Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 7 (1866)
- Issue
- Heft 44 (31.10.1866)
- Date
- 1866-10-31
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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728 ten in die Dörfer, um für den Verein Mitglieder zu recrutiren und den Haß gegen die Juden zu verbreiten. Diese saubere Gesellschaft zählt unter ihren Mitgliedern mehrere der höchsten Beamten, unter Anderen auch den Inspektor des öffentlichen Unterrichts. Die Israeliten wollten ihre Klagen dem Gouvernement zu Petersburg Vorbringen, welches schon seit mehreren Jahren an der Verbesserung ihrer Lage arbeitet, und von dieser verabscheuungswürdigen Propaganda nichts zu wissen scheint. Unglücklicherweise haben sie wegen des Belagerungszustandes kein Mittel, dorthin zu kommen, und befinden sich in einer Panique, welche, so hoffen sie, die Regierung gewiß beseitigen würde, wenn sie davon wüßte. (Die „Alliance Jsraelite", der wir für Ueberschickung dieser Nachricht Dank sagen, wird sicher wieder mit ihrer hilfreichen Hand für unsere armen Brüder einstehen. Möge der Allgütige ihr Bestreben segnen. Red. des „Israelit".) Asien. Bochara, (Mittelasien). — Der berühmte Reisende durch Mittelasien, Vambery,*) schilderte die Lage der Juden in Bochara folgendermaßen (Reise in Mittelasien, Leipzig, 1865 S. 293): Juden giebt es gegen 10,000 im Chanate, die größtentheils in Bochara, Samarkand und Karschi leben und sich mehr mit Handwerk als mit Handel beschäftigen. Ihrem Ursprünge nach sind sie persische Juden und zwar noch aus der ersten Gefangenschaft. Sie sind aus Kaswin und Merw vor 150 Jahren hierher gewandert und leben in der größten Unterdrückung und Verachtung. Sie dürfen sich nur an der Schwelle zeigen, wenn sie einen Rechtgläubigen besuchen wollen, uud wenn sie von letzterem einen Besuch erhalten, müssen sie eiligst ihr eigenes Haus verlassen und sich vor die Thüre stellen. In Bochara zahlen sie jährlich 2000 Tilla Dschisie (Tribut), den der Gerne mdevorftand überbringt und dabei für die ganze Gemeinde zwei leichte Ohrfeigen bekommt, was der Koran als Unterthänigkeitszeichen vorschreiöt. Auf den Ruf der Privilegien der Juden in der Türkei sind einige nach Damaskus und andern Orten Syriens ausgewandert, doch darf dies nur im Geheimen geschehen, da sonst dis Emigrationslust mit Consiskation oder Tod bestraft wird. Auffallend ist, wie sie Postverbindung durch die jährlich aus Turkestan nach Mekka gehenden Hadschis unterhalten; auch meine Reisegefährten hatten mehrere Briefe mitgebracht und suchten die Adressaten auf. (Hoffen wir, daß durch die kürzlich von uns gemeldete Initiative Rußlands das Loos unserer dornigen Glaubensgenossen ein günstigeres wird. — Red.) *) Anm. der Red.: Bambery, gegenwärtig Professor in Pesth, ist ein getaufter Jude; er hieß ursprünglich Bamberg und stammt aus Preßburg. Feuilleton. Haphtara Jomch. (Fortsetzung.) II R. ist eine große, wohlhabende Gemeinde; zwei Männer ragen aus derselben durch Reichthum und Ansehen hervor, Herz Rosenbaum und Leo Rimbach; Beide sind fromm, Beide sind reich, Beide sind in der jüdischen Wissenschaft wohl bewandert, Beide sind wohlthätig, und doch sind sie grundverschieden von einander. Herz Rosenbaum sieht an der Spitze einer zahlreichen Familie, sein Haus ist allen Armen geöffnet; im Handel und Warürel äußerst rechtschaffen, im Umgänge gefällig, genießt er bei Juden wie Nichtjuden großes Ansehen; er ist schon einigemale zum Stadtrath gewählt worden, allein die Regierung hat die Wahl nicht bestätigt, weil Rosenbaum Jude ist. Selbstverständlich ist er Präsident des Gemeindevorstandes. Leo Rimbach gilt als Sonderling; vor fünfzig Jahren glücklich verheirathet, hat er nach wenigen Monaten seine Frau verloren und ist Wittwer geblieben; nicht etwa deßhalb, weil er über den Verlust des Weibes seiner Jugend untröstlich gewesen — er hat zwar die Lebensgefährtin betrauert, doch war sein Schmerz nicht gerade unmäßig; der eigentliche Grund seiner langen Wittwerschaft blieb ein ungelöstes Räthsel. Wir sagten oben, Rimbach sei wohlthätig; das ist wahr; allein er ist es in eigenthümlicher Weise. Kömmt ein armer Mann zu ihm, so läßt er sich auf einen Kreuzer zwei Heller wieder herausgeben; dagegen gibt er wohl 500 oder 1000 Gulden auf einmal, wenn es gilt, ein armes Mädchen auszustatten oder sonstwie ein gutes Werk zu stiften. Auch er ist redlich im Handel und Wandel, aber äußerst ungefällig, und halsstarrig bis zum Exceß. Dass ein solcher Mann im höchsten Grade unbeliebt ist, daß er nie für ein Gemeindeamt vorgeschlagen oder gar zu einem solchen gewählt wird, versteht sich von selbst. Leo Rimbach hat wenig Freunde und viele Feinde; aber das müssen ihm seine Feinde lassen: Rimbach hat noch nie sein Wort gebrochen. Selten versteht er sich dazu, Jemandem eine Gefälligkeit zu erweisen; hat er aber Etwas versprochen, so kann man auf die Erfüllung des Versprechens mit Sicherheit rechnen; in demselben Maße jedoch verlangt er das Worthalten von Anderen, und hat ihm Jemand nicht Wort gehalten, so wird er ihm ein unversöhnlicher Feind. Zur verflossenen Ostermesse hatte Rimbach in Leipzig Etwas zu besorgen gehabt; er hatte Rosenbaum, der zu jeder Messe nach Leipzig reist, gebeten, die Besorgung zu übernehmen; dieser hatte es auch versprochen, aber im Drange der Geschäfte vollständig vergessen. Rimbach's Wuttz