Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 7 (1866)
- Issue
- Heft 52 (26.12.1866)
- Date
- 1866-12-26
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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868 Ehe noch der erfreute Jude Zeit hatte, seinen Dank auszusprechen, spornte der Ritter sein Pferd und war bald aus des Juden Augen verschwunden. *> * » Ganz London war in Aufregung. Nach vierjähriger Abwesenheit war Englands König, Richard Löwenherz, in Sandwich angelangt, wo er von seinen Unterthanen mit unbeschreiblichem Jubel und mit außerordentlichen Freudenbezeugungen empfangen wurde. Der Tag seines Einzuges in London war bestimmt, und es drängte sich Alles, was gehen konnte, auf die Straßen, um den geliebten Herrscher, der so viel des Ungemachs während des Kreuzzuges, und wie bekannt, in Oesterreich die Gefangenschaft zu ertragen gehabt, zu begrüßen. Unter einer unzähligen Menge von Fremden, die an dem Landesfeste theilnahmen und sich beim Aldthore, wo der König hereinkommen sollte, aufstellten, war der uns bekannte tapfere Jude, Salomo mit Namen, und seine Schwester Esther. Nicht ohne Verwunderung sahen sie die Masse von Leuten, welche auch den Ritterzug zu erwarten schienen. Sie waren genöthigt, sich gewaltsam einen Weg zu bahnen, um sich möglichst vorne zu halten. Endlich verkündete das Schmettern von Fanfaren und der Wirbel von Trommeln die Annäherung des erwarteten Einzuges. Derselbe wurde bald sichtbar. An der Spitze ritt auf schneeweißem stolzen Rosse ein Ritter, dessen Mantel mit Edelsteinen wie besäet war und an dessen glänzender Rüstung die Sonnenstrahlen sich tausendfach brachen — es war Richard I., beigenannt „Löwenherz." Der Blick des Juden traf voll das Gesicht des Monarchen — der Jude erbebte — er erkannte den Reisenden von Faversham. Als Salomo sich aus der Betäubung erholt hatte, nahm er Esther bei der Hand und sagte düsteren Tones: „Komm, entfernen wir uns. Mein Ritter von Faversham ist der König. Ein so mächtiger christlicher König wird nie von seinem Volke so arme Juden, wie wir sind, anerkennen wollen." „Ich beschwöre Dich, sei nicht voreilig!" rief die Schwester. „Es überkömmt mich ein eigenes Vorgefühl, daß der König sein Wort halten wird. Gib mir den Ring." Sie nahm das Kleinod und, ohne auf des Bruders Gegenrede zu achten, trat sie entschlossen dem! Zuge in den Weg. Aber kaum beim König angekommen, verließ sie plötzlich der Muth, sie fühlte sich unwohl, sank in die Knie und hatte kaum noch die Kraft, den Ring in die Höhe zu halten, wobei sie kein Wort auszusprechen vermochte. Mer der wackere Löwenherz hatte bereits mit seinem Falkenauge seinen Vertheidiger erkannt. „Ah, da bist Du ja, mein tapferer Jude," rief er laut. „Du bist ebenso pünktlich als muthig. Fitz- Maurice," rief er seinem nächsten Begleiter zu, „Du wirst diesen Juden sammt seiner schönen Gefährtin in unseren Palast führen. Sieh zu, daß sie dort mit aller Aufmerksamkeit behandelt werden und bemerke zugleich, daß sie, zur Belohnung ihrer guten und getreuen Dienste unserer Gnadenbe;eugungen würdig sind. Sie haben sich um Gerechtigkeit an uns gewendet und wir haben es bei unserem heiligen Patrone geschworen, sie soll ihnen werden." Richard nahm hierauf einen großen Diamanten, den er auf der Brust trug, und reichte ihn dem wackeren Juden. „Dieser Stein, der bisher die schönste Zierde des königlichen Schatzes war, soll Dich, mein braver Hebräer, für den dem Könige von England geleisteten Dienst belohnen; auch bleiben wir Dir stets in Gnaden gewogen." Der betroffene Salomo wurde vom Könige mit einem gnädigen Handwinke entlassen und der Zug setzte seinen Weg fort. Man kann sich nun denken, wie die neugierige Menge sich in Masse herbeidrängte, um das israelitische Paar zu sehen, das in Begleitung von Fitz-Maurice und mehrerer Hofbedienten nach dem Königsschloffe ging. Salomo schritt, in tiefes Nachdenken versunken, an der Seite seiner Schwester einher. In der Mitte der Heinrichs-Brücke hielt er plötzlich an, wendete sich an die begleitende Volksmenge, welche immer mehk zugenommen hatte, und sprach mit begeisterter Stimme: „Der großmüthige König Richard beschenkte den unbedeutenden Hebräer mit dem edelsten Steine seiner Krone. Wie frevelhaft wäre es von dem Juden, wenn er das unschätzbare Kleinod verhandeln oder es zur Zierde eines Dieners verwenden würde. Ebenso wenig kann er wagen, den Diamanten seiner früheren Bestimmung zu widmen, denn was der König verschenkte, nähme der große Richard nie wieder zurück. Es soll daher kein Sterblicher sich rühmen, das schönste Kleinod zu besitzen, das die Brust des edlen Richard schmückte." Nach diesen Worten hob Salomo den Diamanten hoch über die Köpfe der aufmerksam hörenden Menge und senkte mit ruhiger Feierlichkeit den Stein in die Fluthen der Themse. Noch vor Sonnenuntergang war Salomo für die ihm durch die Söldner des Prinzen Johann verursachten Verluste reichlich entschädigt worden. (W. F.-B.) Hierzu eine Beilage. Verantwortliche Redaktion: vr. Le.hmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. — Dampf - Schnellprefsendruck von I. Gott sieben in Mainz.