Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 7 (1866)
- Issue
- Heft 45 (7.11.1866)
- Date
- 1866-11-07
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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742 „Was wollt Zhr mit diesen Quittungen?" „„Ich werde sie als Andenken aufbewahren; wenn ich jemals verzweifeln sollte, so werde ich sie betrachten und mir die wunderbaren Fügungen Gottes vergegenwärtigen, durch die es mir armem Manne möglich gewesen, 1000 Gulden auf einmal zu verschenken."" „Warum habt Ihr die iOOO Gulden nicht behalten? Man hätte Euch nichts anhaben können. Ihr hättet's ja als Darlehen betrachten und später bezahlen können." „„Ich habe Ihnen schon einmal gesagt, daß ich immer mein Wort halte; wie ich es gelobt, so mußte ich es erfüllen. NQb-78 'rn-rs heißt es ja in der Haphtauroh, die ich gestern vortrug."" „Hier unter meinem Fenster habt Ihr lange gestanden und Euch mehrmals an den Kopf gefaßt. Was ist da in Euch vorqegangen?" „„Die Versuchung war an mich herangetreten; ich habe sie unter göttlichem Beistände überwunden."" „Ihr seid aufrichtig, Ihr gefallt mir. Ich werde Euch die Quittungen abkaufen. Was verlangt Ihr dafür?" „„Die Quittuugen haben keinen Werth. Wollen Sie mir Etwas dafür geben, so werde ich es als Beisteuer zur Ernährung meiner armen Mutter betrachten"" „Man rechnet bei Euch nach Thalern, so muß ich Euch wohl in dieser Münze bezahlen; ich habe einige preußische Cafsenscheine liegen; ich will sie suchen." Bei diesen Worten öffnete Rimbach seinen großen eisernen Cassaschrank, nahm ein Körbchen voll Papiere heraus und suchte lange. Endlich nahm er zwei Scheine und sagte: >.Jch gebe Euch für die drei Quittungen zwei Papierchen; Ihr seht, ich mache ein gutes Geschäft." Raphael nahm die Papiere; es waren zwei Fünfhundert Thaler-Scheine. „„Herr Rimbach,"" rief «r fast erschreckt, „„Sie haben Sich geirrt, Sie haben mir tausend Thaler gegeben!"" „Löü Rimbach irrt sich niemals!" sagte der alte Mann mit Würde: und schob Raphael zur Thüre hinaus, die er von innen verriegelte; dann nahm er sein Taschentuch und trocknete sein Gesicht ab; zwei dicke Thronen waren ihm an den Wangen heruntergelausen. „Wie sagt unier Rabbiner?" sprach er vor sich hin, O.l'rinbin ich habe keine Kinder; mögen meine guten Werke die Nachkommen ersetzen. Wie oft spotten die Leute über die zwei Heller, die ich dem Bettler reiche? Aber der Mann verdient's, ich habe ihn geprüft." Draußen stand Raphael ganz betäubt; endlich faßte er sich; er wollte Herrn Rimbach danken; wollte seine Hände mit Küssen bedecken, wollte ihm danken im Namen seiner Mutter, seiner Braut. Was hatte er nicht Alles noch seinem Wohlthäter zu sagen? Aber die Thüre war verriegelt. Raphael pochte, erst leise, dann lauter — keine Antwort. „„Herr Rimbach,"" rief er, „„öffnen L>ie doch."" „Wenn Ihr nicht gleich geht," erscholl es drinnen, „so schicke ich nach der Polizei und lasse Euch Hinauswersen!" Da ging Raphael; sein erster Gang war zu seinem freundlichen Wirthe, dem er freudestrahlend sein Glück verkündete. Dann kaufte er sich anständige Kleidung und einen anständigen Reisekoffer, löste ein Billet am Bahnhof und luhr klopfenden Herzens der Heirnoth zu. Als der Zug an dem israelitischen Friedhof vorüberbrauste, traten Raphael die Thränen in die Augen. Hier hatte er verzweifelt, als er den Tod des alten Blnmberg erfuhr, und jetzt . . . „Wie groß sind Deine Werke, o Herr, sehr tief Deine Pläne! Der unwissende Mensch begreift sie nicht, der Thor sieht es nicht ein." Sollen wir das Entzücken der Mutter und das der Braut zu schildern versuchen, da Raphael ganz unerwartet zur Thüre hereintritt, da sie seinen jchönen Anzug und seinen hübschen Reisekoffer erblicken, da er endlich, unfähig ein Wort zu sprechen, den einen noch ungervechseUen Fünfhundertthalerschein und daneben vier Hunderte nnd noch einige Zehner auf den Tisch legt? Sollen wir das fröhliche Hüttenffst schildern, das diese drei Menschen mitsammen in seligster Stimmung feierten? Wir beschränken uns darauf, mitzutheilen, daß am 15. Marcheschwon Raphaels Hochzeit stattgefunden hat. Herrn Rimbach hatte das Brautpaar eingeladen, der Feier als „Unterführer" anzuwohnen; er hatte aber die Einladung nicht angenommen; die große Reise sei für seine vorgerückten Jahre, zumal im Winter, zu beschwerlich, schrieb er; als Beweis seines Wohlwollens lege er jedoch für die Braut ein preußisches dreieinhalbprccentiges Hundertthalerloos bei und wünsche den höchsten Gewinn. Allein Raphael meinte, er habe den höchsten Gewinn schon gewonnen, den nämlich, sich und die Seinigen durch seiner Hände Arbeit in Ehren nnd Wohlstand ernähren zu können. dDsrri 'p -psiib 2ivi! — Bei der Trauung wählte der Rabbiner den Text aus der Haphtaia Jonah: „Was ich gelobt habe, will ich bezahlen — Hilfe ist bei Gott." Hierzu eine Beilage. Verantwortliche Redaction: Di. Lehmann. — Vertag der Le Roux'schen Hoföuch Handlung. — Dampf - Schnellprefsendruck von I. Gottsleben in Mainz.