Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1866-11-07 · Heft 45 (7.11.1866) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
7 (1866)
Issue
Heft 45 (7.11.1866)
Date
1866-11-07
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2447245-2447283--04625-2460090
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

741 gen die ganze Kehilla. Als aber Raphael tausend Gulden zum Besten des neuen Krankenhauses gelobte, da war man halb versöhnt; man durchschaute sofort das Ganze, und mußte anerkennen, daß Rimbach auf edle Weise sich rächte; auch Rosenbaum lächelte vergnügt; er freute sich, daß dem Krankenhausfond eine so schöne Summe zufließen sollte. — Man war jedoch ganz ausgesöhnt, da Raphael die Haphtara nicht allein correct, sondern auch mit Empfindung und sichtbarem Verständniß vortrug. Als er die Worte -wn „Was ich gelobt habe, werde ich bezahlen — Hilfe ist bei Gott!" mit besonderem Nachdruck hervorhob, da lief ein Gemurmel des Beifalls und der Zustimmung durch die ganze Synagoge. Abends beim Imbiß sagte Raphaels freundlicher Wirth zu diesem: „Nun, Sie sind ja auf einmal reich geworden! Wer hätte gestern, als Sie mit mir vom Friedhöfe hierhergingen, gedacht, daß Sie unserm Krankenhause 1000 Gulden schenken würden?" „ „Ja," " entgegnete Raphael mit halb traurigem, halb zufriedenem Lächeln, „„ich hätte eher geglaubt, daß der Himmel zur Erde fallen würde, als daß ich heute tausend Gulden verschenken könnte."" „Hm," sagte der Andere, „Gott thut auch heutzutage noch Wunder, Er wird auch Ihnen helfen." V. Am andern Tage begab sich Raphael zu Rimbach. „Ach," sagte dieser, „Ihr wollt mich an die Erfüllung meines Versprechens erinnern! Setzt Euch! Woher seid Ihr und was habt Ihr in R. zu thun?" Raphael erzählte seine ganze Geschichte. „Hm," sagte Rimbach, „der selige Blumberg war ein guter Freund von mir; er war aus Eurer Gegend hier eingewandert. Nun, tröstet Euch, er hätte Euch doch nicht helfen können; aber Gott kann helfen. Hier habt Ihr 10 Hundertguldenscheine und noch zwei Fünfguldens cheine, einen für den Chasan und einen für den Schammeß. Nun merkt Euch, was ich Euch sage. Dies Geld ist Euer; Ihr könnt damit thun, was Ihr wollt; Ihr könnt es behalten und damit nach Hause reisen oder Euer gestern gegebenes Versprechen erfüllen. Thut Ihr das Letztere, so seid so gut und bringt mir die Quittung. Der Hekdesch - Gabbai (Hospitalvorsteher) heißt Weinmann und wohnt in der Bleidengaste Nr. 16. Adieu!" Als Raphael das Haus verließ, befand er sich in der größten Aufregung; er hatte in seinem Leben noch keine solche Summe Geldes in Händen gehabt, wie viel weniger besessen. Wenn er nach Haus käme und so viel Geld mit heimbrächte — da könnte er seine Schulden bezahlen, sein Geschäft beginnen, heirathen und Wohlstand, ja Reichthum erringen! Und nun sollte er daS Geld wieder aus Händen geben! noch gehörte es ihm; der sonderbare alte Mann hatte es ja ausdrücklich ihm geschenkt. Wenn er damit heimreiste, wer könnte ihm was anhaben? Man hätte ihn in seiner Heimath verklagen müssen, und wahrscheinlich würden ihn die Gesetze seiner Heimath nicht verpflichten, das Geld herauszugeben. Ueberdies würde die Gemeinde zu R. sicherlich die Weitläufigkeiten eines Proeesses im fremden Lande scheuen. Wenn er dann mit Hilfe dieses Geldes viel verdient, so könne er es ja noch immer zurückzahlen. Er war vor dem Haule Rimbach's stehen geblieben, während diese Gedanken ihm durch den Kopf schwirrten. Jetzt blickte er zum Hause hinauf. Rimbach stand am Fenster und beobachtete ihn. „Nein," sagte Raphael, „ich werde halten, waS ich gestern zu diesem Manne gesagt habe; ich werde erfüllen, was ich an heiliger Stätte am heiligen Jom Kippur gelobt habe. 'npur" 'rniI iLm, Was ich gelobt habe, werde ich bezahlen — Hilfe ist bei Gott!" (Jonah 2, 10.) Er eilte in die Bleidenstraße und lieferte das Geld dem Hospitalvorsteher ab, wie er es empfangen hatte. Auch dem Vorsänger und dem Synagogendiener gab er, was er für sie erhalten hatte; von Jedem ließ er sich eine Quittung schreiben; dann kehrte er zu Rimbach zurück. Rimbach's Antlitz leuchtete, als er die Quittungen sah und prüfte. „Ihr seid ein braver Mann, Raphael," sagte er; „nun wollen auch wir mit einander abrechnen!" „„Abrechnen? Wieso? Sie sind mir nichts schuldig."" „Nun, für Eure Mühe, für die Haphtauroh, die Ihr so schön vorgetragen habt, für die Wege, die Ihr heute gegangen seid." „„Im Gegentheil, ich bin Ihnen dankbar für die Ehrenbezeugung und für die große Mizwoh, die Sie mich haben thun lasten."" „Glaubt Ihr denn, ich hätte Euch ehren wollen? Wißt Ihr nicht, was hier vorgegangen ist?" „»Ich habe es gestern Abend vernommen."" „Nun denn, so sagt mir, was ich Euch schuldig bin.* „„Sie sind mir gar nichts schuldig. Wenn Sie mir aber eine Gefälligkeit erweisen wollen, so verschaffen Sie mir ein Darlehen.von zweihundert Thalern, daß ich meine Schulden bezahlen und mein Geschäft beginnen kann."" „Gefälligkeiten erweise ich nicht gern. Aber, wenn ich auch wollte, der Kreis meiner Freunde ist gar klein — überdies, wer wird Euch 200 Thlr. borgen? Was für Sicherheit habt Ihr zu bieten?" „„Nun denn, so geben Sie mir die Quittungen, damit ich weiter gehe.""

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.