Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 7 (1866)
- Issue
- Heft 47 (21.11.1866)
- Date
- 1866-11-21
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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772 umfliegen, da wollt' ich sehen, was es gebe und nötigenfalls die armen Juden beschützen. Präs.: Sie haben der Anna Wälisch, „Koza" genannt, geholfen, Federbetten durch das Fenster heraus zu ziehen. — Angekl.: Ich wollte ihr's entreißen, damit sie den Eigenthümern zurückgestellt werden. Präs.: Die Koza hat Ihnen die Steine gereicht, die Sie dann in die oberen Stockwerke warfen. — Angekl.: Das waren damals Tage der Trunkenheit, ich weiß nicht mehr, was geschah. Präs.: Ein Zeuge sah Sie, wie Sie Sich in der sogenannten deutschen Gasse damit unterhielten, die Fenster einzuschlagen, der Zeuge zog Sie mit sich fort und wollte Sie im Wirthshause festhalten, Sie aber, als Sie schießen hörten, liefen hinaus unters Volk. Man sah Sie ferner aus der deutschen Gasse hinauslaufen und einen Prügel in das Zimmer des Heinrich Fürth werfen; dem Bürger Hromaoka, der die Juden gegen Sie in Schutz nehmen wollte, versetzten Sie einen Schlag und versuchten ihn weiter zu mißhandeln, er wurde aber durch seinen Sohn Ihren Fäusten entzogen. — Angekl.: Das soll Hromaoka beschwören, wenn er's kann. Der Zeuge Hromadka wird vorgerufen. Er erzählt, der Bursche sei ganz allein vor das Haus gekommen und habe Steine und Prügel in die Fenster geworfen: Der Zeuge trat ihm mit den Worten entgegen: „Du nichtswürdiger Bursche, wirst du die Juden in Ruh lassen!" Tonner lief davon, später aber als die Gasse gesäubert werden sollte, kam er auf den Zeugen los, gefolgt von einer mit Prügeln bewaffneten Menge, und schrie: „Du bist doch der Judenfreund", wobei er demselben acht bis neun Hiebe ins Gesicht versetzte. Der Sohn des Mißhandelten zog diesen ins Haus. Der Zeuge, Herr Hromaoka, wird beeidet. — Angekl.: Nachdem der Mensch geschworen, möge er's verantworten. Ich unterziehe mich jetzt willig der Strafe. Der Polizeirevisor aus Schüttenhofen, Martin Strzedlicky, der nun vernommen werden soll, ist total taub und der Gerichtsdiener muß ihm die Fragen des Präsidenten ins Ohr schreien. Präs.: Was wissen Sie von den am 12. März vorgefallenen Ereignissen in Schüttenhofen. — Gerichtsdiener (schreit): Was wissen Sie von den Schüttenhofner Ereignissen? — Zeuge (nach einer Pause gutmüthig): Nichts, nichts, gar nichts, sie haben nur Fenster eingeschlagen. Präs.: Was thatensie später? — Gerichtsdiener (schreit): Was thaten sie später? — Zeuge: Sie nahmen den Juden die Sachen weg. Weiter weiß ich nichts. Der Zeuge wird entlassen und die beiden städtischen Polizeidiener vorgerufen. Dieselben sagen übereinstimmend aus, Tonner habe den Leutm zugerufen: „Ins erste Stockwerk des Weil werft keine Steine, dort wohnen Christen", dann sei er mit der „Koza" durch die Gasse getanzt. (Fortsetzung folgt.) m Pra«>, 12. Nov. Heute wurde in Pisek das Urtheil im'Proceffe der Schüttenhofener Excedenten gefällt. Anna Wälisch, die Hauptschuldige, wurde zu 8 Jahren schweren Kerkers, zwei andere Angeklagte zu 3 Jahren, zwei wurden zu 2 Jahren und drei zu Ijährigem schweren Kerker, dreizehn zu 1—6 Monate, zwanzig zu 3—14 Tagen verurtheilt. Zwei und zwanzig Angeklagte wurden freigesprochen und nur 4 schuldlos erklärt. (Pr) Lemberg. Das vom hiesigen Gemeinderathe ausgearbeitete und vom Landtage mit unbedeutenden Modifikationen votirte Statut der Stadt Lemberg hat die kaiserliche Sanktion nicht erhalten, und zwar aus Anlaß der Bestimmungen des Statutes hinsichtlich der Juden. Namentlich konnte dem Statute die Sanktion nicht ertheilt werden, wegen der mit dem allgemeinen Gemeindegesetze im Wiederspruch stehenden Bestimmungen, daß z. B. das Vermögen der Stadt Lemberg ausschließliches Eigenthum der christlichen Gemeinde dieser Stadt sei, daß auf hundert Gemeinderaths-Mitglieder nur 20, das ist ein Fünftel, Israeliten gewählt werden können, und wegen ähnlicher die Israeliten beeinträchtigender Paragraphen. Das Statut wurde dem Landesausschusse zurückgestellt, wird wahrscheinlich in der bevorstehenden Landtagssitzung um gearbeitet und wiederholt zur Sanktion vorgelegt werden. England. London, 7. November. Dem „Wiener Fremdenblatt" wird von hier geschrieben: Die Beliebtheit, deren sich der jetzt abtretende Lord-Mayor in höherem Grade erfreute, als seit vielen Jahren einer seiner Vorgänger im Amte, fand gestern Abend einen würdigen Ausdruck: die ersten Bürger des City-Distriktes, den er als Alderman lange vertreten, gaben ihm ein Bankett in der Hall der Stationer-Campagny und machten ihm ein prächtiges silbernes Theeservice im Werthe von 700 Pf. St. zum Geschenke. Palästina. Jaffa. Die amerikanischen Colonisten aus Maine sind nun endlich angekommen. 35 jüdische Familien, die zusammen 150 Seelen zählen, sind mit einem Schiffe angekommen und haben sich vorderhand an der Küste niedergelassen, wo sie in mitgebrachten Zelten vorerst wohnen- Die Führer dieser Colonisten haben im Vereine mit den erfahrensten Männern der Gesellschaft verschiedene Expeditionen in das Innere des Landes unternommen, um eine passende Stelle zu finden, an der sie sich bleibend niederlassen könnten.