Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1866-12-05 · Heft 49 (5.12.1866) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
7 (1866)
Issue
Heft 49 (5.12.1866)
Date
1866-12-05
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2447245-2447287--04694-2460163
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

806 prachtvollen Erscheinung, und als der Sonnenball sich erhob in unaussprechlicher Schöne und Majestät, da warf sich Röuben aus sein Antlitz und betete aus tiefstem Herzen zum Schöpfer des Weltalls. Er betete, daß Gott ihm verzeihen möge den bösen Vorsatz, den beabsichtigten Selbstmord, er betete, daß Gott ihn führen und leiten möge auf seinem traurigen und einsamen Wege, und der Vater der Waisen erhörte sein Gebet. Da Röuben nicht das Geringste mitgenommen hatte aus Rabbi Bezalels Hause, so war seine erste Sorge, Tephillin zu erhalten, um das Morgengebet zu verrichten; er lenkte daher seine Schritte nach einem benachbarten Dorfe, wo, wie er wußte, Glaubensgenossen wohnten. In dem Zimmer eines Landjuden, das als Synagoge eingerichtet war, verrichtete er das Morgengebet; im Hause desselben Glaubensgenossen ruhte er einige Stunden und nahm das Mittagsmahl, das man ihm freundlich angeboten hatte. Auch ein Paar Tephillin schenkte man ihm; dann verließ er das Haus, nicht wissend, wohin er seine Schritte wenden sollte. Man hatte ihm gerathen, die große und wohlhabende israelitische Gemeinde zu Frankfurt a. M. aufzusuchen und dort seine Talmudstudien fortzusetzen; die weltberühmte Mildthätigkeit der Frankfurter Israeliten würde ihn schon in den Stand setzen, seinen Lebensunterhalt zu fristen. So wunderte er denn dem Maine zu und folgte dann dem Laufe desselben. Nach einer mühseligen Wanderung kam er nach Frankfurt, und siehe, es war so, wie man ihm gesagt hatte. Da er schon tüchtige Kenntnisse im Talmud besaß, so erlangte er mit Leichtigkeit die Mittel zu seinem Unterhalte. Fleißig besuchte er die Vorlesungen des Rabbiners, und bald gehörte er zu dessen bevorzugten Schülern. Oft sprach er zu sich selbst: „Es hat so kommen sollen, damit meines Großvaters Wunsch, daß ich meine Iugendjahre ausschließlich dem Talmud weihe, erfüllt werde." Sechs Jahre hatte Röuben bereits in Frankfurt geweilt; aus dem Knaben war ein schöner, kräftiger, junger Mann geworden, aus dessen edlen Zügen Geist und Scharfsinn sprach; das edelste Studium hatte seinem Gesichte jenen unbeschreiblichen Stempel aufgedrückt, der zugleich Achtung und Liebe einflößt. Da sandte eines Tages ein fremder, vornehmer Geistlicher zum Rabbi und erbat sich einen seiner Schüler zur Beihilfe bei seinen hebräischen Studien. Der Rabbi sandte Röuben. Als Röuben vor den fremden Geistlichen trat, welchen ein diplomatischer Auftrag des Kaisers nach Frankfurt geführt hatte, erschienen ihm die Züge desselben bekannt; allein umsonst strengte er sein Gedächtniß an, die Erinnerung blieb eine unbestimmte. „Vielleicht," dachte Röuben, „habe ich ihn im Hause Rabbi Bezalels gesehen, wo oftmals vornehme Geistliche verkehrten." Daß der fremde Geistliche den Titel eines Bischofs von Tripolis führte, beirrte ihn nicht; denn Röuben wußte, daß die katholische Kirche Bischöfe in xurtikus intiZeliuw (iw Gebiete der Ungläubigen) ernennt, und daß diese Titularbischöfe oder Weihbischöfe ibren Bischofssitz nie gesehen hatten. „Ihr seid ein Schüler des hiesigen Rabbi?" fragte ihn der Weihbischof. „„Ja wohl, gnädiger Herr."" „Seid ihr in Frankfurt geboren?" „„Nein, gnädiger Herr, ich bin aus Nürnberg hierhergekommen, um unter der Leitung des hiesigen Rabbinen den Talmud zu ftudiren."" „In Nürnberg war ich noch nie; ich möchte wohl diese durch Kunst und Wissenschaft so ausgezeichnete Stadt kennen lernen^" Als der Weihbischof sagte, er sei noch nie in Nürnberg gewesen, durchzuckte es Röuben. Wo hatte er diesen Mann schon geseben, wo den Ton seiner Stimme bereits vernommen? Der Bischof von Tripolis bemerkte das Zucken in Röubens Angesicht und fragte nach dem Grunde desselben. „„Gnädiger Herr,"" antwortete Röuben, „„eure Erscheinung, eure Stimme erwecken Erinnerungen in mir, die mir nicht klar werden wollen; ich habe euch schon gesehen, der Wohllaut eurer Stimme ist mir bekannt; aber da es in Nürnberg nicht gewesen sein kann. . . . „So war es doch nicht etwa in Wien?" „„Luitpold!"" rief Röuben plötzlich aus. Jetzt war die Reihe zu erstaunen an dem Bischof. „Knabe," rief er, „woher kennst du den Namen meiner Kindheit, den ich längst mit einem andern vertauscht habe?" Aber Röuben fing an zu weinen; er konnte lange nicht sprechen. „„Ich... heiße ... Röuben,"" sagte er schluchzend, „„ich bin der Enkel des Rabbi Elasar. O, mein Lebensretter!"" rief er mit Wärme und ergriff die Hand des Bischofs, um sie zu küssen. Dieser streckte seine Arme aus und zog den Jüngling an sein Herz. Laut weinend lagen sich Bischof und Talmudjünger in den Armen. (Fortsetzung folgt.) Hierzu etue Beilage. Verantwortliche Redaktion: vr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. — Dampf - Schnellprefsendruck von I. Gottsleben in Mainz.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.