Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 7 (1866)
- Issue
- Heft 45 (7.11.1866)
- Date
- 1866-11-07
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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746 dahin unbescholten gewesen war, obgleich er einen Selbstmordversuch begangen hatte. Vom Präsidenten über seine Antecedentien befragt, gibt er zur Antwort, er sei unbescholten. Präs.: Laut dem vorliegenden Bericht der Linzer Behörden sind Sie daselbst wegen Betrug und Falschmeldung zu zweijährigem Kerker verurtheilt worden, weshalb Ihnen auch die Konzession entzogen wurde. Sie sind doch dem Gerichte Wahrhaftigkeit schuldig, warum lügen Sie? - Angekl.: Ich fühlte mich nie schuldbewußt, ich habe eine Strafe abgebüßt, die ich nicht verdiente. Erwägen Sie nun, ob ich gezwungen werden kann, die über mich Unschuldigen verhängte Strafe weiter zu erzählen. Jst's doch Jedermann verboten, einem, der seine Strafe abgebüßt, noch Borwürfe zu machen. Bevor ich sage, ich sei schon abgestraft, da lieber den Tod. Präs.: Was ist gegenwärtig Ihre Beschäftigung? — Angekl.: Ich lebe gegenwärtig bei meinen Eltern in Bergstadtl bei Schüttenhofen. Präs.: Was führte Sie nach Schüttenhofen, woselbst Sie sich schon acht Tage vor dem Ausbruch der Excesse aufgehalten hatten. — Angekl. (hastig): Nichts als Herzensangelegenheiten, meine Geliebte ist in Schüttenbofen. O wenn Sie wüßten, was Liebe ist! leider aber mischten sich Klatschereien in das Ganze und so beschloß ich, Schüttenhofen und Böhmen überhaupt binnen acht Tagen zu verlassen. Präs.: Sie haben in Schüttenhofen viele Zuckerpfeifen eingekauft, und sie mit der Aufforderung, „nur! recht zu pfeifen", unter die Leute vsrtheilt; wie waren! Ihnen solche Geldopfer möglich, da Sie so dürftig waren, daß Sie selbst im Gasthaus Ihre Zeche nicht bezahlen konnten? — Angekl.: Die Pfeifen waren billig, sie kosteten einen Kreuzer per Stück. Ich dachte mir, da glbt's einen Jahrmarktsjux und kaufte Pfeifen. In Galizien pflegt man auf den Jahrmärkten Sehnliches zu thun, man pfeift dort, beschüttet die Leute mit Wasser, bewirft sie mit faulen Eiern, Erdäpfeln und anderen Dingen. Präs.: Sie gaben die Pfeifen Jedermann mit der dringenden Aufforderung, nur recht zu pfeifen. — Angekl.: Ich gab die Pfeifen, da sie aus Zucker waren, nur erwachsenen Männern, die daheim Kinder hatten, das Pfeifen, ebenso das „Stribro"-Rufen war ja nicht verboten, man hat darüber allgemein gelacht und Tag für Tag sprachen die Zeitungen darüber. Die Beamten selbst, die die Regierung angestellt, riesen sich „Stribro" zu und einen Gendarm selbst habe ich pfeifen gehört, der Zuckerbäcker, bei dem der Gendarm die Pfeife kaufte, kann es bezeugen. Dies Alles bestärkte mich in dem Wahne, es sei auf einen bloßen Jux abgesehen. Präs.: Den beiden Hoffmann, welche, als sie ihen Heimweg nach Bergstadtl antraten, Sie aufforderten, mitzugehen, sagten Sie: „Ich gehe nicht, eS wird hier gegen die Juden losgehen" („veoo ss scks xroti säckum rasls"). — Angekl.: Damit habe ich noch nicht gesagt, daß ich auf die Juden gehen werde. Präs.: Als Sie hörten, daß ein junger Mensch verhaftet wurde, ließen Sie im Wirthshause das Bier stehen und begaben sich schleunigst unter das Volk, dort agirten Sie lebhaft mit Stock und Händen. — Angekl.: Da ich Geometer, so ergriff ich die Gelegenheit, um dem eben versammelten Volke meine Dienste anzubieten, ich dachte, vielleicht giebt's für mich Arbeit in Schüttenhofen. (Heiterkeit.) Präs.: Was konnte Ihnen an der Arbeit liegen, da Sie binnen acht Tagen Böhmen zu verlassen im Sinne hatten? — Angekl.: (Etwas verblüfft nach einer Pause.) Die Bitten meiner Geliebten und meiner Angehörigen bestimmten mich, wieder meinen Entschluß zu ändern. Präs.: Die Israeliten wurden während der dem Jahrmarkts vorangehenden Tage auffallend verhöhnt und beschimpft. Sie haben sich ebenfalls am Pfeifen und „Stribro-Rufen" betheiligt, was hat Sie dazu veranlaßt? Haben Sie die Juden gar so arg gehaßt? — Angekl.: I bewahre, ich bin ihnen gut und habe ihnen nie zu schaden gesucht. Präs.: Viel Sympathie haben Sie ihnen indeß am Jahrmarktstage nicht bewiesen. Sie standen lachend dabei, als der Laden des Fürth ausgeplündert wurde. — Angekl. : Das Lachen kann ein verschiedenes sein, man kann lachen aus Schmerz, Trauer, Zorn, Mitleid . . . (Heiterkeit.) Präs.: Das immer mehr aufgeregte Volk zog gerade hinter Ihnen einher, Sie blieben vor dem Hause des Fürth stehen und auch das Volk blieb dort stehen, und alsbald fielen die Steine und Prügel in Fürth'S Wohnung. — Angekl.: Merkwürdig! mir ist doch das Haus des Fürth ganz unbekannt. Präs: In der Gaststube beim Fächer trat das Dienstmädchen Mathilde Marzik weinend zu Ihnen und sagte, wie sehr sie sich ängstige, da ihre Eltern in einem Judenhause wohnen. Sie trösteten sie mit den Worten: „Seid unbesorgt, den Christen, wenn sie auch in Judenhäusern wohnen, wird nichts geschehen. Wie wußten Sie das? — Angekl.: Das war ja selbstverständlich, daß man den Christen nichts anhaben werde. Präs. : Sie haben ferner gesagt, in dieser Stadtgegend wird nichts mehr vorfallen, es wird jetzt dorthin gehen und dabei haben Sie in der Richtung gegen die Zündholzfabrik zu gezeigt. — Angekl. : DaL hatte ich aus Gesprächen im Wirthshause erfahren. Präs.: Jeder ruhige, anständige Mensch sucht sich von Skandal fernzuhatten, Sie aber haben ihn geradezu ausgesucht. — Angekl.: Ich habe Erfahrung in solchen Sachen; in Ungarn, bei der KastralvermeffunL