Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 7 (1866)
- Issue
- Heft 48 (28.11.1866)
- Date
- 1866-11-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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784 sahen mit souveräner Verachtung auf die alten, ungebildeten Eltern, deren Jargon sie sich schämten, herab. Die „Bildung" dieser jungen Gecken und Thörinnen wurde aus Romanen von Klauren und aus Dramen von Kotzebue geschöpft, den Ermahnungen der Alten wurde mit unverstandenen Redensarten aus Jean Paul entgegengetreten. Die Eltern selbst hielten ihre „gebildeten Kinder, deren Bildung soviel gekostet hatte," für klüger und bekehrten sich manchmal selbst zu den Theorien der Jugend. — Diese elende, trübe Zeit ist G. s. D. überwunden. Alle Welt weiß es heutzutage, daß „die Bildung" durch Schweinefleisch nicht gefördert wird und daß die Cigarre am Sabbat nichts zur „Aufklärung" beiträgt; fällt in den Kammern der Vertreter der Nationen hin und wieder noch ein intolerantes Wort gegen Juden und Judenthum, so treten dem die edelsten und wohldenkendsten Geister entgegen, und die Presse verlacht den bornirten Menschen, der die Rechte der Israeliten von dem Nichtbeachten der Speisegesetze abhängig machen will; die Regierungen wissen es sämmtlich, daß der gesetzestreue Jude ein ebenso guter Patriot ist wie der Bekenner jeder andern Religion, und in den jüngsten Kriegen haben diejenigen Söhne unseres Volkes, die der Ankunft des Messias noch entgegenharren, mit gleicher Tapferkeit und Hingebung gekämpft, wie diejenigen, welche die Rückkehr in das heilige Land nicht mehr ersehnen. Ueber die oben geschilderten Zustände sind wir also G. s. D. hinaus; und dennoch kömmt es leider noch immer häufig genug vor, daß die Kinder gesetzestreuer Eltern dem heiligen Religionsgesetze Israels entfremdet werden. Die Ursachen müssen also statt draußen, im Innern des Hauses, in der Familie, in der Gemeinde gesucht werden. Ms die erste Ursache ist die mangelhafte, jüdische Bildung der Kinder heroorzuhebcn. Die jungen Leute üben die Gottesgebote, solange sie im elterlichen Hause und unter elterlicher Aufsicht sich befinden, gewohnheitsmäßig. Vom Geiste und Wesen des Judenthums, von den unendlichen Schätzen, welche unsere heilige Religion für ihre wahrhaften Bekenner birgt, erfahren sie sehr wenig. Die Kämpfe, die den Jüngling gerade in religiöser Beziehung erwarten, sind in unserer Zeit unendlich hart zu bestehen. Der junge Mann hat in uichtjüdischen Schulen einen Unterricht genossen, der auf durchaus fremden Grundlagen beruht; die Bücher, aus und an denen er die deutsche und die fremden Sprachen erlernt hat, die deutschen und fremdländischen Klassiker, die Zeitungen und Zeitschriften, die heutzutage jeder halbwüchsige Knabe schon liest — das Alles gibt ihm eine Geistesrichtuna, die dem Judenthum überfremd ist und demselben vielfach diametral entgegensteht. Was kennt er dagegen vom Judenthume? Eine Anzahl Gesetze, die man ihm als „Ceremonien" bezeichnet hat; Ceremonien, äußere Förmlichkeiten etwa, wie sie willkürlich bei Hofe oder in einer Freimaurerloge eingeführt sind? Und diesen Ceremonien zu Liebe, die ihm keine andere Bedeutung als alte, Jahrhunderte alte Gewohnheiten haben, soll er sich schwere Entbehrungen auflegen, soll er hungern oder höchst frugal leben, wo er keine jüdische Kost haben kann, soll er am Sabbat nicht rauchen, soll er die mächtigste aller Leidenschaften, den Geschlechtstrieb, unterdrücken? So geräth der Jüngling allmählich auf die abschüssige Bahn, auf der es keinen Halt mehr gibt, bis er vielleicht tiefer sinkt als ein Anderer, der nie eine religiöse Erziehung genossen hat. Daher ist der segensvolle Einfluß, den die in neuerer Zeit gegründeten höheren, jüdischen Unterrichtsanstalten haben, von unberechenbarer Bedeutung. Ein mit tüchtigem, jüdischem Wissen ausgestatteter Jüngling, der aus den Quellen der isr. Religion geschöpft hat den lautern Bronnen des Lebens, der die Bedeutung vieler Rcligionsgesetze kennt, und bei denen, die er nicht zu ergründen weiß, sich zu bescheiden gelernt hat, der ist gewappnet gegen alle Gefahren, der kennt den Geist des Judenthums und weiß, um wie. viel höher dieser steht als der Geist des sogenannten freien Menschenthums, der ihm aus Büchern und Zeitschriften, im Kaffeehaus und in den Eisenbahnwaggons entgegentritt. Dennoch aber finden wir hie und da, selbst bei solchen Kindern gesetzestreuer Eltern, die eine sorgfältige jüdische Bildung genossen haben, daß sie vom rechten Wege abweichen und in der allgemeinen Fluth versinken; aber auch da ist es in der Regel ein Mangel in der Erziehung, der solche betrübende Ereignisse zur Folge hat. Wir finden nur zu häufig, daß die Eltern selbst schwankend und unentschieden sind, daß sie nicht alle Gottesgesetze beobachten, sondern nach ihrer Bequemlichkeit eine Auswahl treffen, daß sie in Bezug auf die Kinder gleichgiltig sind, daß sie nicht gewissenhaft die Kinder an die Ausübung der Gottesgebote gewöhnen, daß sie nachsichtig dreinschauen, wenn dieses oder jenes nicht geschieht, daß sie gern den Kindern gegenüber ein Auge schließen, um nur halb zu beobachten, um nur das zu sehen, was ihnen gefällt, um zu dem Andern schweigen zu dürfen. Ist es da ein Wunder, wenn sich den Kindern die Ueberzeugung aufdrängt, es sei auch den Eltern nicht Ernst um die Erfüllung der Gottesgebote, auch diese beobachteten sie nur um der alten Gewohnheit willen, während sie kaum Etwas dagegen haben würden, wenn die jüngere Generation sie ganz hintenansetzte? Was sollen wir erst von denjenigen gesetzestreuen Eltern sagen, die ihrer Töchter Glück zu begründen vermeinen, wenn sie dieselben an Männer verheirathen, die längst nur noch dem Namen nach Juden sind? Müssen da nicht die eigenen Kinder die Eltern geringschätzen und deren Religiosität verachten? Wenn Jemand sein Heil in der Erfüllung der Gebote des