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Der Israelit · 1866-10-31 · Heft 44 (31.10.1866) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
7 (1866)
Issue
Heft 44 (31.10.1866)
Date
1866-10-31
Page
– (sequence 9)
Language
German
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VII. Jahrgang. Beilage zu Rr. 44 des Israelit. Leitender Artikel. Dir israel. Gemeinde zu Halderstadt. (Fortsetzung.) Der glänzendste Stern in der Geschichte der jüdischen Gemeinde ist unstreitig RabbiJisacharBermann (in den Acten stets Behrend Lehmann genannt), der Resident des Königs von Polen. Wir werden auf sein Leben und Wirken nächstens ausführlich zurückkomme». Zu seiner Zeit hatte die Gemeinde dem Rabbiner von Coblenz, Rabbi Jakob Cohn, Verfasser des „Scheb Jakob", das Rabbinat übertragen, der es jedoch vorzog, das ihm gleichfalls angetragene Rab- Linat von Frankfurt a. M. zu übernehmen. Rabbi Bermann sorgte dafür, daß die Gemeinde zu H. einen nicht minder bedeutenden Rabbinen erhielt. Es war dies R. Hirsch Bialeh*), auch Charif genannt (bekannt durch seine scharfsinnigen Fragen), Schwager des noch berühmter« Verfassers des kvn« ^ebosedua. Ihn begleiteten mehrere Schüler; unter Andern begleitete ihn ein Gelehrter Namens R. Moses, Sohn des R. Israel Jsserles, auch R. Mosch eh Brisk genannt, von dem das Memorialbuch sagte, „er glich an Reichhaltigkeit und Fülle talmudischen Wissens einem der alten Koryphäen;" jedoch an Tiefe der Idee und an Geschick, den massenhaften talmudischen Stoff zu durchdringen und die Resultate folgerichtig festzustellen wie auch an Scharfsinn, schwierige Stellen zucommentiren, Widersprüche zu lösen, Dunkeles aufzuhellen und Neues zu schaffen, darin hat ihn R. Hirsch übertroffen. Aber was das Haupterforderniß für die jüdische Praxis ist, die Meinungen der Vorgänger vollständig und massenhaft inne zu haben und nach gewissen Regeln darnach zu entscheiden, (und dazu gehört wohl mehr, als compilatorisches Wissen) — in dieser Beziehung soll R. Moses von keinem Zeitgenossen über- Iroffen worden sein. Beide Gelehrte schlossen sich hier so eng und fest an einander an, daß man sie für zwei in ununterbrochener Hausgenossenschaft lebende Brüder halten konnte, »nd oieS auf gegenseitige hohe Achtung gestützte freundschaftliche Verhältniß zeigte sich nicht nur segensreich durch den damit verbundenen unmittelbaren geistigen Verkehr und die Erweiterung ihres wissenschaftlichen 1) Er war der Sohn des R. Nastali Hirz, Ober-Rabbiners zu Lemberg, und Nachwmme des R. Moses Jfferlis; f. seine Approbation zu Torat-Kohamm mit dem Commentar Korban Aron» Dessau 1742. Gebietes, sondern auch für den Fortschritt und die geistige Entwickelung der damals sehr frequenten Halberstädter Jeschiba. Der Geschäftskreis eines großen Rabbiners damaliger Zeit öccupirte mindestens die Hälfte der Woche; die vielen rabbinischen Anfragen an ihn, sowohl von seiner, als von auswärtigen Gemeinden und Rabbinern, die Entscheidung der Civil- Prozesse in seiner Gemeinde und der Umgegend, welche, ungeachtet des weltlichen Jnterdicts der Executive, ihm oblag — das Alles nahm seine Zeit so in Anspruch, daß er den thorabeflissenen Jünglingen nur 1 bis 2 Stunden täglich widmen konnte, oft aber auch mehrere Wochen aussetzen mußte. Solche Lücken füllte R. Moses Brisk aus. Er belehrte zwar mehr durch die Reichhaltigkeit seines Wissens, als durch tiefen Jdeengang, während R. Hirsch Charis mehr in letzterer Beziehung leistete. Nichts destoweniger würdigte R. Hirsch des Erster« Lehrweise und rühmte sie seinen Schülern so begeistert, daß diese in dem talmudischen Heroen weit mehr die Bescheidenheit, den sittlichreligiösen Charakter, das reine Gemüth, als die Schätze seiner Gelehrsamkeit und seinen Scharfsinn bewunderten. Seine Milde, sein ftiedliebendes und demüthiges Wesen, seine Herablassung gegen Jeden, seine Dienstfertigkeil mit der höchsten Uneigennützigkeit gepaart, das Alles gab seinem Bilde eine unwiderstehliche Anziehungskraft, wodurch er sogleich Aller Herzen sich gewann und Jeden, der ihm nahe kam, eben so wohl mit Achtung und Ehrfurcht, als mit inniger Liebe erfüllte. Mit einem Worte: R. Hirsch galt seiner Gemeinde und seinen Schülern als das höchste Muster der Menschennatur und .in ganz Deutschland als maßgebende Autorität. 2) Seine halbjährigen Chilukim (Dissertationen) waren allerdings mit Pilpul verwebt, aber sein Schiur-Vortrag war markig, ideell und nur auf das Verständniß der Quellen-Schriften gerichtet, lieber leetivves Variante«, welches Edles und Loria verwarfen, pflegte er sich zu äußern: „mechkenen (ausstreichen und verwerfen) ist keine Kunst," und sein kritischer Blick wies dann scharfsinnig nach, daß gerade die alten schwierigen Lesarten die echtesten seien. Besonders haben wir es hervorzuheben, daßj er die damalige Ausartung der schwindelnden Pilpul-Chilukim mit den schärfsten Worten geißelte und kein Werk solchen Inhalts approbirte. In seiner Approbation zu dem Werke „Neser Hakodesch" und zu dem Jeruschalrni-Commentar^ von David Fränkel giebt er deutlich zu verstehen, daß man den Reiz zur Schriftstellerei auf talmudischem Gebiete unterdrücken müsse wegen des großen Nachtheils, daß 2) S. ri'2.1 von R. Meier Posener.

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