Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 7 (1866)
- Issue
- Heft 46 (14.11.1866)
- Date
- 1866-11-14
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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754 Sie werden leicht daraus ersehen, daß das erste diplomatisch-mysteriös, bas zweite oppositionell gehaltene Schriftstück dazu angethan ist, einen näheren Commentar zu beanspruchen. Nun, der Redacteur der Zeitung des Judenthums, welcher bald nach dem Erscheinen des mehrerwähnten Statuts der Marks-Haindorfschen Stiftung die Gemeinden aufforderte, nicht bei'm Negiren und Protestiren derselben stehen zu bleiben, sondern durch die Gründung eines neuen Seminars ihre Thatkraft zu argumentiren, sah sich plötzlich durch das unerwartete rasche, selbstständige Vorgehen der Gemeinden Köln, Düsseldorf und Crefeld und deren Rabbiner umgangen, seine Eitelkeit ward aufs Höchste verletzt, — denn wie sollte und durfte ohne ihn eine neue Schöpfung in's Leben treten? Was das deutsche Judenthum producirt, muß doch lediglich von ihm ausgehen, und sie erinnern sich wohl noch, welchen Aerger der große Mann erduldete, als das Rabbiner-Seminar in Breslau ohne ihn gegründet wurde — und siehe da, plötzlich tritt er als Friedens- Apostel auf, conferirt, ohne von irgend einer Seite accreditirt zu sein, mit Herrn Rittergutsbesitzer Löb wegen Abänderung der Paragraphen, macht im vollen Widerspruch mit sich selbst Propaganda für das bestehende Seminar in Westphalen, verdammt die Errichtung eines neuen und beschwört alle seine — der hohlen Phrasen und windiger Worte — Verehrer und Bewunderer schriftlich und mündlich, daß sie sein unsterbliches Friedenswerk unterstützen mögen. Der Vorstand in Köln, der noch unlängst ein amtliches Rundschreiben erließ, worin es heißt, daß er die Bestrebungen der Gemeinden zur Bildung eines neuen Seminars für beide Provinzen zu fördern entschlossen sei, der Vorstand, dessen Mitglieder sich überdieß dem Comitä zur Gründung eines Seminars in Rheinland (?) angeschlossen haben, durfte, wollte er sich nicht ein zu grelles Dementi geben, wenigstens nicht öffentlich und offen ihm entgegenkommen; er beschloß darum unter dem ganz nichtigen Vorwände einer Petitionsoorlage an die Kammer der Abgeordneten und anderer das Gutachten berührender wichtiger Fragen eine Monstre-Zusammenkunft, welche den mit der Sachlage Vertrauten als Intention, die zu eilfertige und ohne Philippson's Zustimmung in die Hand genommene Creirung einer neuen Lehranstalt unter dem Deckmantel des allgemeinen Stimmrechts widerfahren zu lassen, erscheinen mußte und leider durste. Das dritte Schriftstück, welches die Kölnische Zeitung am 30. Oktober als Reclame veröffentlichte, ist leicht verständlich; es war ein stiller Protest gegen die Einladung Philippsorfs und Consorten und der von ihnen vorgeschlagenen Tagesordnung. — Und nun zu unserer Conferenz. Wie groß war unser Erstaunen, als wir inmitten dieser Versammlung, deren Entschließungen voräuszusehen waren, die Unterzeichner der vorstehenden Erklärung, die Herren Rabbiner Schwarz und Feilchenfeld, sahen; sie konnten unmöglich Posto fassen und wären besser zu Hause geblieben. Doch nächstens darüber mehr. Schließlich die Nachmittags-Eröffnungsrede deL Herrn vr. Schwarz — in den zwei Vormittagsstunden wurde leeres Stroh über die Petition gedroschen — welche ich nur stenographirte, da mit ihr die Debatten begannen und die Parteien, mit ihren kleinen und groben Geschützen in's Feld zogen. Der Redner hatte sein Pulver auf einmal verschossen: Meine Herren! Es gereicht Ihnen zu hoher Ehre und Sie erwerben sich ein großes Verdienst, daß Sie sich hier zusammengefunden aus zwei Principien, aus der Nähe und Ferne, um einen Gegenstand zu berathe«, von dessen Erledigung das intellektuelle und religiöse Wohl kommender Geschlechter abhängig ist, wir meinen: die Gründung einer Stätte, in welcher die geistigen Väter unserer Kinder das Licht der Erkenntniß und die Lehre der Wahrheit aus reiner lauterer Quelle schöpfen sollen. Wie Sie wissen, tragen die vom Staate zu gleichen Zwecken errichteten Anstalten einen ausgeprägten konfessionellen Charakter, und genügen sohin umsoweniger zur Ausbildung jüdischer Schulamts-Candidaten, weil diese nicht nur Elementar-, sondern auch Religionslehrer und in den kleineren Gemeinden gewissermaßen geistliche Funktionäre werden sollen, folglich ihre ausreichende Befähigung für den Religions¬ und hebräischen Unterricht und die Vornahme cultueller Acte nur in svecifisch jüdischen Seminarien erlangen können. Wie und wo unsere Glaubensgenossen gesorgt haben, um ihre Lehrer ausbilden zu lassen, dieses an der Hand statistischer Belege zu beantworten, würde mich von meinem Thema entfernen, es genüge darum die Angabe, daß in unserem engeren Vaterlands zur Zeit — inclusive der annectirten Provinzen — fünf jüdische Lehranstalten bestehen: in Berlin^ Breslau, Münster, Hannover und Cassel. Wenn ich nicht irre, dann ist das seminar in Münster das älteste von allen, und es war ein kühner, glücklicher Gedanke, gereist in der Seele eines hochsinnigen Gelehrten, eine solche Anstalt in's Leben zu rufen. Mit welcher aufopfernden Hingebung der intelligente Gründer sein Ziel verfolgte, mit welcher Liebe er die Anstalt an sein edles Herz schloß, an welchem sie erwärmte und längere Zeit blühte, das hat die Geschichte bereits dankbar Ln ihren Annalen vermerkt, hat das. Andenken des großen Humanisten verewigt. Und trotzalledem — ich lese diese Frage jetzt in Ihren Blicken — trotz deiner Lobeserhebung willst dn sein Werk, das er als ein theures Erbe zurückgelaffen, zerstören, um ein neues an seiner Stelle aufzuführen? Meine Herren! Wir wollen das Seminar in Westphalen nicht zerstören, wir wolle» seine Trümmer «ichL