Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1866-10-24 · Heft 43 (24.10.1866) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
7 (1866)
Issue
Heft 43 (24.10.1866)
Date
1866-10-24
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2447245-2447281--04588-2460051
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Hum an neuen Synagogen ein Characterzug des heutigen Israel, das den ganzen Inhalt seines Juden- IhumS aus dem Hause und dem Leben verbannt und dafür nur noch Raum in der Synagoge läßt. Merkwürdig und bezeichnend genug für die heutigen jüdischen Zustände ist es, daß die nach allen Autoritäten bis auf nur rabbinisches Gebot ist, unfern Reformhelden, die doch geschworene Feinde des Rabbinismus sind, als das hochheiligste Gut des Judenthums gilt, während sinaitische Gesetze, pentateuchische Verordnungen mit Handumdrehen aus ihrer Vorbildlichtest von denselben Reformhelden gehoben werden. Freilich ist die der Reform nur freilich hat sich in all den Cultusreformen der Aberwitz zur Ausprägung gebracht; aber es bleibt immer ein charakteristisches Zeichen für die Verirrungen unseres Geschlechtes, daß das rabbinische Gebot in höhere Geltung und Anerkennung bei demselben gekommen ist als selbst die Vorschriften der Thora. Wie es bei Ihnen im Süden aussehen mag, weiß ich n cht genau, aber es wird auch nicht viel anders als bei uns hier im Norden sein. Neben der monumentalen Herrlichkeit der Synagoge, die Entweihung des Sabbats durch Verkehr und Handel, neben dem architektonischsten Wunderbau der Synagoge die Trübung der israel. Reinheit im Hau'e. Ja, noch mehr, dieselbe Synagoge, in der der Gott Israels als Schöpfer des Weltalls, in welcher der Sabbat als das Zeichen des Bundes zwischen dem Weltenschöpfer und Israel gefeiert werden soll, wird in der Regel am Sabbat gebaut, und unsere Rabbiner , die opfernd und räuchernd an dem Altar jedes Zeitgötzen stehen, sind des Lobes voll ob des Fortschrittes der Gegenwart, durch welchen es die Juden dahin gebracht haben, selbstständige Schöpfer solcher Prachtbauten zu sein. Man kann sich des Ekels über solche sittliche Putridität und religiöse Verkommenbeit nicht erwehren, und man fragt sich mit Recht, müssen solche Zustände nicht nothwendig die Zersetzung und Auflösung dieses selbigen heutigen Israels yerbeiführen? Denn selbst die Synagogenbauten, die sich heute so vervielfältigen, bezeugen nicht einmal das Vorhandensein eines wirklichen — und wäre es auch nur negativ — religiösen Interesses, eines Interesses, wie es die Reform für sich beansprucht. Sind die Synagogen einmal erbaut, und hat sich das Ohr an die Gesänge und die deutschen Lieder gewöhnt, oder haben die Heißsporne der Reform sich nur überzeugt, daß ihre Wünsche Befriedigung und Berücksichtigung gefunden, dann bleiben die Synagogen das Jahr über leer stehen, höchstens .1"^ und find die Abzahlungstermine für das ganze Jahr, und das des Judenthums entkleidete Leben, und das desselben Judenthums entwöhnte Haus sorgen schon dafür, daß sich rn der Synagoge kein neuer Keim jüdischen Lebens m das Gemüth einsetze, daß darin der vielleicht nur schlummernde Gedanke jüdischen Wesens nicht wieder erwache. Unsere Alten, die nicht so viele Synagogen hatten, die sich in die bescheidensten vier Wände zurücki zogen, um dem Gott, dem ihr ganzes Leben geweiht war, den Zoll ihrer Anbetung zu bringen, waren darum nichts desto weniger die gotterfülltesten Träger des Judenthums, die treuesten Erben des sinaitischen Schatzes, die wahrhaftesten Depositäre des unvergleichlichen Thoragutes. Ach, jedes Haus war ein Heiligthum, und jedes Herz ein Gottesaltar, und jedes Lebenswerk trug das Gevräge der heiligsten Empfindung und Gesinnung. Unser Geschlecht, das Synagogen baut, verpißt seines Gottes rix run nHI'.-i, ihm dient die Synagoge seihst dazu, die Beziehungen des Lebens zum Judenthum aufzugeben, den Gottesdienst zum einzigen und alleinigen Factor des Judentums zu machen. Sie sehen, daß ib mich für dis synaqogalen Monumente der Gegenwart nichts weniger als echauffire, und wenn ich nichts desto weniger Ihnen in Folgendem einen Bericht über eins reftaurirte Synagogs erstatte, so ist es nicht so sehr dies Factum, als vielmehr die Einweihung der Synagoge, die hier das Jnteüesse beansprucht. Ob ein religiösesVedürsniß die Restauration der Synagoge in Schwerin (Mecklenburg) gefordert habe, will ich hier nicht untersuchen; thatsächllch hatte die alte Synagogs viele Mängel, besonders in Bezug auf die Emporen, wo sich die Frauensitze befanden, die zu enge geworden. Das können wir zu unserer Freude berichten, daß die Vorgangs beim Bau der Berliner und selbst der Hamburger Synagoge Golt sei Dank von keinem Einflüsse hier waren; am Sabbat ruhte der Bau. Daß dies nicht ohne den härtesten und angestrengtesten Kampf möglich war, können Sie Sich denken, besonders da man sich auf das orthodoxe Hamburg berief und der Landesrabbiner es sich zum festen Grundsätze gemacht bat, jede Intervention der Regierung zu meiden. Aber der Bau ruhte am Sabbat, uno wo ein solches hochwichtiges Re ultat erzielt wird, da ist auch der ermüdendste und aufreibendste Kampf ein gewiß lohnender zu nennen. Am 7. September wurde die Synagoge eingeweiht. Zu den Honoratioren, die zu diesem Feste eingeladen waren, gehörte auch das Ministerium. Ich weiß nicht, ob Ihnen die Stellung der Juden in Mecklenburg bekannt ist. Daß es in der Türkei besser um ihre bürgerlichen Verhältnisse besteht, dürfte Ihnen genügen, um einen Begriff von dem traurigen Stand der Mecklenburger Juden in staatlicher und bürgerlicher Beziehung zu erhalten. Daß sie keine Häuser, ja selbst keinen Garten ohne besondern Consens kaufen dürfen, und daß die Verabreichung dieses Consenses selbst ganz vo» dem Belieben jedes StadtdeSpoten, Bürgermeister genannt, abhängt, ist noch das geringste

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.