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Der Israelit · 1866-11-21 · Heft 47 (21.11.1866) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
7 (1866)
Issue
Heft 47 (21.11.1866)
Date
1866-11-21
Page
– (sequence 3)
Language
German
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769 „Meine liebe Pauline", nahm darauf Emilie das Wort, „wie ist dein LooS doch ein beneidenswerthes im Vergleich mit dem meinigen! Ich habe keine Erinnerungen aus einem großelterlichen Hause, ich habe mir kein Ideal gemacht vom ehelichen Leben, und meine Ansprüche an das eheliche Glück sind sehr bescheiden. Mit wenigen Worten kann ich euch meine Lage schildern: ich werde baldigst mit meinem Kinde meinen Mann verlassen und in das elterliche Haus zurückkehren. Ich würde das nicht thun, würde es meines Knaben wegen nicht thun, wenn mein Loos irgendwie erträglich wäre. Daß aber mein Mann die Ehre seines Weibes derart mißachtet, daß er in unserm Hause das heilige Band verletzt, das uns verbindet, — das kann ich nicht ertragen! Anfangs machte ich ihm Vorwürfe. Er lachte mich aus. Meine Prüderien, meinte er, seien ein längst überwundener Standpunkt, ein.Ueberrest religiöser Vorurtheile, wie sie sich in meines Vaters Hause noch erhalten hätten, gerade wie das Hornblasen am Neujahr und das Fasten am Versöhnungstage. Als ich ihm mit Trennung drohte, da lachte er wieder, und sagte, er habe mich nicht meines Geldes wegen genommen; er könne mein Geld entbehren. Wenn ich seinen Neigungen entgegentreten wollte, so wäre es bester, wenn Jedes seinen eigenen Weg ginge. Ach, er liebt mich nicht mehr; meine Schönheit ist rasch verblüht, und sein elendes Herz hängt nur am äußern Scheine. So habe ich denn meinen Entschluß gefaßt, ich kehre zu meinen Eltern zurück." „Glücklich," sprach darauf Auguste, „die du noch zu deinen Eltern zurückkehren kannst. Was soll ich aber thun, der auch dieser Weg abgeschnitten ist? Ihr erinnert euch wohl noch, daß ich bei der Confirmation das Glaubensbekenntniß zu sprechen hatte, in dem wir den Schwur ablegten, bis zum letzten Athemzuge dem JudenthUme treu zu bleiben. Wie zum Hohne darauf sandten mich meine Eltern in ein christliches Pensionat nach O. Mein Vater meinte, nur in einem nichtjüdischen Pensionate könne sich eine junge Dame den rechten Kon ton aneignen. Er wählte ein solches Institut aus, in welchem keine pietistischen Neigungen vorherrschten. Nichtsdestoweniger machte es sich da von selbst, daß mir ein Widerwille gegen alles Jüdische beigebracht wurde. Nachdem ich das Pensionat verlassen, brachte ich einige Monate bei meiner Tante in B. zu, in deren Salon grundsätzlich nur Nichtjuden zugelaffen wurden. Hier lernte ich einen jungen Künstler kennen, dem ich bei meinem Reichthum als eine begehrenswerthe Partie erschien; er wußte mir Liebe einzuflößen. Als meine Ellern von diesem Verhältnisse erfuhren, boten sie Alles auf, um demselben entgegenzutreten; mein Vater bat und flehte, meine Mutter weinte. Ich aber konnte nicht begreifen, was mich sn das Judenthum fesseln sollte. Im Confirmandenuuterrichte hatte ich zwar einige Sittenlehren desselben kennen gelernt; allein diese hat ja das Christenthum auch, und das Spezifisch-Jüdische war uns als überflüssiges, veraltetes, dem Geiste der Zeit nicht mehr entsprechendes Beiwerk dargestellt worden. Nach empfangener Taufe heirathete ich Robert. Ach, ich sollte es bitter bereuen! O, erlaßt mir eine Schilderung all des Elends und all der Kränkungen, die ich zu ertragen habe; bei jeder Gelegenheit muß ich es hören, daß ich als Jüdin geboren bin. Nicht etwa, daß Robert ein gläubiger Christ ist — nein, es ist die Racenverschiedenheit, die Stammesabneigung, die uns trennt. — Bald nach meiner Hochzeit zog eine Cousine nach B., mit der ich Umgang pflege. In ihrem Hause habe ich erst Juden und Judenthum kennen gelernt; ich habe dort jüdische Barmherzigkeit, jüdische Innigkeit, jüdisches Familienleben gesehen. Der Mann meiner Cousine, der eine tüchtige jüdische Bildung genossen hat, erklärt mir stets die Ceremonien und Gebräuche und Gesetze; ich lernte durch ihn Israels glorreiche Vergangenheit und erhabene Zukunft kennen. Robert, der oft zugegen ist, erkennt das Alles an; er ist in religiösen Dingen völlig gleichgiltig, und faßt Alles vom künstlerischen Standpunkte auf; wenn er mich kränkt, so thut er es nicht aus bösem Herzen, sondern aus angeborener und angezogener Abneigung gegen den jüdischen Stamm. In meinem Herzen aber herrscht ein furchtbarer Zwiespalt — wie wird es noch mit mir enden? — Der Mann meiner Cousine sagt oft, mich treffe bei der antijüdischen Erziehung, die ich genosten, kein Vorwurf; allein das hindert nicht, daß ich mich namenlos elend fühle." — Glaube nicht, lieber Leser, daß wir dir hier Phantasiegemälde vorgeführt haben. Gehe hin nach Wien, Berlin, Frankfurt, Paris, Cöln, Stuttgart, Hamburg, Breslau rc. rc., und du wirst, wenn du dich umschaust, nur zu viele Personen finden, die in den hier geschilderten Zuständen leben. Gehe doch hin und frage sie doch, diese Männer und Frauen, die auf der Höhe der Zeit zu stehen vermeinen, ob ihr Herz nicht leer, ihr Lebenszweck nicht verfehlt ist? ob sie etwas Anderes kennen als Gewinn und Genuß, ob der köstliche Duft der Havanna am Sabbat, ob die lucullischen Gaftmähler im Hotel Munsch in Wien, bei Mylius in Berlin oder im Hotel äu Louvre in Paris, ob die Orgien der ^'eunesoe ckoräe, ob die glänzenden Bälle bei der Kaute kiuaoee oder der kauts äiplowatis, ob die Maskenbälle und Redouten, ob das Theater und die Oper auch nur den geringsten Ersatz bieten für das jüdische Familienleben des gläubigen, frommen Israeliten? Der fromme, wahrhafte Jude lebt nicht, um zu erwerben und zu genießen, sondern er erwirbt und

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