Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 7 (1866)
- Issue
- Heft 44 (31.10.1866)
- Date
- 1866-10-31
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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72S war grenzenlos, er konnte den Namen Rosenbaums nicht mehr nennen hören, und äußerte seinen Aerger bei jeder Gelegenheit; wiederholt hatte ihn Rosenbaum um Verzeihung gebeten, namentlich in den Borbereitungstagen zum Versöhnungsfeste, allein Rimbach blieb unerbittlich; selbst der Rabbiner hatte seinen Einfluß vergeblich angewendet. Die ganze Gemeinde stand in diesem Streite auf der Seite Rosenbaums, und Jeder schmähte den Ggensinn des starrköpfigen Greises. — Vor dem Minchah-Gebete waren nun heute die Mizwoth für den morgigen Tag verkauft worden; seit vielen, vielen Jahren hatte Herz Rosenbaum die Haphtara Jonah gesagt; stets hatten seine zahlreichen Freunde dafür gesorgt, daß ihm diese Ehre zu Theil geworden; Rimbach betheiligte sich nie an der Versteigerung; er wollte Niemanden ehren und von Niemandem geehrt sein. Heute aber hatte er sich herumgedreht und laut gerufen: „Was, ein Mensch, der sein Wort nicht hält, soll die Haphthauro Jaunoh sagen!" Dann hatte er darauf geboten; bis zu hundert Gulden hatten Rosenbaum's Freunde mitgeboten, als aber Rimbach 101 fl. rief, da gaben sie es auf, den Halsstarrigen zu überbieten. „Wem wird er die Haphtauroh geben?" fragte Einer den Andern, „er selbst ist ein Lewi und kann sie nicht sagen." Da flog die Parole durch die Synagoge, daß Niemand die Haphtara von Leo Rimbach annehmen solle; Alles, reich wie arm, stimmt darin überein. Da der Lärm immer größer wurde, so ließ der Rabbiner, um ihn zu beschwichtigen, mit dem Gebete beginnen. In diesem Augenblicke war es, da Raphael mit seinen Begleitern in die Synagoge getreten war. m Der Jom Kippur war herangekommen; Raphael hatte kaum Zeit gehabt, sich vom Staube zu reinigen, feinen Anzug zu wechseln und Etwas zu genießen. Sein Begleiter vom Friedhofe her hatte ihm ein Machsor geborgt und einen Sessel verschafft. Die rührende und ergreifende Melodie des Kol-Nidre durchhallte die Synagogenrärime. Vergessen sind die Leidenschaften des Tages — sündige Menschen stehen in Sterbegewändern vor Gott, ihrem Richter, — Verzeihung, Vergebung, Versöhnung erbittend. Der Rabbiner besteigt die Kanzel und spricht in wahrhaft herzergreifender Weise; er nimmt zum Text die Eingangsworte des Versöhnungstages: „Und es sei verziehen der ganzen Gemeinde der Kinder Israel und dem Fremdling der Ln ihrer Mitte weilt, denn Alle haben nur irrthümlich gesündigt." (4. B. M. 15, 26). „Meine Kinder," spricht er, „wir sind allefammt große Sünder; wir wissen es ja bei uns, wir haben nicht bloß irrthümlich, wir haben auch gar oft mit Absicht gesündigt. Wie können wir nun hintreten vor Gott und behaupten, wir hätten bloß irrthümlich gesündigt? Aber, wenn wir unsere Fehler bereuen, wenn wir Buße thun und Besserung geloben, so werden unsere muthwilligen zu irrtümlichen Sünden, so zeigen wir ja dadurch, daß wir damals, als wir die böse Absicht hatten, im Jrrthume besangen waren. Und Gott ist gnädig und barmherzig, und Er verzeiht. Und wir, die wir allesammt sündige Menschen, sollten unbarmherzig und halsstarrig sein Einer gegen den Andern? Und noch dazu, wenn wir wissen, daß unser Bruder nur aus Jrrthum, ohne bösen Willen gegen uns gefehlt hat? Wir wollen Gnade erlangen von Gott und wollen Ihm nicht nachahmen in Gnade und Barmherzigkeit? Rein, meine Kinder, Solches möge nicht geschehen in Israel." — So sprach er noch lange, seine Worte mit Aussprüchen der heiligen Schrift bekräftigend und mit Gleichnissen aus Midrasch und Talmud zu Herzen führend. Als er geendigt hatte, waren Aller Augen auf Rimbach gerichtet. Dieser war tief ergriffen, und ein Thränenstrom hatte seine Wangen genetzt; er ging nach dem Schlüsse der Deraschah zu Rosenbaum, drückte ihm die Hand und sprach mit von Thränen erstickter Stimme: „Verzeiht mir, Rabbi Herz, daß ich Euch Unrecht gethan habe." — „„Reden Sie nicht so, Herr Rimbach,"" erwiderte dieser, „„verzeihen Sie mir, daß ich Ihnen nicht Wort gehalten habe."" „Es ist Alles vergeben und vergessen," nahm Rimbach da das Wort, „wir wollen wieder Freunde sein." Mit Befriedigung schaute die ganze Gemeinde auf die Beiden; der Rabbiner war wie verklärt darob, daß es ihm gelungen war, Versöhnung zu stiften am Versöhnungstage. In zwiefach gehobener Stimmung wurde das Gebet wieder ausgenommen. Als der Abendgottesdienst vorüber war und Rimbach die Synagoge verließ, gesellte sich ein Bekannter zu ihm und sagte: „Sie haben Sich heute sehr gut benommen, Herr Rimbach!"— „„Ich brauche Eure Haskomoh (Beistimmung) nicht,"" entgegnete Rimbach barsch. Der Andere ließ sich jedoch durch die barsche Antwort nicht abweisen und fuhr fort: „„Jetzt können Sie doch die Haphtauro Jaunoh dem Rosenbaum geben — kein Anderer hätte Sie von Ihnen angenommen!"" „„Was?"" fragte Rimbach überrascht. „Wie ich Ihnen sage, Herr Rimbach; alle Baale Battim (Gemeindemitglieder) haben Sich verabredet, die Haphtauro nicht anzunehmen, die Sie demRoseubaum weggekauft haben." In den Zügen Rimbachs ging eine plötzliche Veränderung vor; Haß, Rache, Trotz prägten sich darin aus. Alls Leidenschaften waren wieder erwacht, der Eindruck der Derascha war spurlos verschwunden. Ohne den Abschiedsgruß des Andern zu erwidern.