Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 7 (1866)
- Issue
- Heft 49 (5.12.1866)
- Date
- 1866-12-05
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2447245-2447287--04709-2460178- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
821 so entweihend, daß dasselbe trotz der Prophetie, die in den Schriften enthalten ist, Ursache der Entfernung aus der Stellung, die dem Buche zukommt, ist, so hätte dieser Umstand der Aufnahme desselben unter die heiligen Schriften überhaupt hindernd entgegentreten müssen. Eine andere Meinung, von Carpzovius berichtet, und später von -Dtorr wieder ausgenommen, §<>) daß die Juden aus polemischen Rücksichten den Daniel aus den Nebiim in die Kethubim translocirt hätten, entbehrt gänzlich jedes Grundes. In dieser Meinung liegt die Unterstellung, als ob die Juden den Kethubim geringere Autorität als den Nebiim oder vielmehr gar keine Autorität einräumteu, was aber den Juden niemals in den Sinn gekommen ist. „Wenn übrigens," sagt Zunz treffend, „je ein Buch in später Zeit dislocirt wurde, so hätte man eher die Versetzung von Esra (und wohl auch von Daniel und der Chronik) aus den Kethubim in die Propheten als das Umgekehrte erwarten dürfen." Auch ist man in neuerer Zeit in beiden Lagern von dieser Annahme gänzlich zurückgekommen^). Ebenso grundlos ist eine andere von Carpzovius angeführte Ansicht, die später auch Berthold zu der seinigen macht, daß die gegenwärtige Stellung des Buches Daniel in der Mißachtung, welche die Juden gegen den Daniel ob dessen meffianischer Prophezeiungen hegen, ihren Grund habe. Wir haben schon oben nachgewiesen, daß die Juden vor dem Daniel stets die größte Achtung hatten, so können wir auch mit Bestimmtheit sagen, daß Maimonides ihm keinen Abbruch thue, wenn er der Tradition gemäß dessen Buch als zu den Hagiogrcwhen gehörig betrachtet, und es somit Unsinn ist, rhn zu denjenigen zu zählen, die über den Daniel ein herabsetzendes Urtberl fällen, wie es bei Carpzovius geschieht; und als einen ebenso großen Unsinn müssen wir cs betrachten , wenn man dem Abrawanel (bei Carpzovius) unterstellt, daß er sich mißachtend über Daniel ausgesprochen habe, dem Abrawanel, der, wie wir oben gesehen haben, den Daniel doch noch über den Ezechiel stellt. Die übrigen mißachtenden Aussprüche über den Daniel, die Polonius und Frantzius (bei Carpzovius) anführen, können nur Idioten angehören; daß sie aber von „gemeinen Handelsjuden" herrühren, wie Hengstenberg interpretirt ^), muß Herr Hengstenberg wohl durch Inspiration erfahren haben. — In die Claffe der beiden zuletzt angeführten Hypothesen gehört auch die Annahme Jahns, der die Ursache, aus welcher „die s Talmudisten" (sio!) den Daniel aus den Nebiim! _! 60) Vergl. Storr a. a. O. S. 235 ff. 61) Zunz a. a. O. S. 19. 62) Vgl. v. Lengerke a. a. O. Einl. S.r.VIII f. u. Hengstenberg a. a. O. S. 29. 63) Vgl. Hengstenberg a. a. O. S. 32 f. ausgeschlossen haben, in dem Umstande findet, daß Daniel nicht ein „prophetisches Leben" geführt habe, daß er nämlich nicht „einen rauhen Pelz, ein Unterkleid aus Kameelharren, einen ledernen, schlechten Gürtel getragen und nicht eine einfache schlechte Kost, wie Syksmoren, Heuschrecken und wilden Honig oder Honigthau genossen habe." „Da nun Daniel, fährt Jahn fort, von einer solchen Lebensart weit entfernt war, und bei Hofe lebte, so wollten sie (die Talmudisten) ihn nicht unter die übrigen Propheten setzen, von welchen sie meinten, daß sie diese Lebensart beobachtet habenEs ist noch sehr die Frage, und ich möchte es sehr stark bezweifeln, ob um ein Prophet zu sein, schlechtes Gewand und schmale Kost als Haupterfordernisse angesehen wurden, im Talmud ist davon keine Spur; überdies wird uns abench von Daniel doch berichtet, daß sein Leben, obgleich er am königlichen Hofe weilte, durchaus kein königliches war, daß vielmehr, nur Vegetablien seine Nahrung waren (C. 1, 8 ff.), und er öfters um den Fall Jerusalems trauerte und fastete (c. 10, 2. 3). Doch soll zugleich bemerkt werden, daß es rein zufällig war, wenn wir Daniel ein so beschränktes Leben führen sehen, daß dieses in den Umständen und in der Noch der Zeir lag und dieses gar nichts mit seiner Eigenschaft als Prophet zu thnn hat. Askese zur Bedingung der Prophetie machen zu wollen, ist eine Ansicht, die dem Jndenthume fremd ist. Fü ,en wir auch zugleich noch hinzu, daß die Hypothese Jahns nicht neu, sondern bereits von Vitringa (bei Carpzovius) ausgestellt ist. Der Annahme Stange's endlich, der Daniel sei wegen seiner historischen Stücke nicht unter die Propheten ausgenommen (auch dieses ist nicht neu, sondern bereits von Vitringa angeführt) tritt schon v. Lengerke mit der Bemerkung entgegen, daß auch Jesaias und Jeremias geschichtliche Stücke enthalten^). Nachdem sich als das Resultat unserer bisherigen Untersuchung ergeben, daß Daniel Prophet gewesen und die Stellung seines Buches unter den Hagiographen die ursprüngliche ist. bleibt uns nur noch zu untersuchen übrig, welch allgemeiner Grund bei den Sammlern der kanonischen Schriften sich in Betreff der Eintheilung der Bücher geltend machte, es ist aus der vor uns liegenden Eintheilung heraus der Gesichtspunkt aufzufinden, von welchem aus die Sammler die h. Schriften bsurtheilten. m. Wir haben bereits oben gesagt, daß der vor uns liegende Kanon als Ganzes in einer Periode, unter einer Autorität entstanden sei. Alle Schriften bis auf den Pentateuch existirten als einzelne Bücher neben 64) Jahn a. a. O. II, 2. S. 632. 65) Vgl. v. Lengerke a. a. O. Einl. S. I^IV.