Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 7 (1866)
- Issue
- Heft 49 (5.12.1866)
- Date
- 1866-12-05
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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800 als ein Drittel des als Frist gegebenen Jahrhunderts ist seitdem verflossen, und wirklich scheint „die Aufklärung" derartige Fortschritte zu machen, daß die Prophezeiung des gelehrten Professors Aussicht auf Erfüllung habe; allein es scheint eben nur so. In Wirklichkeit haben sich seit 36 Jahren unsere Zustände eher verbessert als verschlimmert. Damals hielt man Judenthum und Bildung für zwei entgegenftehende, sich einander ausschließende Begriffe — heute gibt es G. s. D. sehr viele gebildete Juden, denen ihr Judenthum höher steht als alles Andere, die treu und fest halten an dem g-.'offenbarten Gottesgesetze. So lange die Welt steht, wird es auch Juden geben. Das Judenthum — die heilige Religion Israels und ihre Bekenner — ist ewig; da die Thora die ewige Wahrheit ist, so muß es auch immer Männer, Frauen und Kinder geben, die sie Hochhalten und ihr nachleben. An uns ist es nur, uns und unsere Kinder dem echten, unverfälschten und unverkürzten Judenthume zu erhalten. Diese Pflicht tritt gerade in unserer Zeit an jeden es ernstmeinenden Israeliten mit verdoppelter Strenge heran. — Wir haben in den ersten Abtheilungen dieses Aufsatzes darzustellen versucht, wieviel die vom Gesetze Abgefallenen verlieren und wie wenig sie gewinnen; wir haben ferner auf so Manches aufmerksam gemacht, was im Hause der Gesetze-Ztreuen anders und bester sein müßte; es erübrigt nunmehr noch, über Gemeinde und Gemeindeverhältnisse einige Worte zu sagen. Da Jithro seinem Schwiegersöhne Moscheh den Rath ertheilte, Vorsteher an die Spitze der Gemeinde zu stellen, so bezeichnet er die Anzuüellenden als Männer von Vermögen, Gottesfurcht, Wahrheit und Unei gennützigkeit. Das ist Jahrtausende hindurch die Norm geblieben, nach welcher man jüdische Ehrenämter ertheilte; erst in neuster Zeit hat man angefangen, der ersten Eigenschaft einen bedeutenden Vorzug vor allen andern und namentlich auf Kosten der Gottesfurcht einzuräumen; leider hat dieses Abweichen von dem rechten Wege nur allzubittere Früchte getragen; daher stammt seit Jahrzehnten die Zwietracht in den Gemeinden, die Entweihung der Synagogen durch gesetzwidrige Abschaffungen und Einführungen, die Vernachlässigung des jüdischen Unterrichts in den Schulen, der Verfall der jüdischen Gemeindeeinrichtungen. Was ist eigentlich eine jüdische Gemeinde und welchen Zweck hat sie? Tie Hauptaufgabe der jüdischen Gemeinde ist die Ermöglichung des jüdisch-religiösen Lebens, die Beschaffung und Erhaltung eines jüdischen Bethauses, einer jüdischen Schule, der Schechitah, der Mikwah, des Friedhofes rc. rc. Sind Männer, welche die Synagoge nicht besuchen, die ihren Kindern eine durchaus unjüdische Erziehung geben, welche den Sabbat entweihen, die Speisegesetze übertreten — sind solche Männer geeignet und befähigt, an der Spitze einer jüdischen Gemeinschaft zu stehen, deren Zweck die Beschaffung und Erhaltung gerade Desjenigen ist, was die Leiter derselben verachten, geringschätzen, als überwundenen Standpunkt betrachten? — Daher stammt der Verfall so vieler, einst großer und ehrwürdiger Gemeinden in Israel. — Und nun erst die Rabbinen und Lehrer, die von solchen Männern berufen und angestellt werden!! Ja, die Rabbinen! mit diesem Worte haben wir einen der wundesten Flecke der Gegenwart berührt. Was für merkwürdige Exemplare von Rabbrnen es in der Gegenwart gibt, davon haben diese Blätter erst unlängst bei Gelegenheit des zu einer oanss gewordenen Darmstädter Proceffes eigentümliche Berichte gebracht! Ehedem war der Rabbiner der Vater und Rathgeber seiner Gemeinde; einer der frömmsten und gelehrtesten Männer derselben, genoß er das unbedingteste Vertrauen; lernend und lehrend vom frühen Morgen bis in die späte Nacht, lebte er lediglich seinen heiligen Pflichten; er war nicht allein der Lehrer, er war das Vorbild ner ganzen Gemeinde, und Alle liebten und ehrten ihn wie die Kinder den Vater. Wohl gab es auch frühsrhin manche Conflicte; allein sie entflossen der strengen Amtsausübung des Rabbinen. Erst der neusten Zeit war es Vorbehalten, die Gemeinden zu Aufsehern der religiösen Führung ihres Rabbinen zu machen. O, es gibt G. s. D. noch Rabbinen, noch viele Rabbinen, die ihren alten Vorbildern entsprechen, die ihren ehrwürdigen Lehrern nachahmen, die weit und breit das Vertrauen der gläubigen Israeliten besitzen — allein, ihre Zahl nimmt lewer ad, wir können es nicht leugnen. Große Gemeinden besetzen ihre Rabbinatssitze mit unfähigen, unbedeutenden Männern, weil diese zu Allem zu gebrauchen sind. Solch' ein Halbschläger ist orthodox mit den Orthodoxen, und eine > halbe Stunde später huldigt er der Reform mit den Reformern. Hat doch Herr Seminardirector Frankel es als besonderes Verdienst seiner Anstalt hervorgehoben, daß die von ihr entlassenen Zöglinge eben für Alles tauglich sind, daß sie sich allen Verhältnissen anzupaffen vermögen, daß sie sein können, wie man es verlangt. Dreizehn Jahre existirl diese Anstalt schon; bei ihrem Entstehen wurden von orthodoxer Seite Proteste und Warnungen erlaffen; während ihrer Existenz hat es nicht an Anstrengungen gefehlt, die Leiter derselben zu charaeterisiren; aber hat es seitdem die Orthodoxie zu etwas Anderem als zu etwas Negativem in dieser hochwichtigen, unser innerstes Leben berührenden Angelegenheit gebracht? Schon beginnt das Breslauer Seminar, Deutschland mit Rabbinen zu versorgen, und dis Orthodoxie ist unthätig, ist blind genug, die Gefahr zu verkennen, und eine entgegenstehende, wirksam entgegentretende Anstalt wird