Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 7 (1866)
- Issue
- Heft 47 (21.11.1866)
- Date
- 1866-11-21
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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774 Flehentlich bat Reuben um einen Platz im Wagen für seinen schwachen todtmüden Großvater. Freundlich schaute der wohlbeleibte Bürger der freien Reichsstadt in das offene, schöne Antlitz des Knaben. „Halt an, Heinz," rief er seinem Kutscher zu, „damit der alte Mann einsteigen kann!" — Rauben holte den Großvater herbei, der sich nur mit Mühe von seinem Rasensitze erhob. „Was? den alten, bärtigen Juden soll ich in meinen Wagen laden!" rief zornig der Patricier. „Heinz, fahre zu!" Fort rollte der Wagen; Reuben weinte. „Weine nicht, mein Kind," sprach Elasar, „ich fühle mich gekräftigt; ich werde den Weg zu Fuß zurücklegen können." m. In einem elenden Häuschen in der Nähe des jüdischen Friedhofs lag auf ärmlichem Lager ein alter kranker Mann; vor dem Bette saß ein Glaubensgenosse, eifrig aus einem Büchlein betend; zu Füßen des Bettes stand ein Knabe, still vor sich hinweincnd. Da richtete sich der alte Mann empor und rief: „Seid ihr da, Rabbi Bezalel?" „„Hier bin ich,"" sprach Rabbi Bezalel, sich erhebend; „„hier bin ich, Rabbi Elasar."" „Gebt mir eure Hand, Rabbi Bezalel. . . . Ach, wie wohl thut es mir, die Hand eines Mannes zu soffen, dessen Vater mein Jugendfreund gewesen. Wie lange ist es, daß Rabbi Simcha da draußen ruht?" „„Es wird 10 Jahre am Chanukahfeste."" „Und Rabbi Tobiah's Mirel war eure Mutter? Sie war noch ein kleines Kind, da ich Nürnberg verließ. Und von meinen Verwandten lebt Niemand mehr hier? Was ist aus den Kindern meines Onkels Rabbi Abraham Mireaensburg geworden?" „„Sie sind nach Worms gezogen?"" „Und mein Vetter Eliah Lohr?" „„Er ist kinderlos verstorben!"" „Und mein Lehrer Nabbi Koppel Aschbach?" „„Er ward als Rabbiner nach Straßburg berufen, wo seine Kinder und Enkel noch heute leben."" Elasar sank auf sein Lager zurück; er fühlte sich in seine Iugeudjahre zurückversetzt. Lange lag er da; Reuben war, an das Bett gelehnt, eingeschlafen; Bezalel betete wieder. Nach einiger Zeit goß Bezalel ein wenig Wein in einen Löffel, um davon dem Kranken einzuflößen. „Rabbi Bezalel," sprach da der Kranke, „ich fühle meine letzte Stunde herankommen. Sorgt für das Kind; dann werde ich ruhig sterben." „„Ich werde für den Knaben sorgen."" „Laßt ihn „lernen", er hat gute Anlagen. Gott rvird's euch lohnen!" „„Ich werde ihn „lernen" lassen!"" „Gebt mir eure Hand darauf, versprecht mir's bei dem Andenken eures Vaters, der mein Freund gewesen." „„Ich verspreche euch bei dem Andenken meines Vaters, euren Enkel in mein Haus zu nehmen, ihn zu halten und zu erziehen wie mein eigenes Kind, vorausgesetzt, daß der Junge brav, gut und fromm bleibt. Artet er aber aus, so bin ich meines Versprechens los und ledig."" „Reuben!" rief Elasar, den Knaben weckend. Reuben taumelte aus dem Schlafe empor; in wenigen Minuten war er munter und küßte des Großvaters Hand. „Mein Kind," sprach dieser, „erinnerst du dich noch deines Vaters?" „„Nur dunkel, lieber Großvater; ich weiß nur noch, daß er mich segnete, ehe er starb."" „Kannst du dir das Bild deiner Mutter noch in's Gedächtniß rufen?" „„Nein, Großvater, ich habe keine Vorstellung mehr von ihr."" „Ich glaube es dir, armes Kind! Du zähltest zwei Jahre, als dir die Mutter starb und kaum ein! Jahr mehr, als dein Vater aus diesem Leben schied.! Seitdem war ich dir Vater und Mutter, und du warst! mir stets ein guter, gehorsamer Sohn. Mein Reuben, auch ich scheide jetzt von dir; ich habe nur noch wenige Stunden zu leben. Weine nicht und höre auf das, was ich dir jetzt sagen werde. Rabbi Bezalel hier, ein Sohn meines Jugendfreundes Rabbi Simchah, will dich zu sich in's Haus nehmen, will für dich sorgen wie für sein Kind, wenn du brav und gut und fromm bleibst. O, mein Reuben, sei deinem Wohlthäter dankbar und mache ihm Freude. Droben, am Throne des himmlischen Vaters werde ich für dich beten. Sei stark und fest, daß du stets Gottes Gebote beobachtest und ausharrest voll Muth und Gottvertrauen selbst in den größten Leiden. Laß Verzweiflung nicht Raum gewinnen in deinem Herzen. Diese Welt gleichet der Nacht, die künftige dem Hellen, freundlichen Tage! — Lebe wohl, mein Reuben, mein Kind, lebe wohl!" Nachdem Elasar so gesprochen, sank er auf sein Lager zurück; Reuben warf sich auf ihn, bedeckte seine Hand mit Küssen und Thränen. Sanft zog ihn Rabbi Bezalel zurück; da erhob sich Elasar noch einmal. Mit lauter Stimme rief er: „Schma Jisrael — Höre, Israel, der Ewige, der ist unser Gott, der Ewige ist einzig!" Dann entfloh seine unsterbliche Seele der irdischen Hülle! — (Fortsetzung folgt). Hierzu eine Beilage. Verantwortliche Redaktion: vr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. — Dampf - Schnellprefsendruck von I. Gott sieben in Mainz.