Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1866-12-26 · Heft 52 (26.12.1866) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
7 (1866)
Issue
Heft 52 (26.12.1866)
Date
1866-12-26
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2447245-2447290--04758-2460230
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

665 Präs.: Man hat Sie im Besitze von Sachen betroffen, die aus dem Diebstahle bei Fürth herrührten. — Angeklagte Jarolim : Die Sachen habe ich ja für die armen Juden aufbewahrt. Ich habe sie nach Hause getragen, damit sie kein Anderer nimmt. O, ich war ihnen immer gut, den Juden. Pisek, 28. Oktober. Um die Schlußverhandlung ihrem baldigen Ende zuzuführen, wird auch heute, am Sonntage, eine Gerichtssitzung abgehalten. Dieselbe beginnt mit dem Verhöre des Bäckergesellen Mathias Schlecht», dem Liebhaber der „Koza." Präs.: Sie sind unter dem tobenden Haufen geblieben, obgleich der Aktuar Germann Sie aufforderte, den Platz zu verlassen. Angekl.: Ich bin dem Aktuar zu Gefallen ein wenig abseits gegangen. Präs.: Sie gestanden, bei Simon Fürth die Fenster eingeschlagen zu haben; Sie sind aber noch weiter beschuldigt, bei Lazar Fürth durchs Fenster die Bettstücke ihrer Geliebten zugeworfen zu haben, die diese auf der Straße zerriß. — Angekl.: Ich bin gar nicht ins Zimmer des Lazar Fürth gekommen. Der Aktuar Germann wird hierüber einvernommen. Nach seiner Aussage gehörte Schlecht« zu den ärgsten Tumultuanten. Als die Gensd'armen herankamen, stellte er sich noch mit einem Zweiten vor das Hausthor und rührte sich nicht vom Flecke, obgleich ein Gensd'arme ihm in den Fuß stach und ihn auch in den Leib stechen wollte. Am andern Tage, als schon Militär in der Stadt war, schrie er auf dem Marktplatze: „Die Juden müssen todtgeschlagen werden." Der Angeklagte stellt dies Alles in Abrede. Anna Walesch („Koza") wird als Zeugin in den Saal gerufen. Präs.: Sie haben erklärt, bis zu Ihrem Todestage arbeiten zu wollen, um den angerichteten Schaden wieder gut zu machen. Sie fühlen also Reue und ich kann erwarten, daß Sie auch jetzt aufrichtig sprechen werden. Haben Sie Ihrem Geliebten den gestohlenen Liqueur zugetragen? Anna Walesch: Ich hatte für ihn den Liquenr bereit, als er zu mir kam, brachte er aber noch seine Kameraden mit und die tranken dann Alle zusammen. Maria Fink, ein altes Weib, erscheint laut jammernd und die Hände ringend im Saale. Präs.: Man hat bei Ihnen Leinwand und Töpfe mit Gansfett, die Sie im Kasten verborgen hatten, gefunden. Wie kamen Sie zu den Sachen? Angeklagte Fink (weinend): An dem ganzen Malheur ist der Bürgermeister schuld. Präs.: Warum der Bürgermeister? Angekl.: Wäre er zu Hause gewesen, er hätte.'es Früh austrommeln lasten und in der Stadt wäre heiliger Friede gewesen. (Heiterkeit). So aber entstand Nachmittags ein schauerlicher Spektakel, ich bekam Angst und lief hinaus, um zu — beten. Auf dem Wege bei der Dechantei wäre ich beinahe über einige Töpfe mit Schmalz gefallen, die auf der Gaste standen und auch über einen Pack Leinwand. Präs.: Als Sie mit den Sachen nach Hause kamen, riefen Sie Ihrer Nachbarin zu: „Geht nur und holt Euch Sachen, es stehlen auch reiche Leute!" Angekl.: Das habe ich nicht gesagt. Ich bin ehrlich und habe nie eine Stecknadel gestohlen. Hierauf erscheint Johann Uhlik vor dem Tische der Richter. Er ist ein kleiner untersetzter Mensch, 35 Jahre alt, verheirathet, bereits neun Mal abgestraft. Präs.: Sie haben sich bei den meisten Vorfällen in Schüttenhofen betheiligt. Warum haben Sie die plündernde Rotte nicht verlassen, als Sie hiezu aufgefordert wurden? — Angekl.: Ich möchte wissen, wer mich hiezu hätte auffordern sollen. Präs.: Der Bezirksamts-Aktuar Germann und die Gensd'armen — Angekl.: Die also? Ich weiß nichts davon. Warum hätte ich übrigens auch Weggehen sollen, ich habe ja Niemandem geschadet. Ich strengte mich vielmehr an, den Juden nützlich zu sein und habe in dieser Richtung auch meine Meinung dem Volke gegenüber geäußert nnd dafür Schläge geerntet. Präs.: Die Zeugen stellen die Sachlage ganz anders dar. — Angekl.: Darauf bin ich begierig. Der Gensd'arme Martejtschek erscheint, derselbe bestätigt alle Punkte der Anklage und gibt weiter an, er vermuthe in Uhlik denjenigen, welcher den Schuß auf die Gensd'armen abgefeuert hatte. Präs.: Worauf stützt sich Ihre Vermuthung? — Zeuge: So oft ich bei früheren Anlässen Uhlik zu arretiren mich genöthigt sah, drohte er stets, er werde sich dafür rächen. Als ich ihn nun an jenem Tage in Schüttenhofen unter der aufrührerischen Rotte sah, hatte ich ein wachsames Auge auf ihn, und da war es mir auffallend, daß sein Blick stets auf mir ruhte, und er stets in die Nähe der Gensd'armen zu kommen suchte. Als wir uns zum Rückzug vorbereiteten, sah ich wieder Uhlik in der ersten Reihe des Volkes stehen und unsere Blicke begegneten sich. In dem Augenblicke, da ich ihm den Rücken kehrte, fiel ein Schuß in unsere Reihen. Die Schrotkörner waren meinem Nebenmann in den Stiefelabsatz gedrungen. Präs.: Eine Schußwaffe haben Sie bei Uhlik nicht bemerkt? — Zeuge: Nein. . Der Zeuge Reitmajer sagt aus: Ich weiß nicht, ob Uhlik die Juden beschützen wollte. Ich hörte ihn nur rufen: „Dahin werft keine Steine, dort wohnen Christen." Präs. : Sie sehen, ihre Aussagen werden von keiner Seite bestätigt. Wie kam das Eifengeschirr in Ihre Wohnung? — Angekl : Das haben fremde Leute in meine Wohnung getragen, um mir zu schaden.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.