Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 7 (1866)
- Issue
- Heft 44 (31.10.1866)
- Date
- 1866-10-31
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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719 Ich erinnere mich mit Befriedigung und Dankbarkeit der Gebete, die in den verschiedenen Synagogen unserer Metropole vor meiner Abreise verrichtet wurden und ich bin dankbar dem Chief Rabbi, dem ehrwürdigen Or. Adler, für das rührende Gebet, das er für den Erfolg der Mission verfaßt hatte.*) Bewußt der schweren Verantwortung, welche ich übernommen hatte, fühlte ich, daß ich nicht passender und zuversichtlicher mein Unternehmen beginnen könnte, als daß ich mich auf das Grab derjenigen niederwerfe, die in mancher beschwerlichen Expedition mich mit ihrer liebenden Theilnahme ergötzte und mit ihrem unerschrockenen Geiste unterstützte, um dort vor dem allmächtigen Vater, der Wohlgefallen an Zion findet, zu flehen, mir die Wache seiner Engel zu verleihen, und mich und meine Reisegefährten während unserer bevorstehenden Reise zu beschützen, damit ich die Verwirklichung meiner Herzenswünsche für die Wohlfahrt Jerusalems vollführen könne. Donnerstag, den 27. Februar, Morgens, verließen wir England und kamen in derselben Nacht noch in Paris an, von wo aus wir nach Marseille reisten und daselbst Freitag, den 2. März, ankamen. Am Sabbattag, den-tch^m^mehr als einer Beziehung als den heiligen und gesegneten Tag der Ruhe betrachtete, verhinderte mich heftiger Regen, die Synagoge zu besuchen; da ich jedoch meine eigene „Sepher Thora" bei mir hatte, so lud ich eine Anzahl Glaubensgenoffen ein, mit mir eine Gebetversammlung zu bilden, und die Gebete wurden in der ernstesten Andacht verrichtet. Während des Tages hatten wir auch die Befriedigung, mehrere Besucher zu empfangen, welche mit beredten Worten von dem intellektuellen, moralischen und materiellen Stand der jüdischen Gemeinde zu Marseille sprachen. Beim Besteigen eines Boots zu Alexandrien verletzte ich mir einen Fuß. Dieses verursachte eine Verzögerung meiner Reise um einige Tage, welche ich zum Arrangement der vielen Dokumente, deren ich im heiligen Lande nöthig hatte, benutzte. Auch nahm ich hier Berichte des Chacham Joseph Burla und anderer Personen aus Jerusalem entgegen. Das Bedauern, das ich wegen der Unterbrechung meiner Reise empfand, wurde beträchtlich gemildert, durch die Unterhaltungen mit dem ehrwürdigen Chacham Nathan Amram und den Gemeindeältesten, welche mir von der günstigen Lage unserer Brüder zu Alexandrien erzählten, von denen ein großer Theil geläufig englisch, französisch und italienisch spricht, und die orientalische Tracht mit der europäischen vertauscht hat. Sonntag den 18. Mürz verließen wir Alexan¬ *) Dieses Gebet haben wir seiner Zeit im „Israelit* mitgetheilt, und es wurde m Folge dessen auch in vielen Synagoge» Deutschlands gebiet. drien und landeten Tags darauf Nachmittags um halb zwei zu Jaffa. Bei unserer Landung wurden wir von Sr. Excellenz dein Gouverneur der Stadt, dem Richter, dem Oberbefehlshaber der Truppen und den Repräsentanten der verschiedenen jüdischen Gemeinden begrüßt. Kaum war ich in meinem Hotel abgestiegen, als auch schon mehrere Depeschen aus Jerusalem uns herzlich bewillkommneten. Zahlreiche Deputationen kamen und gxatulirten mir zu meiner glücklichen Ankunft; auch hatte ich das Vergnügen, meinen Freund, den Consul Moore zu sprechen, der eigens zu meinem Empfange gekommen war und bereits die nöthigen Vorkehrungen für unsere Weiterreise nach der heiligen Stadt getroffen hatte. Vor meiner Abreise von England war als Plan und Zweck derselben der Beschluß gefaßt, mich einmal im heiligen Lande recht umzusehen, den socialen und moralischen Lebenswandel unserer dortigen Brüder auf's Gründlichste zu ftudiren, um daraus Anhaltspunkte zu schaffen, von welchen aus man am Besten an die nachdrückliche und bleibende Hilfeleistung für unsere Brüder Hand anlegen könne. Zu diesem Zwecke ließ ich verschiedene statistische Dokumente und Vergleichungen anfertigen, deren Einzelnheiten, so interessant sie auch sind, dennoch für diesen Bericht zu umfangreich sein würden. In diesen Arbeiten ist die Zahl der Synagogen, Schulen, Wohlthätigkeits- und sonstiger Anstalten unserer Glaubensgenossen im heiligen Lande ausgenommen, auch umfaßt dieselbe eine tabellarische Ausstellung des Alters, Eigenthums, der Beschäftigung und der Familiengröße der Einwohner. Um diese Rubriken ausfüllen zu lassen, übergab ich die Formulare den Vertretern der verschiedenen Gemeinden des heiligen Landes, die damals anwesend waren, auch sandte ich Boten an solche Gemeindevorsteher, die zu entfernt von Jaffa wohnen, um ihre Repräsentanten hierher schicken zu können. Ursprünglich war es mein Wunsch, nach einem eintägigen Aufenthalt zu Jaffa schon nach Jerusalem zu reisen, diese Absicht wurde jedoch durch die Krankheit meines sehr beklagten Freundes, des vr. Hodgkin, durchkreuzt. Da es mir sehr widerstrebte, ihn zu verlassen, so blieb ich bei ihm bis zum letzten Moment, bis es absolut nöthig war, nach Jerusalem zu reisen, um noch zeitig vor dem Peßachfeste dort zu sein. In dieser Zeit erhielten wir Beschreibungen von den Leiden und den furchtbaren Todesfällen, die unsere unglücklichen Bruder während dcs letzten Ausbruchs der Cholera zu erdulden gehabt hatten. Sehr oft wurden diese betrübenden Erzählungen durch das Erscheinen neuer, noch grüner Heuschrecken unterbrochen, welche die gefürchteten Vorläufer einer anderen schrecklichen Zeit sein sollten. Gar manchen Morgen hörten wir das Raffeln der Trommeln, welche die Einwohner Jaffa's vor Sonnenaufgang zu ihrer Pflicht, ein gewisses Maaß Heu-