er die schmutzigsten Laster schuldgab. Ruhig ließ ihn der Freiherr sich aussprechen; als der Graf geendet hatte, fragte er ihn nur: „Und glaubst Du, daß cs wirklich keine edle, hochherzige, redliche Inden gibt?" „„Ja, das glaube ich; Manche stellen sich ehrlich , sind es aber nicht; ihr Charakter hält keine Probe aus."" „Gut," sagte der Freiherr, „machen wir eine solcke Probe; ich kenne viele brave, rechtliche Juden, einer, der. mir näh» bekannten heißt Ahron Nauheim; er wohnt in Gunderöbach. Der bedauernswerthe Mann befindet sich, wie ich-erst heute vernommen habe, in schlimmen Verlegenheiten. Große Häuser in der Residenz, mit denen er in Verbindung gestanden, haben ihre Zahlungen eingestellt; wie mir heute mein Verwalter gesagt hat, genügen 5,000 Thaler, den ehrlichen , Ahron vom Untergange zu retten. Ich habe ihm einen kleinen Posten von 300 Thalern zu zahlen für Maaren, die er mir besorgt hat; ich will die Rollen statt mit Silber mit Gold füllen lassen, so daß die Summe statt 300 gerade 5,000 Thaler beträgt; ich will diese 5,000 Thaler daran wagen, Dich, lieber Heinrich, von der Ehrlichkeit eines Juden zu überzeugen. Du sollst mir dagegen nur versprechen, künftig von Deinen vorgefaßten Meinungen zu lassen." Ich will noch mehr thun,"" entgegnete der Graf, „„bewährt sich der Jude als ehrlich, so will ich ihm die 5,00O Thaler leihen, die ihm aus der Verlegenheit helfen."" „Aber Ferdinand," ergriff hierauf die Baronin das Wort, „wagst Du auch nicht zu viel? Bedenke, wenn Du auch Ahron stets als ehrlich kennen lerntest, so hat er sich doch noch nie in so mißlicher Lage befunden; wird er dieser großen Versuchung widerstehen können, und wenn nicht — ist dann nicht das Experiment viel zu theuer bezahlt?" „Ach, Johanna," entgegnete daraus der Baron, „wenn Jemand, dem ich vertraut habe, zum Schurken würde, so wäre mein Glaube an die wundervollen Ideen der Neuzeit erschüttert; das würde mich mehr schmerzen, als der Verlust einer, wenn auch bedeutenden Summe Geldes " „Geliebter Vater," sprach daraus Clara, die siebenzehnjährige Tochter des Freiherrn, „erlaube auch mir, eine Bemerkung zu machen. Ist cs denn auch wohlgethan, einen bisher rechtlichen Mann in eine solche Versuchung zu führen? Und wenn er diese nicht überwindet, trägt dann nicht der, welcher die Gelegenheit geboten, absichtlich geboten hat, einen Theil der Schuld?" „Du hast Recht, meine Tochter," entgegnete der Baron freundlich; „aber ich bin meiner Sache gewiß'; ich kenne Ahron Nauheim schon lange, und ich hoffe unser Experiment soll ihm zum Heile ausschlagen." Noch denselben Abend wurden die mit Gold statt mit Silber gefüllten Geldrollen verpackt und zur Post befördert. (Fortsetzung folgt.) .Hierzu eine Beilage. 8^* Zu Nr. 2 erscheint eine Wissenschaft-! iche Beilage. Verantwortliche Redaktion: Dr. Lejhmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. — Dampf - Schnellprefsendruck von I. Gottsleben in Mainz.