Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 7 (1866)
- Issue
- Heft 48 (28.11.1866)
- Date
- 1866-11-28
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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769 sah den Sohn des Rabbi, mit dessen Tode die Kenntniß der heiligen Sprache verloren ging. Die Personen, welche dem interessanten Ueberreste angehörten, waren nicht im Stande, ihren Stammbaum zu verfolgen, sie hielten keine Verzeichnisse, sie versammelten sich nie als Gemeinschaft und ihre Kinder wachsen auf ohne das Siegel der Gemeinde. Feuilleton. Die Sühne. (Rach einer alten hebräischen Handschrift.) IV. Seit vier Wochen weilte Röuben im Hause seines Wohlthäters. Anfangs war der Schmerz um den Tod seines Großvaters sehr heftig gewesen. Allein die Zeit bewies auch an Reubcn ihre Wundermacht; bald war ihm der heitere Sinn der Kinderjahre wiedergekehrt. Reuben war bereits der Liebling des ganzen Hauses geworden; Niemand aber hing mehr an dem Knaben, als Sarah, die einzige, sechsjährige Tochter Rabbi Bezalels. Rabbi Bezalel hatte Wort gehalten; er erzog den fremden Knaben wie sein eigenes Kind. Röuben aß an seinem Tische; er besuchte die beste Talmudschule der Stadt, und machte in dieser die glänzendsten Fortschritte, worüber Rabbi Bezalel die lebhafteste Freude empfand. Nur Einer war da, dem der fremde Knabe ein Dorn im Auge war. Das war Ebjathar, ein entfernter Verwandter Rabbi Bezalels, den dieser in seinem Geschäfte verwandte. Ebjathar war um vier Jahre älter als Reuben; auch er war eine Waise. Liebreich hatte sich R. Bezalel des verlassenen Knaben angenommen; aber dieser hatte ein tückisches Gemüth, und schlimme Laster, namentlich Habsucht und Ehrgeiz, wohnten in seinem Herzen. Er fürchtete, ob des neuen Genossen des Bezalel'schen Hauses hintangesetzt oder gar verdrängt zu werken; deßhalb haßte er ihn, noch ehe er ihn näher kannte, war aber klug genug, diese Gefühle zu verbergen. Aeußerlich war er liebreich gegen Reuben, der ihm arglos gegenüber trat. Reuben verlebte einige glückliche Jahre; da die Zeit seiner Bar-Mizwah herangekommen war, ließ ihn Rabbi Bezalel zu sich kommen und fragte ihn, ob er sich noch fürder lediglich den Studien widmen oder ob er während einiger Stunden des Tages im Geschäfte Rabbi Bezalels thätig sein wollte. Rauben, von dem Wunsche beseelt, sich seinem Wohlthäter nützlich zu machen, wählte das Letztere. Von nun an kam er häufiger mit Ebjathar zusammen, dessen heimlicher Haß gegen Rauben nur noch zugenommen hatte, seitdem er bemerkte, daß die Heranwachsende Sarah, Rauben ganz besonders wohlwollte. Rabbi Bezalel hatte ein sehr ausgedehnte- Geschäft; er stand mit vielen vornehmen Herren in Verbindung, denen er Geld verschaffte, wann sie dessen bedurften. Rabbi Bezalel war hochangesehen bei Allen, die ihn kannten. Mit der strengsten Rechtlichkeit verband er ein äußerst gefälliges Benehmen; daher kam es, daß ihn Jeder wieder aufsuchte, der einmal mit ihm verkehrt hatte. Nürnberg war damals der Mittelpunkt des deutschen Handels, und so konnte es nicht fehlen, daß Rabbi Bezalel ein reicher Mann ward. Daß er sehr wohlthätig war, können wir leicht auseinem Verfahren gegen die Waisenknaben, Ebjathar und Reuben schließen. Aber dieser würdige Mann batte einen großen Fehler: wo er vertraute, da war sein Vertrauen grenzenlos; allein, hatte ihn Etwas mißtrauisch und argwöhnisch gemacht, hatte er einmal einen Verdacht gefaßt, so konnte ihn dieser zu grausamer Härte veranlassen; dann war er den Regungen des Mitleids vollständig unzugänglich. Ebjathar kannte diese Schwäche seines Herrn nur zu gut, und er suchte bei jeder Gelegenheit durch hingeworfene Worte und halbe Behauptungen den arglosen Reuben zu verdächtigen. seitdem Reuben im Geschäfte mitthätig war, hatten schon einigemal Goldstücke gefehlt, und sobald Ebjathar mit Rabbi Bezalel allein war, hatte er stets in ihm den Verdacht rege zu machen gewußt, Reuben habe das Geld genommen und verborgen. Eines Morgens kam ein vornehmer Herr zu Rabbi Bezalel, um von ihm 100 Goldgulden zu borgen; als Pfand bot er ihm einen kostbaren Ring. Rabbi Bezalel prüfte den Ring und fand, daß der große Edelstein, der denselben zierte, das Zwiefache der geforderten Summe werth war; er lieh diese denn auch dem fremden Herrn, nahm den Ring und legte ihn auf seinen Arbeitstisch. Niemand war zugegen als Reuben und Ebjathar. Noch ehe Rabbi Bezalel Zeit gewonnen hatte, den Ring zu verschließen, wurde er zum Burggrafen gerufen. Nach einiger Zeit verließ auch Ebjathar das Zimmer, um bald darauf zurückzukehren; dann schickte er Reuben mit einem Aufträge fort. Als Ebjathar sich allein sah, nahm er schnell den kostbaren Ring und zwängte ihn in eine Spalte des Fußbodens. Erst Nachmittags kehrte Rabbi Bezalel von der Burg zurück; es hatte dort so viel zu thun gegeben, daß er des Ringes ganz vergessen hatte. Gegen Abend fiel ihm der Ring wieder ein; er wollte ihn sammt der Schuldverschreibung verschließen. Da er den Ring nicht fand, wurde er sehr besorgt. »Ebjathar, Reuben, wo ist der kostbare Ring geblieben, den ich auf meinen Schreibtisch gelegt hatte?" „„Ich weiß von keinem Ringe!"" sagte Ebjathar. „Den Ring meine ich, auf den ich heute früh 10V Goldgulden geliehen habe! — Haft du ihn nicht gesehen, Reuben?"