Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 7 (1866)
- Issue
- Heft 48 (28.11.1866)
- Date
- 1866-11-28
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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788 Präs.: Dageht nicht mehr. Benehmen Sie sich anständig, sonst müßte ich Sie aus dem Saale führen lasten. — Angekl.: Ich bin schon wieder gut; Lügen vertrage ich einmal nicht. Wenn ich noch einmal eine Lüge höre, so schlage ich drein und wenn's um den Kragen ginge. Der Beschädigte Samuel Fürth gibt hierauf den ihn betreffenden Sachverhalt folgendermaßen an: Nach 2 Uhr flogen plötzlich weiße Flocken vor meinem Fenster herum; ich dachte anfangs, es schneie, bald aber überzeugte ich mich, daß es Federn waren und ich wußte jetzt , daß es über uns Juden hergehen werde. Bald darauf kamen einige Männer in den Laden; ich erkannte unter ihnen Kuba und Schlechta, die verlangten mit erhobener Stimme Branntwein. Ich begann zu zittern und sagte, ich hätte keinen. Da machten die Männer Miene, zu Gewaltmaßregeln zu schreiten, meine Frau weinte auch schon, und so reichte ich ihnen den Branntwein hin, hatte aber zuvor schon nach der Polizei geschickt. Da kam ein altes Weib zur Thüre des Ladens, sie winkte den Männern, und diese ließen den Branntwein stehen und eilten davon. Ich sperrte hinter ihnen die mit Eisenblech beschlagene Thüre. In einigen Augenblicken wurde sie aber in Trümmer geschlagen, und unter betäubendem Geschrei strömte das entmenschte Volk in den Laden und stürmte mit dem Rufe: Geld und Punsch her, auf mich los. Ich wankte, zitternd am ganzen Leibe, zum Ladentisch und langte die Punschflaschen herab, das wüthende Volk entriß mir sie in so ungestümer Weise, daß sie mir in den Händen zerbrachen: unterdessen sprangen Einige auf den Ladentisch und rissen über meinem Haupte die Zuckerhüte herab; ein anderer Haufe stürmte in den kleinen Laden und wälzte von dort die Salzvorräthe heraus. Ich verließ den Tisch und suchte mich diesem Laden zu nähern, da traf mich ein Stein in's Gesicht und ich sank, vom Schmerz überwältigt, zu Boden. Doch der höllische Lärm brachte mich wieder zu Sinnen. Ich erhob mich, ich wollte sprechen, das Blut floß in Strömen über mein Gesicht, Thränen erstickten meine Stimme. Ich hielt flehend die erhobenen Hände der wüthenden Menge hin, um nur einen Rest meiner Habe zu retten. Da trat einer zu mir; auf seinem Gesichte las ich den Kampf zwischen Habgier und Mitleid. Er sagte mir leise: „Gib 5 fl. her und nichts soll Dir mehr geschehen." Ich erwiederte : „Recht gern, noch mehr, wenn ihr wollt, aber jetzt Hab' ich kein Geld." Der Mensch erhob jetzt seinen Stock und rief gebieterisch: „Fort, hinaus, es ist nichts mehr da," und tumultarisch drängte sich Alles hinaus. Der Mensch kam dann später zurück und beschützte mich bis zum Morgen. (Forts, f.) Prag. Bei der Reise Seiner Majestät durch Böhmen besuchte derselbe hier die Fabriken unserer Glaubensgenossen, der Herren Edlen von Portheim, Abraham Preibram und Ludwig Goldschmidt. Unser Glaubensgenosse Herr Rudolph Fischer aus Batschka in Ungarn erhielt für seine Tapferkeit im letzten Feldzuge die große goldene Tapferkeitsmedaille. (Neueste Nachrichten.) Italien. Modena. Ein Korrespondent schreibt dem „Educatore Jsraelita," daß 60 hiesige jüdische Jünglinge sich als Freiwillige in die italienische Armee einreihen ließen. Es ist dieses eine außerordentlich hohe Zahl, wenn man bedenkt, daß die dortige Gemeinde nicht zu den größten zählt, und daß wiederum eine große Anzahl junger Leute entweder auswärts in Convition steht, während andere durch ihre sociale Stellung verhindert sind, dem Vaterland auf diese Weise ihre Kräfte zu widmen. — Es bezeugt diese Thatsache den hohen Grad der Begeisterung, die Israels Söhne für eine tolerante Negierung besitzen. — England. Southampton. Der seitherige Lord Mayor Emanuel ist einstimmig auch für das kommende Jahr wiedergewählt worden. Bei den Reden, die bei solchen Gelegenheiten von den Aldermcn gehalten werden, bemerkt man mit Vergnügen, daß unter andern schönen Charakterzügen, die Mildthätigkeit, die unserem Stamme gleichsam angeboren ist, die jüdischen Municipalbcamten sowohl Aldermen als auch Mayors vor den anderen höchst ehrenwerthen Mitbürgern auszeichnet. China. Die berühmte alte Juden-Colonie Ln Kaifung-fu, der früheren Hauptstadt des himmlischen Reiches, ist zerstreut und ihre Synagoge zerstört. Ein amerikanischer Missionär hat den Ort besucht und fand an der Stelle der Synagoge einen Stein vor. Auf der einen Seite trug dieser eine Inschrift jmit dem Datum der Erbauuug der Synagoge, unter der Regierung der Sum-Dynastie im Jahre 1163. Die erste Ankunft der Juden in China führt die Inschrift auf die Dynastie Hon, 200 nach der gew. Zeitrechnung zurück. Die andere Seite erwähnte den Wiederaufbau unter der Dynastie Ming vor ungefähr 300 Jahren. Der Missionär entdeckte einige Abkömmlinge der Colonie und hörte, daß sie jetzt etwa 300 Seelen zählen. Nach ihrer Erklärug hätten sie das Baumaterial ihrer Synagoge verkaufen müssen, um sich die nothwendigsten Lebensbedürfnisse zu verschaffen. Alle waren arm; einige waren Geldwechsler, andere verkauften Obst und Kuchen, und noch andere handelten mit alten Kleidern. Sie besitzen einige Abschriften jüdischer Werke und eine Gesetzrolle, verstehen aber die hebräische Sprache nicht. Der Missionär