Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 7 (1866)
- Issue
- Heft 43 (24.10.1866)
- Date
- 1866-10-24
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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708 Der Sohn einer armen Witlwe, mußte er seiner Neigung, die sich den Wissenschaften zuwandte, entgegen, schon früh die Schule verlassen und zu einem Schneider in die Lehre treten. Nach harter Lehrzeit kamen noch härtere Wanderjahre; Raphael mußte viel erdulden, um den Sabbat feiern, um die Speisegesetze halten zu können; er duldete freudig und gern. Nach zehnjähriger Abwesenheit kehrte er mit feinen mühevoll erworbenen geringen Ersparnissen in die Heimath zurück, um sich daselbst häuslich niederzulassen. Mit großer Sehnsucht ward er von seiner Mutter erwartet; mit nicht geringerer von seiner Cousine Esther, einer elternlosen, armen Waise, die Raphaels Mutter zu sich genommen hatte, um mit ihr gemeinsam — zu hungern und zu darben. War das ein Festtag, der Tag der Heimkehr! Da noch Zunftzwang herrschte in Raphaels Heimath, so mußte der Heimgekehrte erst sein Meisterstück machen, um das Meisterrecht zu erwerben. Seine Ersparnisse waren daraufgegangen, aber er war doch Meister geworden, und an Kunden würde es dem geschickten Manne nicht gefehlt haben. Der Tag des Meisterwerdens war zugleich der Tag seiner Verlobung; wenn die Kundschaft sich ein wenig ausgebreitet haben und das Geschäft ein bischen im Gange sein würde, dann sollte auch bald die Hochzeit gefeiert werden. Allein, der Mensch denkt und Gott lenkt; nur wenige Tage nach dem Verlobungsfeste sank Raphaels Mutter aufs Krankenlager. Wochenlang schwebte sie zwischen Tod und Lsben, und nur der vereinten sorgfältigen Pflege Raphaels und seiner Braut gelang es, sie dem Tode zu entreißen. In dieser ganzen Zeit hatte Rapbael nicht arbeiten, hatten alle drei nichts verdienen können, und hatten so viel brauchen müssen! Hundert Thaler Schulden, und nicht das Geringste, um die zum Geschäft nothwendigen Einkäufe zu besorgen oder auch nur die Mittel zum Lebensunterhalt zu verschaffen — das waren die traurigen Erfolge. „Mein Raphael," sagte die Mutter zu dem kummervollen Sohne, „uns bleibt noch ein Ausweg. In R. lebt mir ein Vetter, Jakob Blumberg heißt er. Ich habe zwar Jahre lang nichts von ihm gehört und ich kenne seine Vermögensverhältnisse nicht .... allein, viele Sendboten hat Gott, um aus der Noth zu erretten. Reise nach R., vielleicht schafft dir mein Vetter ein Darlehen, wenn er uns nicht aus eigenen Mitteln unterstützen kann." Raphael ist ein gehorsamer Sohn; er setzt zwar nur geringe Hoffnung auf den fernen, unbekannten Vetter; allein, er weiß nichts Besseres vorzuschlagen; er sucht also seinen alten, zerrissenen Tornister wieder hervor und wandert aufs Neue als Handwerksburfche durch Städte und Dörfer, durch vieler Herren Länder, hundert und zwanzig Stundm weit, um den einzigen Verwandten aufzusuchen, der ihm vielleicht helfen kann. — Heute endlich befindet er sich am Ziele; es ist der Friedhof von R., vor dem er stille steht. Da er sich wieder auf den Weg machen will, sieht er eine Staubwolke dem Friedhofe sich zuwälzen; es ist ein Leichenzug; ein Nachkomme Abrahams wird zu seinen Vätern gebettet. Raphael geht mit dem Zuge auf den Friedhof. Stille geht Alles voran: die sonst üblichen Gebete werden nicht verrichtet, denn eS ist Erew Jom Kippur. Bald schließt sich das Grab über seinem Bewohner, mit dem letzten Gruße iv „gehe in Frieden", entfernen sich die Freunde und Bekannten von dem, der nunmehr aus ihrer Mitte geschieden. Raphael verläßt mit ihnen den Friedhof. Er erkundigt sich nach der Wohnung seines Verwandten. Da bleiben die Männer erstaunt stehen. „Jakob Blumberg," sagt einer von ihnen, „wohnt jetzt draußen auf dem Friedhofe — wir haben ihn soeben zur Erde bestattet!" Leichenbläffe überzieht Raphaels Gesicht. „„Ich Unglücklicher,"" ruft er aus, „„hätte man mich doch mit ihm begraben!"" und bitterlich fängt er an zu weinen. Im Nu sammelt sich Alles um ihn. Raphael muß erzählen; man hört ihm aufmerksam zu. „Hm," sagt ein alter Mann, nachdem Raphael seine Erzählung geendet, um dann aufs Neuem Thronen auszubrechen, „trösten Sie Sich; es hätte Ihnen doch wenig genützt, wenn Sie auch den seligen Blumberg noch am Leben gefunden. Er war unbemittelt und lebte von dem, was ihm seine Kinder aus Amerika schickten. Auch sein Einfluß in der Gemeinde war nur gering. Trösten Sie Sich, Gott wird helfen. — Wir müssen uns jetzt beeilen, daß wir noch zum Minchahgebet in die Synagoge kommen. Nach Minchah zeige ich Ihnen eine Herberge und führe Sie dann in mein Haus, damit Sie Sich sättigen und kräftigen für den herannahenden Jom Kippur." Raphael konnte nichts erwiedern; er weinte still vor sich hin. Als er mit seinen Begleitern in die Synagoge kam, hatte der Vorsänger schon das Aschre-Gebet begonnen; allein die Leute schienen noch nicht beten zu wollen; sie unterhielten sich ziemlich laut, dabei heftig gestrculirend; augenscheinlich hatte sich eine große Aufregung aller Gemüther bemächtigt. Raphael kümmerte natürlich diese Aufregung nicht; er nimmt ein Büchelchen aus seinem Tornister und findet im Gebet wenigstens für den Augenblick Trost und Beruhigung. (Fortsetzung folgt). Hirrz» eine Beilage. Verantwortliche Redaction: Di-. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. — Dampf-Schnellpreffendruck von I. Gottsleben in Mainz.